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MDR im Ersten | 03.10.2012 | 19:15 Uhr : Einheits-Check: Wie nah sind sich Ost und West?

Wie weit haben sich Ost- und Westdeutschland 22 Jahre nach der Wiedervereinigung angenähert? Wir haben den Einheits-Check gemacht: Dafür ist eine Leipziger Familie nach Gelsenkirchen gefahren und ungekehrt eine Familie aus der Ruhrpottstadt in die sächsische Messemetropole gekommen. Der Eindruck, den sie in den Städten gewonnen haben, wird durch Statistiken und die Einschätzungen eines Ökonomen ergänzt.

Einheits-Check

Aus Leipzig sind fünf Menschen nach Gelsenkirchen gefahren: Daniel Korzin (Programmierer, 25), seine Frau Claudia Bauer-Korzin (Webdesignerin, 28) und Tochter Emma (3). Mitgekommen sind außerdem Marco Meckert (Gastwirt, 40) und Ilona Willnecker (Rentnerin, 67). Aus Gelsenkirchen ist diese Familie nach Leipzig gefahren: Stefan Rüdig (Optiker, 31), Grit Rüdig (Fischverkäuferin, 31), Sohn Hanno (3) und Oma Ulrike Rüdig. In der Heimatstadt der jeweils anderen Familie vergleichen sie jeweils Wohnungen und Mietpreise, die Kosten für die Lebenshaltung, die Angebote für die Kinderbetreuung und die Chancen, einen Job zu finden.

Wohnungsmarkt

Bei der Wohnungssuche hat Familie Rüdig den typischen DDR-Plattenbau im Hinterkopf. Ein Makler zeigt ihnen jedoch in den Leipziger Stadtteilen Stötteritz und Lindenau Wohnungen in sehr gut sanierten Bürgerhäusern aus der Jugendstilzeit. Hier zahlt man Kaltmieten von vier bis fünf Euro je Quadratmeter. Das ist ein guter Durchschnitt für Leipzig.

Familie Rüdig aus Gelsenkirchen in der Leipziger Innenstadt
Familie Rüdig aus Gelsenkirchen hätte bei der Wohnungssuche in Leipzig eher Plattenbauten erwartet.

Unterdessen besichtigen die Leipziger in Gelsenkirchen zwei Wohnungen. Die eine liegt in einem Haus am Rande der Innenstadt, die zweite in der besseren Wohngegend Buer. Die erste hat eine Kaltmiete von rund 4,40 Euro je Quadratmeter, die andere 5,60 Euro. Diese West-Mieten hätten die Leipziger nicht erwartet, doch die Qualität der Wohnungen lässt aus ihrer Sicht zu wünschen übrig. In der Tür fehlt zum Beispiel eine Scheibe "Es ist unsauber gearbeitet", findet Marco Meckert, "So würde man in Leipzig keine Wohnung anbieten."

Auch wenn in den beiden Städten die Mieten eng beieinander liegen, gibt der gesamtdeutsche Vergleich ein anderes Bild. In den Neuen Bundesländern liegt die durchschnittliche Kaltmiete bei gut fünf Euro pro Quadratmeter, im Westen sind es sieben Euro. Anders sieht es aus, wenn man die Strompreise mit berücksichtigt. Die liegen nämlich im Osten höher: Eine Durchschnittsfamilie zahlt hier im Jahr meist mehr 1.100 Euro, im Westen würde sie weniger bezahlen.

Der Einheits-Check in Zahlen

Mietpreise Stromkosten Bruttomonatslöhne

Wo ist die Miete günstiger: im Osten oder im Westen? Keine Frage: im Osten! Aber wie sieht es z.B. bei den Stromkosten, der Kaufkraft oder der Arbeitslosigkeit aus? Unser Vergleich zeigt es. [Bilder]


Lebenshaltungskosten und Einkommen

Beide Familien haben sich zwar auf dem Wochenmarkt umgeschaut, regionale Produkte vom Markt zu vergleichen ist schwer. Deshalb wurde ein Preisvergleich für Waren des täglichen Bedarfs aus dem Supermarkt gemacht. Das Marktforschungsinstitut GKL hat für 36 Artikel die Preise in vier westdeutschen Städten und Leipzig ermittelt. Danach gibt es kein West-Ost-Gefälle, dafür aber Unterschiede zwischen Metropolen und mittleren Großstädten:

Warenkorbvergleich in fünf deutschen Großstädten
München 94,54 Euro
Hamburg 93,07 Euro
Bochum 92,20 Euro
Leipzig 90,22 Euro
Bremen 89,58 Euro

Bei den Lebensmittelpreisen gibt es also kaum noch Unterschiede. Allerdings ist die Kaufkraft im Westen immer noch höher. In Ballungszentren verfügen die Menschen im Schnitt über 22.000 Euro pro Jahr. Im Rest Westdeutschlands ist es nur etwas weniger. Im Osten liegt die jährliche Kaufkraft dagegen fast überall unter 19.000 Euro pro Jahr. Das wundert kaum, denn der durchschnittliche Westlohn liegt bei 2.500 Euro im Westen, während er im Osten nur knapp 2.000 Euro beträgt. Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Joachim Ragnitz vom Ifo Institut schätzt diesen Umstand so ein, dass weniger Geld im ostdeutschen Portemonnaie auch weniger im Einkaufskorb bedeutet.

Kinderbetreuung

Die Gelsenkirchener Familie Rüdig macht sich in Leipzig für ihren dreijährigen Hanno auf die Suche nach einem Kindergartenplatz. Den könnte es im "Schlosshof" im Leipziger Norden geben. Dort werden die Kinder von 6 bis 17 Uhr betreut. Eine Erzieherin ist für 16 Kinder verantwortlich. Die Wartezeit beträgt nur ein halbes Jahr. Das Ganze würde nicht mehr kosten als bei ihnen Zuhause. Die Rüdigs sind nicht nur davon begeistert, sondern auch von den Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kleinen. Es gibt für sie unter anderem eine richtige Heimwerker-Werkstatt und eine Kletterwand.

Leipziger Familie Bauer Korzin vor dem Schalke-04-Stadion in Gelsenkirchen
Die Leipziger Familie Bauer-Korzin war überrascht, in Gelsenkirchen einen günstige Kinderbetruung zu finden.

Für Familie Korzin aus Leipzig gibt es in Gelsenkirchen eine positive Überraschung. Der Kindergarten kostet hier weniger als in Leipzig. Tochter Emma geht in Leipzig elf Stunden in den Kindergarten. Das wäre auch in Gelsenkirchen möglich und würde statt 197 Euro nur 165 Euro kosten. In beiden Beträgen ist das Essen mit jeweils 45 Euro enthalten. Die Wartezeit für den Kindergarten in Gelsenkirchen beträgt aber rund ein Jahr.

Da steht der Westen ja gar nicht so schlecht da. Aber in vielen Regionen im Osten sind mehr als die Hälfte der Kinder unter drei Jahren in einer Kindertagesstätte. Im Westen wird höchstens jedes vierte Kind betreut.

Arbeitsmarkt

In Leipzig liegt die Arbeitslosenquote bei elf Prozent, in Gelsenkirchen über 14 Prozent. Der Besuch bei der Arbeitsagentur fiel für beide Familien aber überraschend positiv aus. Grit Rüdig hätte sofort als Einzelhandelskauffrau in Leipzig arbeiten können. Für ihren Mann Stefan gab es in Leipzig drei offene Stellen als Optiker und ebenso viele im Umland. Die Beraterin der Arbeitsagentur stellt die aktuelle Lage auf dem Leipziger Stellenmarkt gut dar, schränkt aber auch ein, dass es auf die Branche ankomme. Zwar könnte Stefan Rüdig sofort Arbeit bekommen, zu welchen Konditionen, würde sich aber erst beim Arbeitgeber zeigen.

Auch für den Informatiker und die Web-Designerin aus Leipzig gibt es passende Jobs, die meisten allerdings in den Nachbarstädten von Gelsenkirchen. Unterm Strich stellten alle fest: Wer gut qualifiziert ist, hat auch bei hoher Arbeitslosenquote sowohl in Leipzig als auch in Gelsenkirchen gute Chancen.

Dennoch gibt es große Unterschiede. In vielen westdeutschen Regionen liegt die Arbeitslosenquote bei weniger als 6,7 Prozent ohne Arbeit. In einigen Regionen in West und Ost sind es bis zu 9,6 Prozent. Doch in weiten Telen Ostdeutschlands liegt die Quote mit bis zu 17,8 Prozent deutlich höher. Ein Grund dafür ist das Fehlen von Großunternehmen im Osten. So haben zum Beispiel alle 30 Aktiengesellschaften, die im Dax geführt sind, ihren Sitz im Westen Deutschlands. Der Osten brauche darum mehr Industrie, erklärt der Experte Prof. Ragnitz.

Umland

Die Besuche in Gelsenkirchen und Leipzig sind nur Momentaufnahmen. Fahrten ins Umland der beiden Städte zeigen, dass das moderne Leipzig nicht für den gesamten Osten steht. Umgekehrt ist Gelsenkirchen auch nicht exemplarisch für den gesamten Westen. In Düsseldorfs Königsallee, 45 Autominuten von Gelsenkirchen entfernt, werden Luxusartikel angeboten. Da sieht man im Schaufenster des Juweliers auch mal Schmuck für 43.000 Euro. So haben sich die Leipziger den Westen vorgestellt.

Mit der Kleinstadt Zeitz zeigt sich ein anderes Bild des Ostens als in Leipzig. Die ehemalige Industriestadt liegt eine halbe Stunde von Leipzig entfernt. Vor der Wende wurden in Zeitz vor allem Bergbaukräne, Diesel und Kinderwagen hergestellt. Die Deindustrialisierung seit 1990 hat ihre Spuren hinterlassen - auch in der Einwohnerzahl. Von knapp 50.000 Einwohnern ist die Stadt auf 31.000 geschrumpft.

Prof. Ragnitz erläutert diese Unterschiede "Es gibt einige Regionen in den neuen Ländern, um die man sich keine Sorgen machen muss: so etwas wie Dresden, Jena, Potsdam, Leipzig vielleicht noch. Aber es gibt eben eine ganze Reihe von ländlichen, peripheren Regionen, da ist bestenfalls eine Angleichung an ländliche Regionen in Westdeutschland möglich, aber nicht an den westdeutschen Durchschnitt."

Fazit

Und wie nah sind sich Ost und West jetzt? Im Vergleich von Leipzig und Gelsenkirchen sind sich die Leipziger einig: Leipzig hat die Ruhrpottstadt überholt. Oft hieß es: "So sah das früher bei uns aus."

Die Gelsenkirchener waren Leipzig vor allem von der Offenheit der Menschen überrascht. Ulrike Rüdig fand toll, dass eine Leipzigerin zu ihr gesagt hat, eigentlich gibt es keine Wessis und Ossis mehr, nur noch Wossis.

Die Bestandsaufnahme des Ökonomen Prof. Ragnitz fällt so aus: "Nahe gekommen ist man sich da, was der Staat unmittelbar beeinflussen kann, also bei der Infrastruktur, beim Städtebau, beim Gesundheitswesen." Unterschiede gibt es für ihn dort, wo die wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Unternehmen eine Rolle spielt, zum Beispiel bei den Einkommen. "Das pegelt sich alles so auf 75 Prozent des Westniveaus ein. Und bei aller regionalen Differenzierung Ostdeutschlands, die man ja sehen muss, scheint es so, dass sich dieser Unterschied zu verfestigen droht.", befürchtet er.

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2012, 17:08 Uhr