Mann mit dickem Bauch und fast Food in der Hand
Männer sind statistisch gesehen häufiger übergewichtig als Frauen. Trotzdem finden sie sich meistens toll, so wie sie sind. An diesem Selbstbewusstsein können sich die Damen ein Beispiel nehmen. Bildrechte: Colourbox.de

Der Redakteur | 09.11.2017 Warum wendet sich Werbung für Diäten nur an Frauen?

Iris Holland-Jobb möchte wissen, warum sich Werbung für Schlankheitsmittel immer nur an Frauen wendet. Es gebe doch genug übergewichtige Männer in Deutschland, meint die MDR THÜRINGEN-Hörerin aus Sömmerda. Das stimmt, wie Thomas Becker herausgefunden hat.

von Thomas Becker

Mann mit dickem Bauch und fast Food in der Hand
Männer sind statistisch gesehen häufiger übergewichtig als Frauen. Trotzdem finden sie sich meistens toll, so wie sie sind. An diesem Selbstbewusstsein können sich die Damen ein Beispiel nehmen. Bildrechte: Colourbox.de

Da werden Frauen bevorzugt - und dann ist es auch wieder nicht richtig. Bei der Ursachensuche steht zu Beginn eine Überraschung. Denn beim Vergleich übergewichtiger Frauen und übergewichtiger Männer neigt sich die Waage eindeutig zur Männerseite. Dem Ernährungsbericht 2017 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zufolge sind die Unterschiede deutlich und festigen einen jahrelangen Trend: "Die Zahl der Übergewichtigen nimmt in Deutschland weiterhin zu. 59 % der Männer und 37 % der Frauen sind übergewichtig."

Daraus könnte man rechnerisch eigentlich schlussfolgern, dass es sinnvoller ist, sich um die dicken Männer zu bemühen - und in erster Linie denen die Schlankheitsmittel zu verkaufen. Aber warum passiert das offenbar nicht? Die Anbieter solcher Wundermittel, die schneller nachwachsen als der Bauch nach einer Diät, sind für solche Auskünfte nicht zu erreichen. Diese äußern sich nur in oft ganzseitigen Anzeigen - und das sehr überschwänglich angesichts der eigenen Großartigkeit.

Viele Frauen sind unzufrieden mit ihrem Aussehen

Abgesehen davon gibt es offenbar keine wissenschaftlichen Erhebungen, die belegen könnten, dass Frauen tatsächlich häufiger das Ziel von Werbeanzeigen werden. Aber beim Durchblättern von verschiedenen Zeitschriften könnte man durchaus diesen Eindruck bekommen.

Obst mit Maßband
Eine gesunde Ernährung und genug Bewegung sind besser als jedes Wundermittel, urteilen Lebensmittelexperten. Bildrechte: colourbox.com

Und wenn es tatsächlich so sein sollte, dann liegt die Ursache einerseits bei den Frauen selbst, aber auch bei dem Bild, das Gesellschaft, Werbung und Medien von unseren Frauen zeichnen. Wer zuerst da war, ob das Schlankheitsstreben also eher von innen heraus kommt oder von außen suggeriert wird, das hat die Gesellschaft für Konsumforschung nicht erfragt. Sie hat aber bereits 2010 ermittelt, dass sich gut 79 Prozent der Frauen schon lange vor der Saison mit ihrer Bikini-Figur beschäftigen. Schlimmer noch: 92 Prozent der Frauen haben demnach stets irgendetwas an sich herumzumäkeln. Ganz anders die Männer: Mehr als die Hälfte ist insgesamt mit der eigenen Figur zufrieden. Das deckt sich auch mit den Erkenntnissen von Brigitte Ahrens, Expertin für Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale.

Wenn es um Übergewicht geht, werden die betroffenen Männer gern als "stattlich" bezeichnet, Frauen sind hingegen dick. Das heißt: In der Wahrnehmung ist das Übergewicht bei Männern sehr viel positiver bewertet als bei Frauen.

Brigitte Ahrens, Expertin für Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen

Gepaart mit dem Hang zur Bikinifigur melden sich die Frauen also quasi freiwillig als Zielgruppe für die Wundermittel. Und diese haben - wen wundert’s - alle eines gemeinsam, sie taugen nichts oder gar nichts. Verbraucherschützer und Ernährungsexperten warnen gebetsmühlenartig davor, irgendwelchen Versprechungen zu erliegen. Die Verbraucherzentrale hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft die Untersuchungen über die angegebenen Wirkungsansätze der verschiedenen Mittel in einer Broschüre zusammengefasst und kommt zu dem Schluss: Der größte Teil der Produkte ist bestenfalls wirkungslos, im schlimmsten Fall gesundheitsgefährdend.

Vernichtendes Urteil über Diätmittel

Was an einer Stelle nur bedingt stimmt, denn auf die Umsätze der Pillendreher wirken sich die Mittel schon sehr positiv aus. Diese sitzen wohl nicht zufällig meist im Ausland, beziehungsweise geben vor, dort zu sitzen und entziehen sich so lästigen Nachfragen. Und die wären durchaus berechtigt, angesichts der vernichtenden Urteile der Ernährungsexperten über die einzelnen Ansätze der Pillen:

  • Appetithemmer auf chemischer Basis - Wirkstoffe wie Sibutramin, Ephedrin, Cathin sowie Phenylpropanolamin sollen den Stoffwechsel oder den Gehirnstoffwechsel beeinflussen und den Appetit zügeln. Erwiesen ist, dass sie zum Beispiel das Schlaganfall- und Herzinfarkt-Risiko erhöhen (Sibutramin), Phenolphthalein ist krebserregend. Das Urteil: nicht empfehlenswert.
  • Ballaststoffe und Quellmittel: alles fein natürlich, wenn auch nicht unbedingt lecker, wie zum Beispiel Schalen von Krustentieren oder das Kollagen des Bindegewebes von Rindern. Das Ziel: rasche Sättigung durch Aufquellen im Magen. Das Risiko: Verstopfungen und Darmverschluss, wenn zu wenig getrunken wird. Das Urteil: nicht empfehlenswert.
  • Einzelsubstanzen als Schlankmacher - Wirkstoffe, die ohnehin in der Nahrung oder im Körper vorkommen, wie L-Carnitin, Cholin, Lecithin, Chrom, Flavonoide, Konjugierte Linolsäure. "Belege für eine gewichtsreduzierende Wirkung gibt es nicht",  folgern die Experten. Das Urteil: nicht empfehlenswert.
  • Wirkstoff-Cocktails, also Mischungen von Sibutramin, Koffein, Ephedrin und anderen pharmakologischen Substanzen, sind auf den Verpackungen oft nicht angegeben - und manche sogar verboten. Je nach Substanz kann man sich aussuchen, welches Organ man schädigen möchte. Als besonders bedenklich stufen die Experten die Industriechemikalie 2,4-Dinitrophenol ein, die auch in Holzschutzmitteln oder Sprengstoffen vorkommen kann. Es gab bereits Todesfälle. Das Urteil: nicht empfehlenswert, hohe bis sehr hohe Gesundheitsgefährdung.
  • Entwässerungsmittel - das klingt zunächst gesund: Birkenblätter oder Rinde, Blasentang, Bohnenhülsen, Hauhechel, Wacholder oder Brennnesseln. Doch die sogar messbare Gewichtsreduzierung wird erreicht durch Wasserverlust oder eine erhöhte Stuhlmenge. Die Mittel bringen also eher den Wasserhaushalt im Körper durcheinander, als dass sie schlank machen. Bei Dauereinnahme sind die Mittel gesundheitsgefährdend. Das Urteil: nicht empfehlenswert.
  • Hemmstoffe der Fettverdauung: Orlistat (Präparat Xenical) hemmt die Fettverdauung im Darm und sorgt so dafür, dass rund ein Drittel des Nahrungsfettes nicht aufgenommen, sondern unverdaut wieder ausgeschieden wird. Nicht umsonst ist das Medikament verschreibungspflichtig und Nebenwirkungen hat es auch. Außerdem werden fettlösliche Nährstoffe wie zum Beispiel Vitamin E und ß-Carotin vom Körper schlechter aufgenommen. Das Urteil: eingeschränkt empfehlenswert.
  • Pflanzliche Mittel wie Enzym-, Kräuter-, Mineral- und Vitaminpräparate, Tees oder Algen: Die Hersteller sprechen oft von phänomenale Wirkungen, zum Beispiel dass die Fette im Körper aufgespürt und abtransportiert werden oder im Magen gebunden und aufgelöst werden. Allerdings bleiben sie den wissenschaftlichen Nachweis für ihre Versprechungen schuldig. Das Urteil: nicht empfehlenswert.
  • Trinkdiäten: Formuladiäten sind industriell hergestellte Produkte, die mit Wasser oder Milch angerührt werden oder bereits trinkfertig sind. Sie können einzelne Mahlzeiten ersetzen und sollten nur bei sehr starkem Übergewicht und unter ärztlicher Kontrolle als "Starthilfe" eingesetzt werden. Und zwar parallel zu einem begleitenden Programm zur Änderung ungünstiger Essgewohnheiten. Bewertung: eingeschränkt empfehlenswert.
  • Homöopathische Schlankheitsmittel: Sie enthalten Auszüge verschiedener Heilkräuter oder Pflanzen. Durch teils hohe Jodgehalte kann über die Anregung der Schilddrüsenfunktion der Energieverbrauch des Körpers angekurbelt werden. Auch Entwässerungs- und Abführeffekte sind beschrieben. Dennoch gilt: Die Wirkweise homöopathischer Mittel ist bis heute nicht belegt. Das Urteil: nicht empfehlenswert.

Fazit: Wenn behandlungsbedürftiges Übergewicht vorliegt, dann gehört die Behandlung in die Hände eines Arztes, empfiehlt Brigitte Ahrens in aller Deutlichkeit. Ansonsten kann man sich gerne an die Ernährungsberatung wenden oder mit dem Arzt auch darüber sprechen, welcher Sport und welche Ernährung sinnvoll sind. Die Wunderpillen sind es auf keinen Fall.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. November 2017 | 16:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 20:19 Uhr