Hintergrund : Wo unsere Lieder herkommen
Als Johann Gottfried Herder im 18. Jahrhundert den Begriff des Volksliedes prägte, hatte die Musik des einfachen Volkes schon eine lange Geschichte hinter sich. Doch den Liedern drohte das Vergessen.
Wo die Wurzeln des deutschen Volksliedes liegen, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. Die ersten Quellen stammen aus dem 12. Jahrhundert, der Zeit der Minnesänger. Parallel zu deren Kunstgesängen entstanden volkstümliche Lieder, die von fahrenden Spielleuten verbreitet wurden. In ihnen fand all das seinen Ausdruck, was den gewöhnlichen Bauern und Handwerker bewegte – die tägliche Arbeit auf dem Feld, Geschichten von Liebe und Liebesschmerz, der Wechsel der Jahreszeiten. Eingängige Melodien sollten - von Mund zu Mund weitergegeben - den Geist des Volkes weitertragen.
Lange Zeit gab es jedoch keine Bezeichnung für diese Art von Musik. Sie gehörte zum Alltag der untersten Schichten und bedurfte keiner genauen Benennung. Im 17. Jahrhundert, der Zeit der Renaissance, war das Interesse am Volksliedgut außerdem weitgehend verloren gegangen. Mehrstimmige französische und italiensche Liedformen hatten die einfachen Gesänge aus dem Bewusstsein verdrängt. Sie blieben in den dörflichen Regionen gefangen, wurden spöttisch dem ungebildeten Bauern zugeschrieben. Die Auseinandersetzung mit der Musik des Volkes war somit zunächst erloschen.
Ein Philosoph auf der Suche nach der Musik des Volkes
Das änderte sich mit Johann Gottfried Herder. Er beklagte das drohende Verschwinden der Lieder, sah "die Reste aller lebendigen Volksdenkart" dem Tod geweiht. Der Philosoph sehnte sich nach Unverfälschtheit und fand sie in der Musik des Volkes. Sie war für ihn Ausdruck "von Denkart und Sitten der Nation, von ihrer Wissenschaft und Sprache, von Spiel und Tanz, Musik und Götterlehre" und deshalb schützenswert. 1778 veröffentlichte er zusammen mit Goethe und Lessing eine erste Sammlung deutscher Lieder und Dichtungen.
Im 19. Jahrhundert, der Zeit der Romantik, erlebte das Volkslied eine neue Beliebtheit. Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben in der Natur deckte sich mit den Inhalten der schlichten Weisen. Dass sich mit der Industrialisierung aber auch das wandelte, was das Volk sang, wurde ausgeblendet. Es passte nicht in die romantischen Vorstellungen der Zeitgenossen. Neue Liedsammlungen entstanden, aber auch Kunstlieder, die in den Kanon der Volksmusik aufgenommen wurden.
Verunstaltete Traditionen
Mit zunehmender Verstädterung und dem beginnenden Kapitalismus versiegte die Pflege des alten Liedgutes zunächst. Neue Musik tauchte auf, die dem modernen Leben entsprach. Nur in der Jugendbewegung der Wandervögel hielten sich die traditionsreichen Lieder. Im gemeinsamen Singen und Wandern sahen sie die Möglichkeit, der anonymen Großstadt zu entkommen. Der Nationalsozialismus missbrauchte die Bewegung für seine Zwecke. Das Singen sollte nun den Kampfwillen stärken. Volkslieder wurden zum Symbol für Nationalismus. Diese Entstellung erstickte die Lust am Volkslied für viele Jahre.
Buchtipps
Gerlinde Haid, Ursula Hemetek, Rudolf Pietsch (Hrsg.):
Volksmusik. Wandel und Deutung. Festschrift Walter Deutsch zum 75. Geburtstag
630 Seiten (mit CD und englischen Zusammenfassungen).
Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2000
ISBN-10: 3205992385
ISBN-13: 3-205-99238-5
Peter Wicke, Wieland Ziegenrücker, Kai-Erik Ziegenrücker:
Handbuch der populären Musik: Geschichte - Stile - Praxis - Industrie
Grundlegend überarbeitete und erweitert Auflage, broschiert, 822 Seiten
Verlag Schott Music Mainz, 2006)
ISBN-10: 3795705711
ISBN-13: 978-3795705718
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