Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Cornelia Biesecke von der evangelischen Kirche in Eisenach.

Freitag, 24.11.2017: Ein gutes Ganzes

Zu beneiden ist er gerade nicht, finde ich. Der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Die Spitzenpolitiker möglicher Koalitionen geben sich bei ihm gerade die Klinke in die Hand. Weil ja nun eine Lösung her muss für eine Regierungsbildung. Nach dem Scheitern der Jamaika-Idee ist so etwas wie ein luftleerer Raum entstanden. Und nun braucht es frischen Wind, um aus den verschiedenen Möglichkeiten ein gutes Ganzes zu machen. Oder neu zu wählen. Eine Herausforderung.

Ich habe Paulus vor Augen. Das ist ein Mann der Bibel, der auch mal eine zerstrittene Gemeinde wieder auf Kurs musste. Er hat den Leuten damals eine Vision vor Augen geführt, die sehr menschliche Züge hatte: Er hat vom Körper erzählt, mit seinen einzelnen Gliedern. So solltet ihr zusammenhalten, wie euer eigener Körper. Wenn da ein Teil aussteigt, gerät alles durcheinander. Das spürt ihr sofort. Vor allem aber braucht ihr ein Zentrum, eine gemeinsame Richtung. Sonst wird das nichts.

Für die Christen ist dieses Zentrum ihr Glaube an Jesus Christus. Dafür müssen alle Teile brennen, ackern, sich auf ihre Kraft besinnen.

Diese Idee, diese Vision von Paulus finde ich Klasse: Hand und Fuß, Leber und Milz – alle in ihrem Element. Leidet einer, leiden alle. Zusammen sind sie ein gutes Ganzes. Gilt für Regierungen und Familien, für Firmen und für die Kirche.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.  Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Donnerstag, 23.11.2017: Schöne Geschenke

Eigentlich wollte ich letzte Woche nur mal kurz vorbei schauen bei einem älteren Ehepaar aus der Kirchengemeinde. Doch die beiden haben bereits Besuch. Eine syrische Familie sitzt am Wohnzimmertisch. Sie kommt jede Woche. Die jüngeren Kinder spielen mit dem alten Herrn. Die Mutter und die älteste Tochter lernen derweil mit der alten Dame Deutsch. Mit Eifer saugen sie jedes Wort auf, dass sie ihnen vorspricht. Ich schaue zu und bin ganz angerührt von der warmherzigen Atmosphäre.  

Vor zwei Jahren kam der Familienvater aus Syrien nach Deutschland. Über eine gefährliche Route. Er voran. Die Zeit der Trennung war schwer. Doch er gehört zu denen, denen es erlaubt ist, die Familie nachzuholen. Was für Geschenk. Frau, Kinder – nun sind sie in Sicherheit. Und haben Freunde. Hier bleiben wollen sie nicht. Zurück, zumindest in die Nähe, sobald es geht. Aber so lange wollen sie auch hier Freunde sein, zu Hause sein. Alltag erleben. Die Sprache lernen. Zur Schule gehen. So sitzen sie am Tisch, lachen und reden mit Händen und Füßen. Und strahlen, alle sechs. Als der alte Herr mich zur Tür begleitet, sagt er bescheiden: "Diese Familie ist ein Geschenk für uns."

Schöne Geschenke wünsche ich auch Ihnen heute. Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Mittwoch, 22.11.2017: Buß-und Bettag

Heute ist Buß-und Bettag. Ein kirchlicher Feiertag, kein offizieller mehr. Nur noch in Sachsen. Büßen und beten? Brauchen wir das? Klingt nach Sünde, nach Strafe verbüßen. Aber betrifft mich das? Im Grunde heißt Buße so viel wie: Umkehren und neu anfangen. Wann wird das aber nötig?

Folgende Geschichte hat mich nachdenklich gemacht:

Eines Tages soll die Hölle proppenvoll gewesen sein. Und eine Riesenwarteschlange vor der Tür. Der Oberste der Teufel greift ein und will den letzten Platz dem allergrößten Sünder geben. Es gibt reichlich Auswahl an Verbrechern in der Warteschlange. Aber alle erscheinen dem Teufel noch nicht schlimm genug.

Er kommt zu einem jungen Mann und fragt: "Und, was hast du gemacht?"
"Nichts", antwortet der.
"Nichts? Wie nichts? Alle hier haben was gemacht."
"Ich nicht. Ich habe mich nur angestellt, weil ich dachte, hier gibt es Zigaretten."
"Und du hast nichts gemacht?"
"Nein!", wiederholt der Mann. "Allerdings habe ich viele andere gesehen, die sich betrogen haben, sich töteten und daran noch verdienten. Aber das betrifft mich ja nicht. Ich sah  die Not von Flüchtlingen. Doch damit habe ich ja nichts zu tun. Ich hörte, wie Kindern hungern und Wälder gerodet werden. Aber das ist weit weg."
"Und du hast nichts gemacht? Bist du sicher, dass du das alles mit angesehen hast?", bohrt der Teufel weiter.
"Sag ich doch. Aber gefilmt hab ich mit meinem Handy, als vor meiner Tür einer zusammengeschlagen wurde."
"Komm herein", sagt der Teufel. "Der Platz gehört dir."

Einen gesegneten Buß- und Bettag wünscht Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Dienstag, 21.11.2017: Gemeinsam Fäden spinnen

Gestritten, gekämpft, gehofft, verworfen. Und am Ende verloren. Der mühsame Faden, der zu einer Jamaika-Koalition geknüpft werden sollte, ist erst mal gerissen. Es waren wohl zu viele Knoten drin. Und nun? Der Auftrag bleibt ja: Eine tragfähige Regierung zu bilden.

Ich muss an ein Brautpaar denken, dass ich im Sommer getraut habe. Die jungen Leute hatten sich folgendes Bibelwort als Trauspruch gewünscht: "Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst." (Philipper 2, Vers 3). Ziemlich ungewöhnlich für eine Hochzeit. So viele Worte, die eher verstaubt klingen: Eigennutz, eitle Ehre, Demut. Die meisten Paare suchen sich Worte über die Liebe aus.

Aber vielleicht haben die beiden ein bisschen weiter geschaut. Auf die Zeit, wenn eine Krise kommt, ein Streit. Um sich dann zu erinnern, was sie sich vor dem Traualtar versprochen haben. Vertrauen, Respekt, das Bewusstsein, zu zweit zu leben. Sich nicht nur um sich selbst zu drehen, sondern auch zu sehen, was der andere braucht. Denn das alles steckt drin in den alten Worten.

Gemeinsam einen Faden spinnen, der tragfähig ist, auch für die Stürme im Leben. Und zu spüren: Gottes Segen ist da. Mit seiner Hilfe können wir es wagen. Ein gutes Konzept für eine Partnerschaft. Und für jede Form von Koalition. Meint Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Montag, 20.11.2017: Streit!

Streit ist wichtig. Ohne geht es nicht. Finde ich. Und werde immer stutzig, wenn mir zum Beispiel ein Jubelpaar zur goldenen Hochzeit sagt: "Wir haben uns noch nie gestritten. An keinem Tag unserer Ehe."

Echt nicht? Gehört das nicht dazu? Auch wenn zwei sich lieben, sind sie doch nicht immer einer Meinung! Klar wird gestritten. Streit ist gut. Wenn er auf Augenhöhe bleibt. Das aber ist eine Kunst.

Ich denke an die vielen shitstorms im Internet. Da wird gemobbt, beleidigt, intrigiert. Aufs Übelste. Denn ich muss dem Anderen nicht in die Augen sehen. Vielleicht würde ich dann anfangen zu stottern. Oder stumm bleiben. Aber weil ich den anderen nicht sehe, kann ich loslegen. Das ist kein Streit, das ist feige.

Weil das mit dem Streiten so schwierig ist, widmet sich die diesjährige Friedensdekade unserer Kirchen diesem Thema: Zehn  Tage unter dem Motto: Streit! Mit Gebeten, Vorträgen und in Gottesdiensten denken Menschen darüber nach, was dem Frieden dient. Und dazu gehört Streit. Guter Streit. Der vorwärtsbringt. Der ehrlich bleibt. Respektvoll. Ich kann eben auch für etwas streiten. Nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Meine Meinung sagen. Mich stark machen für andere. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon.

Wende Hass und Feindessinn, auf den Weg des Friedens hin.  Diese Bitte an Gott gehört zu einem Kirchenlied. Ganz sicher wird sie gesungen in diesen Tagen. Hass und Feindschaft wenden, auch mit Streit. Das dient dem Frieden, meint Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Sonntag, 19.11.2017: Volkstrauertag

"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?" So lautet der Titel eines Buches von Joachim Meyerhoff. Da ist doch ein Druckfehler drin? Klingt erst mal so. Doch beim Lesen des Buches wird der Titel klar. Der Autor beschreibt seine Kindheit, die ihm in der Erinnerung idyllisch erscheint, so aber nie war.

Das kenne ich gut. Vieles verklärt sich im Rückblick – die Kindheit, die Schulzeit, die erste Liebe. Warum? Weil wir sehnsüchtige Menschen sind. Wir wünschen uns, dass alles gut wird oder gut war.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?

Das passt zum heutigen Volkstrauertag. Wir denken an die Opfer zweier Kriege. Und darüber hinaus an die vielen Kriegsgebiete aktuell. Wir sprechen von Sehnsucht: wann lernen wir Menschen endlich, im Frieden zu leben. Einander zu respektieren. Unabhängig von Hautfarbe und Religion.

Und müssen dabei eingestehen: Das gab es noch nie. Selbst die Bibel erzählt schon in den ersten Kapiteln von Sünde, Mord und Totschlag. Adam und Eva, Kain und Abel. Und doch zieht sich der große Wunsch nach Frieden durch alle Zeiten und jedes Leben. "Friede sei mit dir!"- Der große Wunsch Gottes in jedem Segenswort. Dass wir endlich Frieden halten.

Gerade heute am Volkstrauertag wird dieser Wunsch ganz groß. Denn die Hoffnung auf den großen Frieden bleibt. Muss bleiben, auch oder gerade weil es noch nie so war.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Cornelia Biesecke aus Eisenach.

Biografie: Cornelia Biesecke * 1965 geboren uns aufgewachsen in Staßfurt
* nach dem Abitur Ausbildung als Krankenschwester
* Studium der evangelischen Theologie in Jena
* Vikariat in Unterpörlitz bei Ilmenau
* ein Jahr Zusatzvikariat bei der Thüringer Kirchenzeitung "Glaube
und Heimat"
* ein halbes Jahr Aufenthalt in den USA, Schwerpunkt: Kirchliche
Arbeit in sozialen Brennpunkten
* arbeitet derzeit als Gemeindepfarrerin und Klinik-Seelsorgerin in
Eisenach
* verheiratet, ein Sohn, eine Tochter
* Hobbys: Raus ins Grüne, Krimis lesen, neue Kochrezepte kreieren,
die die Familie probieren muss