MDR um 11 | 28.01.-01.02.2013 : Im Kessel von Stalingrad: Zeitzeugen erinnern sich
Zwischen Mythos und historischer Wahrheit
In der Schlacht von Stalingrad kamen mindestens 700.000 Menschen auf beiden Seiten ums Leben. Von den rund 90.000 Soldaten der Wehrmacht, die in Gefangenschaft gerieten, kehrten nur 5.000 nach Hause zurück. Heute gibt es kaum noch Zeitzeugen, die Auskunft geben können, um dem tatsächlichen Geschehen jenseits des Mythos nahezukommen.
Bei "MDR um 11" erinnern sich drei Soldaten des 94. Infanterieregiments aus dem sächsischen Königsbrück, die heute 92, 94 und 98 Jahre alt sind, an die schlimmste Zeit in ihrem Leben: Sie waren als Funker, Panzerabwehr-Soldat und Melder im Einsatz. Sie sind die einzigen Überlebenden im MDR-Sendegebiet, die noch in der Lage und bereit sind, zu berichten: Über die Lehren, die Stalingrad für ihr Leben hatte und das große und seltene Glück, lebend zurück gekommen zu sein.
Unerwartete Begegnungen
Der Funker Erich Hoffmann, der Panzerabwehrsoldat Siegfried Hüttner und der Melder Heinz Krebs haben Stalingrad überlebt. Am Ende ihres Lebens geben sie Auskunft. Die drei Soldaten des 94. Infanterieregiments hatten alle besondere Erlebnisse mit dem damaligen Feind, "dem Russen". Und die veränderten ihr von der Nazi-Propaganda geprägtes Bild.
Anhand von Briefen und Fotos berichten die drei Zeitzeugen in der Serie bei "mdr um elf" über ihre Begegnungen: mit einem russischen Soldaten, der sich einer Einheit angedient hatte und mit ihr von der Ukraine bis in den Kessel von Stalingrad gemeinsam unterwegs war. Oder mit einem jungen russischen Mädchen in der Poststelle, das er später heiratete. Oder sie berichten von Alltäglichkeiten, die man inmitten der Schlacht so nicht erwarten würde, etwa vom Bliny-Backen in den Ruinen gemeinsam mit Stalingradern, die wie die Deutschen unter Hunger und Kälte litten.
Am Ende des Lebens
Mehr als 200.000 Soldaten der Wehrmacht waren in Stalingrad einmarschiert. 90.000 gingen nach der Schlacht in die sowjetische Kriegsgefangenschaft, viele überlebten schon die ersten Tage nicht, erfroren, verhungerten, starben an Erschöpfung. Nur 5.000 kehrten nach Deutschland zurück.
Wie die drei Männer der sächsischen Infanteriedivision aus dem Kessel entkamen, welche mutigen Menschen ihnen dabei geholfen haben und wie die SS bis zum Schluss versuchte, Fahnenflüchtige zum Verheizen wieder in den Kessel einzufliegen - auch davon berichten sie. Keiner der drei Protagonisten tut sich leicht mit seinem Handeln damals. Am Ende ihres Lebens erzählen sie, was der Krieg mit und aus ihnen gemacht hat. Keiner der drei meint sich zu erinnern, je einen Menschen getötet zu haben. Auch die Söhne bzw. Töchter der Soldaten sprechen davon, dass es den Vätern immer wichtig war, klarzustellen, selbst nicht zum Verbrecher geworden zu sein, jedoch beobachtet zu haben wie beispielsweise SS-Einheiten Kriegsverbrechen begangen haben.
Das Erbe der Veteranen - Die Schlacht im Museum
Zu den Erinnerungen und Dokumenten aus der Stalingrad- Zeit, die die Soldaten noch besitzen, äußert sich der Historiker Jens Wehner, Kurator der Sonderausstellung "Stalingrad", die derzeit im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen ist. Im Gespräch mit ihm geht es u.a. um die Frage, wie Soldaten mit ihren Erlebnissen und ihrem Handeln im Krieg, dem Töten und Verletzen umgehen, was es für ihr weiteres Leben bedeutete und warum sie an ihrem Lebensabend "reinen Tisch" machen wollen. Die drei Soldaten aus Sachsen leben heute eng mit ihren schon im Rentenalter befindlichen Kindern zusammen. Diese kennen die Berichte und Geschichten von damals so gut, dass sie selbst Experten sind, aber auch von der Vergangenheit der Väter in besonderem Maße in Mitleidenschaft gezogen wurden. Über das Zusammenleben mit den Kriegsveteranen, den Einfluss auf ihre Moral und Weltanschauung geben sie in der MDR-Serie Auskunft.
Einer der Veteranen besucht trotz seines hohen Alters selbst die Ausstellung in Dresden zusammen mit seiner Tochter. Beide empfinden diesen 70. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad als einen besonderen Anlass zur Verarbeitung ihrer Verantwortung damals. Denn es dürfte wohl der letzte runde Jahrestag sein, an dem sich Überlebende noch an die grausame Schlacht von 1942/1943 erinnern können, die in der Geschichte des 20. Jahrhunderts eine so herausragende Rolle spielt.
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