CD-Empfehlungen | MDR FIGARO | 14.01.2013 | 18:05 Uhr : Take 5
von Johannes Paetzold (Pop) und Beatrice Schwartner (Klassisch)
Tryo - "Ladilafé"
CD-Bestellnummer: 88725419672
Label: Columbia
Dieses "Tryo" besteht aus einem Quartett, und auch sonst lässt die Gruppe aus Frankreich alle Fünfe auch gerne mal grade sein. Sie bieten netten melodiösen Chanson-Folkpop - aber mit Hintersinn und Tiefgang. Ihr Song "Greenwashing" setzt sich mit unseren hohen Ansprüchen, die Welt zu retten, auseinander, aber eben auch unser grün gewaschenen Heucheleien. Im Reggaesong "Brian Williamson" geht es um einen Homosexuellen, der in Jamaika ermordet wird. Tryo thematisieren so den Widerspruch von Reggaes "One Love"-Botschaft mit der Schwulenfeindlichkeit vieler Jamaikaner.
Dabei fliegen sie selbst bei Themen wie dem arabischen Frühling ("Printemps Arabe") auf leichten Flügen daher. Arabische Oud und die Cajon-Latino-Trommel erweitern die musikalischen Möglichkeiten. Tryo sind in Frankreich kein Geheimtipp, ihre Tonträgerverkäufe fast siebenstellig. Auch wenn es hier noch nicht so bekannt ist, aber dies ist keine Amateurtruppe, dies sind professionelle Musiker, mit Anspruch und Konzept! Ihr Album "Ladilafé" erfreut Herz und Ohr und bringt dazu noch die grauen Zellen in Bewegung. Toll!
Aaron Neville - "My True Story"
CD-Bestellnummer: 6234892
Label: Blue Note
Er habe in seiner Jugend "Doo-Wop-ologie" studiert, erzählt Aaron Neville, um sein neues Album zu erklären. Der Südstaatensoul und -gospel, der Aaron Neville und seine singenden Brüder zu internationalem Ruhm führte, hat genau wie Doo-Wop sein Herz und Seele im Gesang, im Wechsel von Vorsänger und Chor.
Doo-Wop-Gruppen der 1950er-Jahre wie die Drifters oder die Ronettes lässt Neville bei seinem Debüt für das Jazz-Label "Blue Note" Revue passieren. Labelchef Don Was selbst kam zur Produktion ins Studio, Keith Richards und weitere Rock-Veteranen waren dabei, um ihre Jugend nochmal zum Klingen zu bringen. Mit hörbarem Spaß, mit spontaner Spielfreude, das hört man in jedem Song, jeder Zeile!
Nun besitzt Aaron Neville diese wunderbare Schmelz-Marshmallows-Stimme, die ihm Platinplattenverkäufe bescherte. Eigentlich genau passend zum Doo-Wop, mit seinen lebensbejahenden Popballaden. Aber Doo-Wop lebte auch von den klaren Melodiezielen, dem straffen Arrangement. Aaron Neville ist manchmal doch zu sehr der Crooner, der sich in Klangnebeln verliert. Es bleibt immer "Neville zu Besuch im Doo-Wop", es verschmilzt nicht zu einem Ganzen. Das wird seine Fans natürlich kaum stören. Doo-Wop-Afficionados sind hier aber vielleicht nicht an der richtigen Stelle.
Ben Sidran - "Don’t Cry for no Hipster"
CD-Bestellnummer: BON 121101
Label: Bonsai Music
Ben Sidran war bei der Steve-Miller-Band, er ist versierter Musik, aber auch Beobachter und Chronist von Jazz und Pop in den USA. Mit dem Album "Don't Cry for no Hipster" geht er ein Thema auch wieder mehrgleisig an. Er legt ein "groovy 14-Track Album für hippe Jazz-Cats" vor. Aber er dekliniert auch Song für Song den Hipster, der jüngst in England wieder gesichtet wurde, in den USA aber noch einmal eine ganz andere Konnotation trägt: als Innovator, als eigenwillige Person, ein kultureller Vortester.
Zu Miles Davis' Zeiten hätte sich der Hipster schwarz gekleidet und eine Baskenmütze getragen. Heute muss man ihn in unserer Kultur schon feinfühliger erspüren. Ben Sidran versteht es trefflich, in alten Jazztraditionen Gesang und Erzählstimme zu wechseln, dabei im Zentrum seiner neunköpfigen Band an den Keyboards agierend. "Seine Zeit ist vorbei" singt Sidran im Titelsong, "when cool turns to cold". Aber der Musiker aus Chicago malt ihm mit diesem Album eine wunderschöne Biographie und lässt dabei offen, ob der Hipster uns nicht doch auch etwas für die Gegenwart und Zukunft zu sagen hat.
Max Raabe - "Für Frauen ist das kein Problem"
CD-Bestellnummer: 002894810014
Label: We Love Music
Max Raabe, mit seiner Näselei und seinen ironisierenden Texten, dazu das perfekte kleine Orchester und der Anzug immer "picco bello", das hat die deutsche Musik bereichert und Felder besetzt zwischen Schlager, 20er-Jahren, Kleinkunst und großer Kunst. Aber so ein Konzept hat natürlich auch Abnutzungserscheinungen, irgendwann hört vielleicht wirklich "kein Schwein" mehr zu.
Raabes zweites großes Talent ist aber auch, nicht stehen zu bleiben, nicht dem Ego, sondern dem Team und neuen Musen zu verfallen. Dies ist nun Anette Humpe als Texterin und Komponistin, die eine wichtige deutsche Künstlerin ist, aus der Neuen Deutschen Welle stammt, sich selbst auf der Parallelautobahn des deutschen Schlagers mehrfach selbst erfunden hat. Ein toller Schachzug, der das letzte Album zu kommerziellen wie künstlerischem Erfolg geführt hat.
Das vorliegende neue Album glänzt nun in dieser Kooperation sogar noch stärker. Mit Humpes Texten gesellt sich zum 20er-Jahre-Swing die Melancholie des Jetzt-Pop ("Zwischen zwei Lieben"), es kommen finale Lebensfreuden zur Sprache ("Am Ende kommt immer der Schluss") und tiefe Geständnisse ("Ich bin schuld"). Max Raabe ist nicht Nostalgie, sondern eine deutsch-musikalische Gegenwart. Das muss man gegen dieses 20er-Jahre-Image erst einmal schaffen. Raabe schafft es mit Humpes Unterstützung aber locker.
Bergen - "Bärenmann"
CD-Bestellnummer: 06058
Label: K&F Records
Bergen sind ein Musikerkollektiv aus Dresden, locker arrangiert um das K&F Plattenlabel, "Bärenmann" ist ihr zweites Album. Sie vermitteln Anklänge an die Hamburger Schule bis zur typisch deutschen Indie-Popband mit sanftem Sänger. Aber Bergen haben vor allem viel eigenes. Eine vielköpfige Band, bei der auf "Bärenmann" ein Frauenchor der Musik Größe und Weite verleiht. Da klingt der Chor und die Melancholie wie Lebenslust von Belle & Sebastian aus Großbritannien an und Trompetenbegleitungen, die zwischen Calexico und Element of Crime der Komposition zur Seite steht. Mario Cetti und Cornelia Mothes schwurbeln die wirklich poetisch-luftigen Texte durch den Raum, fabelnd über den Bärenmann. Es sind Reisebilder in ein fernes Fantasia, das dann im Song "Haut aus Orange" auch mal konkret "nach Spanien riecht". Diese Band lässt sich Zeit, zu wachsen, fern von Schielen auf einen schnellen Erfolg - das spürt man.
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Take 5
Jeden Montag stellt Ihnen MDR FIGARO Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor. Den fünf CD-Empfehlungen aus der klassischen Musik folgen fünf weitere CD-Tipps aus den Bereichen Jazz, Pop, Weltmusik und Chanson - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonnabends zwischen 12:05 und 13:00 Uhr.
