Kalenderblatt | MDR INFO | 26.02.2007
26.02.1977: SPIEGEL deckt Lauschangriff auf
von Angela Tesch
Wir schauen 30 Jahre zurück - in das wohl schwärzeste Jahr der bundesdeutschen Geschichte. Damals erreichte der Terror der Rote-Armee-Fraktion seinen Höhepunkt. Doch zuvor erschütterte ein politischer Skandal das Land.
"Verfassungsschutz bricht Verfassung" - titelte das Magazin "Der Spiegel" heute vor 30 Jahren und berichtete über den Lauschangriff auf Bürger T.: "In der Nacht zum 2. Januar 1976 brechen Beamte des Bundesamtes für Verfassungsschutz in das Haus des Atomphysikers Dr. Klaus Traube ein und installieren eine Wanze."
Für diese Aktion gab es keinen richterlichen Beschluss. Nur Bundesinnenminister Maihofer wusste Bescheid. Schon seit Sommer 1975 wurde Traube beschattet, seine Post geöffnet, Familie und Bekannte überprüft. Klaus Traube war damals Geschäftsführer bei der Firma Interatom und da unter anderem verantwortlich für die Entwicklung und den Bau des Schnellen Brüters in Kalkar. Warum Traube wie ein Staatsfeind behandelt wurde, rechtfertigte der FDP-Innenminister nach der SPIEGEL-Veröffentlichung so: "Das bisher einmalige, in der Person von Traube gegebene Zusammentreffen von Gefahrenmomenten: hohes kerntechnisches Wissen, eigener Zugang zu Atomanlagen im Bundesgebiet und westlichen Ausland, enge Beziehungen zu internationalen Terroristen und deren Sympathisanten, machte die getroffenen Maßnahmen zur Abwehr einer damals gegenwärtigen gemeinen Gefahr notwendig."
Die Beschwörung einer "gemeinen Gefahr" - das war der springende Punkt. Denn nur in diesem Fall können die in Artikel 13 Grundgesetz garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung außer Kraft gesetzt und nicht näher benannte technische Mittel zur Überwachung eingesetzt werden. Doch auch die Wanze unter Traubes heimischem Schreibtisch brachte nichts Belastendes.
Klaus Traube, der als vermeintliches Sicherheitsrisiko schon seinen Job verloren hatte, wehrte sich gegen die Verdächtigungen. Und was war dran an seinen Kontakten zur Terroristen-Szene, konkret zu Hans-Joachim Klein, der im Dezember '75 beim Anschlag auf die OPEC-Zentrale in Wien dabei war? Traube gibt Aufschluss: "Ich war befreundet mit einer Frankfurter Rechtsanwältin, und er war ihr Freund. Und der lief natürlich frei herum und war nicht zu erkennen als späterer Terrorist."
Der Lauschangriff auf Bürger T. löste eine heftige Debatte über díe Verhältnismäßigkeit der terroristischen Gefahrenabwehr aus und wurde zum Synonym für den "Atom- und Überwachungsstaat". Klaus Traube sagte später, er sei dem Verfassungsschutz dankbar für diesen Einschnitt in seinem Leben. Der Reaktorexperte wandelte sich zum angesehenen Umweltforscher, der sich für die Erschließung und Förderung alternativer Energiequellen stark machte.
Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2007, 16:59 Uhr
