CD der Woche | MDR FIGARO | 25.06.2012 | Audio : "Symphonies by the Bach Sons"
von Beatrice Schwartner
Auch die Söhne Johann Sebastian Bachs komponierten vortreffliche Werke. Davon kann man sich mit dieser CD überzeugen. Das Concentus Bach spielt dabei farbenfroh und ohne Affektheischerei.
Ein alter Käfer, beigegrau, von hinten zu sehen, offenbar vor Jahren in einer Scheune abgestellt, die Konturen halb vom Schatten verschluckt. Das, was die Sonne beleuchtet ist eine dicke Staubschicht auf dem Auto. Auf den Fenstern Schmierspuren, als hätte jemand versucht reinzuschauen in diesen Klassiker. Wie lässt sich dieses Coverbild, der alte Käfer mit dem Inhalt der CD, den Sinfonien der Bach-Söhne zusammenbringen?
Frühklassische Sinfonien, damit verbindet man in der Regel den jungen Mozart oder Haydn. Man denkt an die Mannheimer Schule oder an Wien. Aber an die Bach-Söhne? Sie werden gern in eine Art Zeitloch geschoben - oder wie der Käfer in die Scheune, in ein Übergangsdomizil von der einen großartigen in die anderen großartigen Phase. Dabei sind die Sinfonien der Bach-Söhne weit mehr als nur Vorläufer der echten Klassiker.
Dass der Zeitraum, in denen die auf dieser CD erfassten drei Bach-Söhne Johann Christoph Friedrich (1732-1795), Carl Philipp Emanuel (1714-1788) und Johann Christian (1735-1782) Sinfonien schrieben, für jeden Einzelnen ein weites Versuchsfeld war, lässt sich auf der CD des Bach Concentus unter Leitung des Cembalisten Ewald Demeyere gut hören.
Zu seiner Zeit berühmter als der Vater
Beispielsweise bei Carl Philipp Emanuel Bach - in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts definitiv berühmter als sein Vater. Aus der Inventarliste seines Nachlasses von 1790 ergeben sich 18 Sinfonien, acht davon aus seiner Berliner Zeit bei Friedrich dem Großen. Mit zehn weiteren wurde er als Amts-Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Telemann in Hamburg beauftragt.
Doch können diese Zahlen stimmen? Zu Zeiten, da Friedrichs Hofkapelle oft und viel Sinfonik spielte, dass also Carl Philip Emanuel Bach in zwei Jahrzehnten nicht mehr als acht Sinfonien komponiert haben soll? Wohl kaum, vieles muss er selbst vernichtet haben oder es ist schlichtweg verloren gegangen. Doch das, was überlebt hat, ist umso eindrücklicher.
In der Klassik angekommen
Johann Christoph Friedrich, 18 Jahre jünger als Carl Philip Emanuel, der "Bückeburger Bach", kam nicht aus der Provinz heraus, komponierte dort aber mehr als 20 Sinfonien. Zehn frühe dreisätzige, mindestens genauso viele 20 Jahre später mit vier Sätzen. Damit erkundet er voller Elan die neuen Moden der Sinfonie, schreibt nicht mehr nur im empfindsamen Stil mit Verzögerungen und Seufzermotiven, sondern huldigt dem Sturm und Drang und scheint überhaupt schon sehr in der Klassik angekommen.
Der Londoner Bach
Der jüngste Sohn war Johann Christian, der nach des Vaters Tod bei seinem deutlich älteren Halbbruder Carl Philip Emanuel in Berlin wohnte, später nach Italien übersiedelte und dort, genauso wie schließlich auch in London vor allem für seine Opern und seine geistliche Musik verehrt wurde. Auch aus Johann Christians sinfonischem Schaffen ist die Oper kaum wegzudenken, begann er doch jede einzelne klassischerweise mit einer Ouvertüre, genauer einer dreiteiligen Sinfonia, die Johann Christians ausgeglichenen, galanten, vorklassischen Stil zeigen.
Ohne Affektheischerei
Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang haben hierfür die Interpreten von Concentus Bach ein unglaubliches Spektrum an Farben im petto. Das Spiel der Belgier ist gerade heraus, ohne die affektheischenden Mätzchen, die man sonst so hört - einfach, natürlich und immer dabei, Staub aufzuwirbeln, um damit die Sinfonien der Bach-Söhne genauso herauszuputzen, wie es der Käfer nötig hatte, den sie ihrem Werk auf dem Cover voranstellen.
Angaben zur vorgestellten CD
"Symphonies by the Bach Sons"
Werke von Johann Christoph Friedrich Bach, Johann Christian Bach und Carl Philipp Emanuel Bach
Ensemble: Bach Concentus
Leitung: Ewald Demeyere
Label: Accent (CD-Bestellnummer: ACC24257)
