Musik

Interview : Frank Eberlein über die Entstehung der ersten Oldie-CDs (2011)

Hatten Sie schon mal das Gefühl, dass so manches schöne Lied, das einst oft im Radio gespielt wurde, inzwischen vergessen ist? Zumindest haben Sie es schon viele Jahre nicht mehr gehört. Oder durchwühlen Sie manchmal Ihre Schallplattensammlung, die seit langem auf dem Dachboden verstaubt und entdecken dort alte Hits, die Sie bisher auf keiner CD gefunden haben? Dann dürfte Sie die neue CD-Reihe interessieren, die die drei MDR-1-Programme in Zusammenarbeit mit Sony Music herausgeben. Sie steht unter dem Motto "Neue Oldies braucht das Land" und bringt viele verloren geglaubte Erinnerungen zurück. Die Idee und das Konzept entwickelte Frank Eberlein, der donnerstags bei MDR 1 RADIO SACHSEN-ANHALT den "Oldiemarkt" moderiert und dort vor allem vergessene Perlen aus den Musikarchiven auflegt. MDR-online sprach mit dem Moderator, um etwas über die spannenden Hintergründe zu erfahren.

Frank, warum braucht das Land neue Oldies?

Kurz gesagt, weil viele Oldies inzwischen tot- oder zumindest arg abgedudelt sind. Vieles von dem, was heute landauf, landab auf unzähligen Sendern aus der Oldiekiste gezaubert wird, kann eigentlich keiner mehr hören. Fahren Sie mal einen Tag lang durch Deutschland und zappen sich durch all die Programme. Da begegnen einem fast überall immer wieder dieselben Titel. Aber wer möchte schon jeden Tag immer das Gleiche hören – von "Dancing Queen" bis "You’re My Heart, You’re My Soul", von "Sugar Baby Love" bis "Sun Of Jamaica"? Das sind sicherlich alles fantastische Songs, aber so gut wie jeder Interpret, jede Band hatte doch noch viele andere Hits im Gepäck, die die Leute sicherlich auch gern mal wiederhören würden. Nicht viel besser sieht es auf dem Tonträgermarkt aus. Oldie-CDs gibt es wie Sand am Meer, aber auch da findet man im Prinzip immer wieder dieselben Lieder.

Wie kam es zu der Idee, eine CD-Reihe zu veröffentlichen?

Das machen ja viele Radiosender, also warum nicht auch wir? Allerdings standen wir in der Redaktion vor der Frage: Stellen wir eine weitere 08/15-Wühltisch-CD zusammen, die eigentlich kein Mensch braucht, oder bieten wir etwas Besonderes? Gerade wir hier bei MDR 1 RADIO SACHSEN-ANHALT erhalten ja immer wieder Komplimente für unser Musikprogramm, das sehr abwechslungsreich sei, wie die Hörer oft schreiben. Bei uns, so lesen wir in vielen Briefen und E-Mails, könne man tolle Lieder hören, die ansonsten keiner mehr spielt. Hinzu kommt, dass wir Musikfreunden Spezialsendungen bieten, in denen das Besondere im Mittelpunkt steht. Wir haben zudem ein großes Archiv, in dem unzählige Schätze stehen, die kein anderer Sender hat. Die Kollegen der anderen ARD-Anstalten fragen nicht selten bei uns an, weil sie bestimmte Raritäten nirgendwo sonst finden. Und so mancher Fan auch außerhalb Sachsen-Anhalts weiß inzwischen, dass wir keine Mühen scheuen, um auch die ausgefallensten Musikwünsche erfüllen zu können. Dieses Potenzial wollten wir unbedingt auch für die CD-Reihe nutzen. Und als wir in der Musikredaktion beisammen saßen und überlegten, wie wir das Besondere nennen könnten, kam uns plötzlich die Idee: Neue Oldies braucht das Land! Diese Zeile haben wir der Firma Sony Music in München vorgestellt – und die hat sofort angebissen.

Warum gerade Sony?

Sony Music ist eine der weltweit größten Plattenfirmen, zu der viele traditionsreiche Labels gehören, wie beispielsweise CBS, ARIOLA, HANSA, RCA, COLUMBIA oder EPIC. Auf denen haben viele der bekanntesten nationalen und internationalen Stars ihre Musik veröffentlicht: das Electric Light Orchestra, Boney M., Udo Jürgens, Jennifer Rush, Albert Hammond, Elvis Presley, Roger Whittaker, Mireille Mathieu und Johnny Cash, um nur ein paar zu nennen. Da können wir also aus dem Vollen schöpfen und vor allem auf die bekannten Originalversionen der Lieder zurückgreifen, was ja bei vielen Oldie-CDs nicht der Fall ist. Oft werden dem Käufer nämlich billige, schlechte Neuaufnahmen angedreht. Nicht zuletzt war Sony aber auch deshalb unser Wunschpartner, weil die Firma die Rechte am kompletten AMIGA-Katalog, also an allen bekannten Rock-, Pop- und Schlagertiteln aus DDR-Zeiten, hält. Und wenn der MDR als Sender aus dem Osten Deutschlands schon eine CD-Reihe zusammenstellt und präsentiert, dürfen natürlich auf den thematisch passenden Teilen die Ostkünstler mit ihren Oldies nicht fehlen. Das wäre mit einer anderen Firma nicht möglich gewesen.

Auf den beiden Doppel-CDs sind aber auch Künstler zu finden, die nicht bei Sony Music unter Vertrag stehen…

Ja, wir haben natürlich auch Lizenzanfragen bei anderen Plattenfirmen gestartet – bei den anderen Großen Universal, EMI und Warner, aber auch bei kleineren Firmen, die interessante Lieder in ihrem Katalog haben, welche gut in unser Konzept passen. Auf diese Weise kam eine Wahnsinns-Mischung von Namen und Titeln zusammen, die man so nicht alle Tage findet.

Und die anderen Firmen haben alle gewünschten Titel genehmigt?

Nein, das ist aber nichts Ungewöhnliches. Jede Plattenfirma hat beispielsweise ihre "heiligen Kühe", nach denen man gar nicht erst zu fragen braucht. Namen wie ABBA, Beatles oder Madonna werden für solche Oldie-Sampler grundsätzlich nie freigegeben, schon gar nicht für die Konkurrenz. Kurios ist, dass ein paar Lieder von den Rechteinhabern zuerst nicht genehmigt wurden. Da wir aber keinesfalls darauf verzichten wollten, weil diese Titel einfach hervorragend ins Konzept passten, haben wir Firmen und Künstlermanagements ziemlich genervt, ihnen unsere Idee noch mal genauer erklärt. Und siehe da, in mehreren Fällen hat es schließlich doch geklappt, so dass die CDs nun mit so manch exklusiver Rarität bestückt sind. Und selbst bei einigen hauseigenen Titeln von Sony war es nicht ganz einfach, die Genehmigung zu bekommen, da manche Künstler persönlich gefragt werden müssen, ob ihre Songs verwendet werden dürfen. So wurde beispielsweise eine Anfrage an Leonard Cohen gerichtet, aber er hat glücklicherweise sein Einverständnis sofort gegeben.

Welche Titel bedeuteten denn die größten Herausforderungen?

Bei vielen glich das Warten auf die Freigabe einer totalen Zitterpartie. Man weiß nämlich nie genau, was es bei einer Plattenfirma gerade für strategische Überlegungen gibt, die die Freigabe eines Liedes verhindern könnten, das möglicherweise ein halbes Jahr zuvor ohne Probleme genehmigt worden wäre. Besonders bei manchen Titeln, die im Ausland angefragt wurden – beispielsweise in Frankreich, Italien, Ungarn oder den USA – erhielten wir die Genehmigung förmlich in allerletzter Minute, bevor die CDs in den Herstellungsprozess gingen.

Wie ist die Titelauswahl überhaupt zustande gekommen?

Kopfhörer Frau hört Musik
Freunde, Kollegen und Hörer lieferten Ideen für die Auswahl der Lieder.

So eine Zusammenstellung schüttelt man nicht plötzlich einfach aus dem Ärmel. Da steckt – auch wenn das am Ende vielleicht gar keiner so richtig bemerkt – unglaublich viel Arbeit drin, viel Fingerspitzengefühl, Repertoirekenntnis und auch ein gewisses Gespür dafür, welche Wirkung ein lange verschollenes Lied beim Hörer heute erzielen könnte. Wir haben in der Redaktion, aber auch im privaten Freundes- und Bekanntenkreis über Wochen und Monate immer wieder über das Thema gesprochen und nach Liedern gesucht, die einerseits bekannt und beliebt waren, andererseits aber schon lange nicht mehr gespielt worden sind. Es sollten ja vor allem vergrabene, aber letztendlich doch nicht vergessene Schätze sein – also Lieder, die beim Wiederhören nach Jahrzehnten sofort den gewissen Aha-Effekt auslösen. Man wühlt sich also durch Hunderte alter Schallplatten, forscht in Internetforen nach Titeln, die die Leute seit langem vermissen – oder hat manchmal auch ganz spontan ein Lied im Kopf, das man den Kollegen vorsingt und man sagt: "Kennt ihr den noch?" Und wenn dann alle leuchtende Augen bekommen und sofort mitsingen, dann weiß man: Der Titel muss auf die CD! Zudem haben wir über Jahre die Wünsche unserer Hörer nach Raritäten gesammelt. Auch in Musiklaufplänen des DDR-Rundfunks sowie in alten Programmzeitschriften entdeckten wir Titel, auf die wohl keiner mehr gekommen wäre. Daraus ergab sich dann eine Liste von Liedern, von der wir glauben und hoffen, dass sie dem Hörer möglichst viele solcher Aha-Effekte beschert.

Die CDs bieten laut Cover Hits und Raritäten. Woran erkennt man, welcher Kategorie ein Lied zuzuordnen ist?

Das ist nicht ganz so eng zu sehen. Manches Lied ist eher das eine, manches eher das andere, aber viele Titel sind auch beides – eben einst erfolgreiche, beliebte Songs, die man heutzutage kaum noch oder gar nicht mehr findet. Eine Rarität ist ja bei vielen CD-Veröffentlichungen nicht selten ein Musikstück, das kein Mensch kennt und das auch keiner braucht, eben irgendeine belanglose B-Seite oder ein sogenannter Albumfüller. Bei uns aber sind Raritäten Lieder, die es wirklich wert sind, wieder in die Erinnerung der Leute zurückgerufen zu werden. Und es gibt auf jeder unserer CDs auch ein paar besonders rare Stücke, nämlich solche, die nie zuvor auf CD erhältlich gewesen sind.

Können Sie ein Beispiel für einen vergessenen Hit nennen, der sich auf den CDs findet?

Das ist ganz klar "In The Heat Of The Night" von Sandra. Als einer der einst weltweit erfolgreichsten deutschen Stars hatte sie sehr viele Hits – aber was findet man auf Oldie-Samplern? Was wird von ihr heute noch gespielt? Fast immer nur "Maria Magdalena", ihr erster Hit und eine Nummer 1 in den Charts. Die Nachfolgesingle "In The Heat Of The Night" kam in Deutschland auf Platz 2, was ja nicht heißen muss, dass der Song etwa schlechter sei – im Gegenteil: Die meisten Sandra-Fans finden ihn besser als den Vorgänger. Aber er wird eben leider nicht mehr aufgelegt. Das mag daran liegen, dass manche Sender wohl meinen, mit ehemaligen Nummer-1-Hits würden sie dem Hörer das Beste bieten. Aber solche Chartsplatzierungen sind ja immer nur relative Zahlen. Das heißt, von der Nummer 5 der einen Woche kann viel mehr verkauft worden sein als von der Nummer 1 der anderen Woche. Und selbst ein Lied, das früher gerade mal Platz 20 erreicht hat, ist doch ein sehr beliebtes Stück gewesen. Davon wurden vielleicht nicht 1,2 Millionen Exemplare verkauft, wie von der Nummer 1, sondern "nur" 950.000. Andere tolle Lieder sind überhaupt nicht in den Charts aufgetaucht, waren aber Radiohits oder durch große Fernsehshows bekannt. Doch sollen sie deshalb in den Archiven verstauben? Ich finde nein.

Welches Lied ist auf den beiden ersten Doppel-CDs dieser Reihe die allergrößte Rarität?

Das dürfte eine Aufnahme sein, die bisher überhaupt noch nicht auf einem Tonträger käuflich zu erwerben war, auch auf keiner Vinylplatte: der Song "For What We Are" von den Olsen Brothers in der Version mit dem Rundfunk-Tanzorchester Berlin. Das ist eine hinreißende Aufnahme, die 1973 mit Jørgen und Niels Olsen beim Rundfunk der DDR entstand, seitdem im Rundfunkarchiv lagerte und auf die wir schon mehrmals von musikbegeisterten Hörern angesprochen wurden. Dieses Stück hat noch keiner – es sei denn, er hat es mal im Radio mitgeschnitten. Als die Olsen Brothers im Jahr 2003 bei uns im Funkhaus zum Interview waren, haben wir ihnen die Aufnahme vorgespielt. Da sind sie vor Freude fast ausgeflippt und hatten sogar eine kleine Träne in den Augen. Sie hatten diese Version seit 30 Jahren nicht gehört, konnten sich aber noch genau an die Aufnahme mit dem großen Orchester erinnern.

Wer hat für den guten Ton auf den CDs gesorgt?

Das war ein renommiertes Masteringstudio, in dem seit vielen Jahren auch sämtliche Produktionen von Udo Jürgens, Michael Cretu, Frank Farian und Dieter Bohlen den letzten Schliff verpasst bekommen, bevor sie zum Presswerk überspielt werden. Dieses Studio ist praktischerweise nur einen Katzensprung vom riesigen Sony-Archiv in Gütersloh entfernt. Der Toningenieur hat viel Zeit und Aufwand investiert, um alle Titel mit Hilfe modernster digitaler Technik so zu bearbeiten, dass sie besser klingen als je zuvor – natürlich ohne sie ihres originalen Sounds zu berauben. Und einmal kam er ganz schön ins Schwitzen.

Warum? Was ist da passiert?

"Oldiemarkt"-Moderator Frank Eberlein
Frank Eberlein stöbert nach Raritäten.

Bei diesem Projekt legen wir größten Wert darauf, stets das jeweils beste verfügbare Master eines Titels zu bekommen. Das ist in den meisten Fällen das im Plattenfirmenarchiv aufbewahrte analoge Originalband, welches einst die Grundlage für die Herstellung der ersten Veröffentlichung eines Liedes, also beispielsweise einer Vinylsingle aus den Siebzigern, bildete. Aber da gibt es hin und wieder auch böse Überraschungen: Manche dieser alten Bänder sind nicht mehr abspielbar, weil sich zum Beispiel die Magnetschicht inzwischen abgelöst hat. Dann wird der Tonkopf nach wenigen Sekunden schwarz, und man hört nur noch dumpfes Gejaule. Es gibt leider einige Bandtypen, bei denen in technischer Hinsicht absolut nichts mehr zu retten ist. Das war auch der Fall bei "Little Lady" von Aneka – einem Lied, das sich viele seit Jahren auf CD wünschen. Sowohl das Single - als auch das Albumband waren nicht mehr verwendbar. Zum Glück wurde im Gütersloher Archiv nach nochmaliger intensiver Suche das bestens erhaltene Band einer alten Hansa-Hit-Kopplung gefunden, auf der auch "Little Lady" enthalten war. Dieses ist eine damals im Studio angefertigte professionelle Band-auf-Band-Kopie, die praktisch kein bisschen schlechter klingt, als das Originalband geklungen hätte, wenn es denn noch verwendbar gewesen wäre.

Die ersten beiden Teile der CD-Reihe liegen nun vor. Wie geht es weiter?

Das liegt allein an den Leuten, für die die CDs gemacht sind. Wenn ihnen die Scheiben gefallen und sie sie nicht zu Ladenhütern werden lassen, dann wird schon bald der nächste Teil erscheinen. Ideen haben wir jedenfalls genug, in den Archiven liegen noch unzählige weitere Schätze. Und natürlich sind wir für Anregungen und Wünsche, was die nächsten Teile angeht, jederzeit offen.

MDR SACHSEN-ANHALT präsentiert: Neue Oldies braucht das Land

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Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2013, 14:38 Uhr

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