Sendung vom 16.01.2007 : Kosta, Rondo, Kaffeemix - Honeckers Kaffeekrise
Das Käffchen zum Nachmittag war dem DDR-Bürger heilig. Ob im Kreise der Brigade oder auf dem heimischen Sofa – beim gemütlichen Kränzchen wurde genippt und geschlürft. Und weil vor allem der Sachse schon per Geschichte ein wahrer Kenner ist, traf die Kaffeekrise der 1970er Jahre die Liebhaber des heißen Gebräus schwer.
Wegen Devisenmangels wurde die Bohne in der DDR knapp und kurzerhand vom Planungsbüro mit Getreide gestreckt. Da halfen selbst gewissenhaftes Filtern und ostdeutsche Gelassenheit wenig. Kosta, Rondo, Kaffemix taugten allenfalls für schlechte Witze. Es hagelte Eingaben aus der Bevölkerung, gab Tumulte im Konsum. Für Entspannung und gekrönten Kaffeegenuss sorgte da lange Zeit nur der Privatimport per Westpaket...
Die Geschichte des Kaffees in der DDR
Nach dem Krieg war Bohnenkaffee in ganz Deutschland Mangelware. In der sowjetischen Besatzungszone kam ein Kaffeeersatz aus Malz, Mais und Zichorie auf die Kaffeetafel, und der wurde auch noch rationiert. Weil der Genießer den echten Kaffeegeschmack nicht missen wollte, bewies er Improvisationstalent und röstete kurzerhand schwarz getauschte Bohnen in der Pfanne. Anfang der 1950er Jahre sorgte schließlich die Einfuhr aus der Sowjetunion für Trinkgenuss zwischen Ostsee und Fichtelberg. Doch da die junge DDR kaum über Devisen verfügte, drehte der große Bruder den Kaffeehahn 1954 wieder zu. Eine der Durststrecken in der DDR-Kaffeegeschichte, die nicht die letzte bleiben sollte.
Offensichtlich wusste auch die DDR-Staatsführung um die Bedeutung des Kaffees für des Volkes Wohl. Im Export von Industriegütern erzielte Devisen investierte die DDR Mitte der 1950er Jahre in Tonnen von Rohkaffee. Um dessen Verarbeitung kümmerte sich ab 1957 das Hause Röstfein. Röstfrischer Kaffee fast wie im Westen, doch der DDR-Bürger moserte. Beinah unerschwinglich war die teure Bohne, ihr Genuss wurde zum feierlichen Zeremoniell an Sonntagen und zum Geburtstag.
Kaffeefreikultur in den 1960ern
Anfang der 1960er öffneten sich die Schleusen der DDR, zumindest für Passierscheinbesucher aus dem Westen. Dies war der Startschuss für den Kaffeeimportweg, der in Zukunft jede Kaffeekrise überdauern sollte. Zentnerweise führte der Westbesuch die guten Bohnen ein. Die sonst so kritische Parteiführung sah es gelassen: Die Privateinfuhr schonte die Devisen und besänftigte das Volk. Die 1960er waren jedenfalls eine Sonnenzeit für Kaffeeliebhaber. Gemütlich saß man auf den Freisitzen der Republik und schlürfte sein "Scheelschen Heeßen". Doch die nächste Kaffeekrise nahte schon.
Zwischen Kaffee-Mix und Volksaufstand
Nach wie vor war jede jenseits des Westpaketes eingeführte Bohne hart erkauft, denn die Devisen der DDR blieben knapp. Und doch gehörte der Kaffee zum sozialistischen Alltag dazu. Ob bei Sitzungen, beim Friseur oder im überfüllten Kaffee – ohne Kaffee ging gar nichts. Weil der aber so kostbar war, wurde der Verbrauch in Cafés und Gaststätten von der Arbeiter- und Bauerinspektion ABI genauestens überwacht. Exakt 6,5 Gramm gemahlener Kaffee pro Tasse gehörten in den Brühautomaten – nicht mehr und nicht weniger.
Als jedoch 1976 wegen einer Missernte in Brasilien die Weltmarktpreise für Kaffee explodierten, drohte die Kaffeeversorgung in der DDR gänzlich zu kollabieren. Eine Kaffeegrundsatzdiskussion auf oberster Ebene musste her. Die Parteiführung selbst beschloss die Einführung eines Kaffee-Mixes aus 51 Prozent Kaffee und 49 Prozent Surrogaten wie Getreide, Zuckerrüben und sogar Erbsen. Der schmeckte scheußlich und war für den Kummer gewohnten DDR-Bürger zuviel. Niemals zuvor wurden derart viele Eingaben geschrieben. "Honeckers Krönung" lehnte im Übrigen nicht nur der Verbraucher ab, sondern auch der DDR-Brühautomat kapitulierte.
Das musste auch die Parteiführung einsehen und so versprach Honecker persönlich Ende der 1970er dem Volk die Bohnen vom Himmel oder besser gesagt aus Übersee. Auf Kaffeefahrten nach Angola und Äthiopien tauschte die DDR Maschinen und sogar Stahlhelme und Munition gegen die begehrten Bohnen und sicherte so des Volkes Wohlwollen.
Die 1980er – Ein Pfund in jedem Westpaket
Anfang der 1980er herrschte fast so etwas wie Normalität an der ostdeutschen Kaffeefront. Der Import per Westpaket sicherte zu jener Zeit ein Fünftel des gesamten Verbrauchs und wurde vom Planungsbüro mit einkalkuliert. Um den Kaffeefrieden aber auch langfristig zu bewahren, suchte die DDR nach zuverlässigen Handelspartnern. Da lag es doch nahe, das sozialistische Bruderland Vietnam als Lieferanten zu gewinnen. Zugegebenermaßen sind die Vietnamesen eher ein Volk der Teetrinker und Anfang der 1980er waren die Kaffeeplantagen in dem asiatischen Land rar. Das änderte sich dank ostdeutscher Investitionen bis Ende der 1980er. Im Herbst 1989 waren die vietnamesischen Kaffeebohnen exportreif. Doch beim Handelspartner DDR hatte man zu der Zeit andere Sorgen...
Und nach der Wende?
Kaum waren die Grenzen offen, belagerte der lang ersehnte Westkaffee die ostdeutschen Warenregale. Rondo, Mona und Co fanden keinen Platz in der bunten Kaffeevielfalt, die Produktion wurde trotz eines noch Ende der 1980er entwickelten neuen Röstverfahrens eingestellt. Erst seit 1997, als so Mancher wieder in Ostalgie schwelgt, gehört der Kaffee aus dem Hause Röstfein erneut zum Sortiment in ostdeutschen Supermärkten.
Und was ist aus den Kaffeeplantagen im fernen Asien geworden? Auch wenn Vietnam in der DDR keinen Großabnehmer für die eigens angepflanzten Bohnen gefunden hat, gehört das Land heute zu den größten Kaffeeproduzenten Asiens.
