CD der Woche | MDR FIGARO | 14.01.2013 : Aaron Neville - "My True Story"
von Stefan Maelck, MDR FIGARO-Musikkritiker
In der großen amerikanischen Musikerstadt New Orleans sind zwei Familien quasi federführend - die Familie Marsalis und Neville. Einer der berühmten Neville Brothers - Aaron - hat jetzt ein neues Soloalbum vorgelegt.
Aaron Neville, geboren 1941 in New Orleans, ist mit Doo Wop aufgewachsen, aber natürlich auch mit Soul, Jazz, Rhythm & Blues, Cajun und Country. Die Lieder, die er jetzt für sein Debüt beim Label Blue Note augewählt hat, sind so etwas wie der Soundtrack seiner Jugend.
Zu den eigenen Wurzeln
Wenn man das Album genau anhört und mit anderen Neville-Alben vergleicht, dann hört man an seinen unverkennbaren Phrasierungen, den Harmonien und den typischen Endungen, nicht zuletzt an seinem Falsett, dass Aaron Neville im Grunde immer Doo Wop gemacht hat. Die Essenz dieser Musik steckte in jedem seiner Alben und sei es noch so schwülstige Popmusik gewesen wie z.B. das 1990er-Album "Cry like a rainstorm and howl like the wind", wo er zum Teil im Duett mit Linda Ronstadt ein paar der schönsten amerikanischen Schnulzen aller Zeiten hinlegte.
"My true Story" ist, verglichen mit solchen Alben, fast schon exzentrisch zu nennen. Dafür haben schon die beiden Produzenten gesorgt: Don Was, der von Bob Dylan bis Rolling Stones schon so gut wie den halben Popolymp veredelt hat und zugleich Präsident von Blue Note ist. Er wurde dabei unterstützt von seinem alten Kumpel Keith Richards, der ansonsten entweder Gitarre bei den Rolling Stones spielt oder in Bibliotheken von Leitern fällt.
Aaron Neville wäre nicht der Musiker, der er ist, wenn er sich bei dem Album auf reine Doo Wop-Klassiker beschränken würde. Purismus hatte in New Orleans noch nie etwas zu suchen.
Doo Wop?
Was ist das überhaupt: Klassischer Doo Wop? Einigen wir uns auf die Definition, Doo Wop sei ein Musikstil, der auf einem mehrstimmigen Gesangsarrangement basiert, dann ist das natürlich alles Doo Wop auf dem Album.
Was macht diese Musik noch aus? Der intensive Gebrauch von Melismen, also Tonfolgen oder Melodien, die auf einer Silbe gesungen werden. Außerdem steht der Bass im Vordergrund und hebt sich oft von den anderen Stimmen ab. Ansonsten basieren die Lieder auf der Harmonik von Rock’n’Roll und Rhythm & Blues. Seine Wurzeln hat Doo Wop im Gospel, im Jazz und Blues und im sogenannten Barbershop-Gesang, also in einer überwiegend homophonen a-cappella Musik mit einem vierstimmigen Akkord auf jeder Melodienote.
Zu den führenden Doo Wop-Gruppen gehören The Drifters, Little Anthony and the Imperials, Hank Ballard and the Midnighters, die Stars der 1950er- und 60er-Jahre. Meist bestanden diese Gruppen aus vier oder fünf Mitgliedern: Leadsänger, erster und zweiter Tenor, Bariton und Bass.
Hier erweitert Aaron Neville den Begriff einer stark männlichen dominierten Musik, in dem er ein Stück wie "Be my baby" von der Girl Group "The Ronettes" covert, also quasi Doo Wop mit dem typischen Phil Spector-"Wall of Sound" der 60er kombiniert.
Wahrer Sohn von New Orleans
Aaron Neville ist als Solist der erfolgreichste der Brüder Neville, er hat sich am weitesten in die kommerziellen Bereiche des Pop vorgewagt und keiner hat es ihm übel genommen. Er beherrscht jedes Element der amerikanischen Folkmusic - und trotzdem hat der "wahre Sohn von New Orleans", wie er genannt wird, sein erstes Gospelalbum erst mit 70 Jahren aufgenommen und dieses, sein erstes Doo Wop-Album sogar erst mit 71.
Unterstützt wird Neville von einer erstklassigen Band, allen voran Keith Richards, der genau wie Neville mit Doo Wop aufgewachsen ist. Fünf Tage haben die Studiosessions nur gedauert bis man 23 Songs im Kasten hatte von denen nun zwölf auf dem Album sind. Was natürlich die Hoffnung nährt, dass es in absehbarer Zeit ein "My True Story Vol.2" geben wird und die anderen Lieder nicht irgendwo verschwinden.
Angaben zur vorgestellten CD
Aaron Neville - "My True Story"
CD-Bestellnummer: 6234892
Label: Blue Note
