Musik & Bühne

CD-Empfehlungen | MDR FIGARO | 25.02.2012 | 12:05 Uhr (Wh.) : Take 5

von Johannes Paetzold (Pop) und Beatrice Schwartner (Klassisch)

Jeden Montag stellt Ihnen MDR FIGARO Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor. Den fünf CD-Empfehlungen aus den Bereichen Jazz, Pop, Weltmusik und Chanson folgen fünf weitere CD-Tipps aus der klassischen Musik - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonnabends zwischen 12:05 und 13:00 Uhr.

Tindersticks - "The Something Rain"

Cover der CD: Tindersticks - "The Something Rain"
Label: City Slang (Bestellnummer: SLANG50015)

Die "Tindersticks" aus England haben ihren Fans seit den 90ern die dunklen Seiten der Popmusik in höchst poetischer Auflösung näher gebracht. Um den murmelnden Gesang ihres Masterminds Stuart A. Staples inszenierten sie musikalische Soundtracks, bildlich wie auch real für die Filme von Regisseurin Claire Denis. Und so fahren sie auf ihrem aktuellen Album "A Something Rain" fort, schrauben dabei aber ihren eigenen Standard weiter nach oben. Knapp zehn Minuten lang begleiten sie im Eröffnungssong "Chocolate" einen Mann, der durch die nächtlichen Clubs und Bars zieht. Der wunderbare Song "This Fire of Autumn" (mit Sängerin Gina Forster neben Staples) klingt, als wären Joy Division als Soulband zurückgekehrt.

Eine Magie geht von den Songs aus, die Anhänger der Tindersticks bei vergangenen Veröffentlichungen zusehends vermissten. Auf ihrem neunten Album präsentieren sie sich nun wieder als Band mit einer Vision, wenn auch einer düsteren. Die Streicher tragen die Songs durch nassgraue Gassen. Bei "Frozen" gibt es kurze Anklänge an Clubbeats, jedoch immer wieder zerstückelt von Geräuschen und dem Klang ferner quäkender Trompeten. Es ist ein wunderlich schönes Album, das Marktgesetze ignoriert, was als Zeichen der zunehmenden eigenen Lebensringe oder der Auflösung dieses einst vertrauten Musikmarktes gesehen werden kann.


Zita Swoon Group - "Wait For Me"

Cover der CD:  Zita Swoon Group - "Wait For Me"
Label: Crammed Discs (Bestellnummer: CRAW79)

Stef Kamil Carlens war Mitbegründer der belgischen Art-Rockband "Deus", die er Mitte der 90er verließ und dessen musikalischer Suche ihn zu seiner neuen Formation "Zita Swoon" brachte. Der vom französischen Chanson beeinflusste Indie-Rock von "Zita Swoon" klang schon immer anders als das, was Carlens' Zeitgenossen zum Ausdruck brachten. Aber mit "Wait for Me" geht Carlens gleich mehrere Schritte weiter. In Burkina Faso traf er auf Sängerin Awa Demé und Balafonspieler Diabaté Kibié. Afrika diente westlichen Musikern immer wieder als Musikquelle und Inspiration. Gleichzeitig konnten sie ihren Kollegen vor Ort eine internationale Plattform erschließen. Zita Swoons besondere Errungenschaft liegt nun hörbar darin begründet, ein Treffen auf musikalischer Augenhöhe zu gestalten. Einmal singt Awa Demé auf Dioula, dann übernimmt Carlens auf Englisch, eine Bruchstelle zwischen den gesungenen Sprachen im selben Song ist selten zu finden. Das Balafon schmiegt sich ebenso an die Rockgitarren, verschmilzt aber nicht, sondern beides bleibt für sich hörbar. Dies ist eine großartige Fusion, der vielleicht noch eine Produktionsexpertise eines Ry Cooder oder ähnlicher Sachverständiger gut getan hätte. Aber darüber hinaus ist es ein tolles, wegweisendes Aufeinandertreffen.


Soap&Skin - "Narrow"

Cover der CD: Soap&Skin - "Narrow"
Label: Play It Again Sam (Bestellnummer: PIASR520CDX)

Eine klassisch gebildete junge Österreicherin, die offene Akkorde auf dem Klavier schweben lässt und dazu tieftraurige entrückte Verse dichtet. Dazu nennt sich Anja Plaschg mit Künstlernamen "Soap&Skin" und schaut - zwischen missmutig und entrückt depressiv - der Kamera tief an der Linse vorbei. Wen wundert es, dass sich Kritiker der Feuilletons die Kopfhörer begeistert von den Ohren rissen und Elogen in ihre Tastaturen tippten. "Lovetune for Vacuum" hieß das Debüt von "Soap&Skin", "Liebeslieder für das Vakuum" - alles klar, verstanden. Das Heimatdorf namens Poppendorf, die elterliche Schweinemast widersprachen hier nicht der Mythenbildung, sondern wurden im Soge des Hype sogar noch förderlich.

Das Wunderkind ist inzwischen 22 Jahre alt und ihr Vater starb vor anderthalb Jahren. Ihre Trauer bringt "Soap&Skin" nun zum ersten Mal zur gesungenen deutschen Sprache. Im Eröffnungssong "Vater" dichtet sie ihm hinterher: "Der Sarg fällt zusammen, die Blumen fallen in die Wangen". Und später "Ich will eine Made sein". Dann legt sie noch einmal einen Bypass um das Englische, mit ihrer Coverversion des 80er-Jahre Discosongs "Voyage, Voyage" von Desireless. So gelungen in seiner Verschiebung von Discofloor zu väterlichem Abgesang, so zeigen sich hier auch die stimmlichen Begrenzungen von Anja Plaschg, vor allem wenn tiefe Töne versucht werden. So traurig der Anlass und die Umsetzung, so unfreiwillig komisch ist auch manchmal die Anmutung. Der Soundtrack zum aus dem Fenster springen. Aber es ist nicht das Stockwerk eines Wolkenkratzers, wie die Kritik der Anja Plaschg immer wieder große Fallhöhen zuschanzt. Dieser Absturz bietet dem Hörer durchaus Überlebenschancen.


Hanne Hukkelberg - "Featherbrain"

Cover der CD: Hanne Hukkelberg - "Featherbrain"
Label: Propeller Recordings (Bestellnummer: PRR051)

Hanne Hukkelberg ist mit dem Begriff "Popmusik" nur schwer beizukommen. So sammelt sie für ein neues Album schon mal zwei Jahre lang Stadt- und Waldgeräusche. Die studierte Musikerin testet aber auch Jazz, Elektronik oder Rock, um damit ihre musikalische Aussagen zu formen. Der Prenzlauer Berg war ihre zwischenzeitliche Wirkungsstätte, ihm widmete sie mit dem Album "Rykestr 68" eine musikalische Klangstrasse. Doch sie verließ das Hip-Viertel wieder, bevor die Latte-Macchiato-Fraktion ihre exotischen Sphären erden konnte.

Eine "sehr persönliche Note" wird ihr auch für ihr neues Album "Featherbrain" bescheinigt. Dies ist Musik aus den verschnörkelten Bereichen einer Kate Bush, es ist Philipp Glass und Steve Reich sicher verwandter, als Coldplay. "Featherbrain" sollte man nicht nebenher hören. Das Album lädt dazu ein, wie in einer musikalischen Vernissage die Klang-Gemälde abzuwandern, sich in Nuancen zu vertiefen, in Sirenengesang und exzentrischen Hemmungslosigkeiten. Das kann zuerst verschrecken. Und in der Tat wird hier musiziert, als gäbe es keine Bezüge und keine Geschichte der Popmusik zu verarbeiten. Da wird eine SMS zu Tönen verarbeitet oder der eigene Vater an die Kirchenorgel gesetzt. "Featherbrain" ist etwas für aufmerksame Zuhörer. Sehr aufmerksame Zuhörer!


Kojato - "All About Jazz"

Cover der CD: Kojato - "All About Jazz"
Label: Buyú-Records (Bestellnummer: 26016263010)

Ganz programmatisch beginnt Kojato sein Album mit den Worten: "Musik ist die Tür zur Flucht aus dieser verrückten Welt." Der Jazz ist für Kojato hier der Fluchthelfer und die Richtung lautet Funk, Soul und Swing. Kojato lotet die Spielarten aus, mixt den Gitarrenswing eines Django Reinhardt mit den Klavierläufen eines Duke Ellington. Er macht im Track "Everywhere you go Kuti" einen ehrerbietigen Knickser vor dem Afrobeat-Meister Fela Kuti. In "Good Morning Africa" geht er dann zu den Ursprüngen des Jazz.

Ein paternalistischer Zeigefinger wird hier nie gezeigt. Wenn sichtbar, dann wedelt dieser Finger den Groove herbei. Es gibt viele versierte Musiker, die dieses magische Dreieck zwischen Jazz, Groove, Funk verehren und es auch umsetzen können. Aber Kojato, gebürtig aus Liberia und mittlerweile in Deutschland lebend, ist dabei wie ein eleganter Showmaster, der seine Passionen vorführt und gleichzeitig verführt.

Eine große Errungenschaft dieser zehn Songs ist es sicher, dass sie sich nie in jazzigen Frickeleien verlieren, sondern sogar beim Afrobeat in fünf Minuten alles auf den musikalischen Punkt bringen können. Sicher war hier Oliver Belz vom Braunschweiger "Bahama Soul Club" aus Braunschwig als Produzent ein guter Partner. Kojato ist ein noch weithin unentdecktes Talent, das jedoch bald schon seinen 70.Geburtstag feiert! Auch dieses Werk wird leider wieder in der Menge der Neuerscheinungen populärerer Künstler einen zweiten Rang einnehmen. So sträflich ungerecht ist der Markt.

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