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LexiTV : Heißkalte Zukunft?

Geht es nach Regisseur Roland Emmerich, so bricht der Klimawandel schlagartig als gewaltige Katastrophe über die Menschheit herein. So zumindest stellt er es in seinem Reißer "The Day After Tomorrow" dar. Doch wie real ist dieses Szenario? Darüber sind sich Wissenschaftler uneins.

In seinem Blockbuster "The Day After Tomorrow" ließ Regisseur Roland Emmerich 2004 das Klima auf eine verheerende Weise umschlagen. In seiner Inszenierung kündigte sich die Katastrophe durch extreme Wetterphänomene an: Emmerich ließ Neu-Delhi im Schnee versinken und riesige Hagelkörner auf Tokio niederprasseln. Ein Tornado verwüstete Los Angeles und gigantische Flutwellen überrollten New York, das ein zehntägiger Blizzard schließlich in ein Gebirge aus Schnee und Eis verwandelte. Binnen 96 Stunden erstarrte die nördliche Hemisphäre in einer neuen Eiszeit. Millionen Zuschauer verfolgten fasziniert und schockiert zugleich das Horror-Szenario, das der "schwäbische Spielberg" da auf die Leinwand zauberte. Und viele fragten sich, ob nicht der Klimawandel vielleicht auch in Wirklichkeit einen derart abrupten Umschwung zu Folge haben kann.

Wissenschaftlich nicht haltbar

Thermometer
Bricht eine neue Eiszei an?

Bildgewaltig inszenierte Emmerich die Apokalypse. Mit aufwändigen Spezialeffekten entwickelte er seine Vision eines Worst-Case-Szenarios, die ihm nicht nur bei Fans actiongeladenen Popcornkinos Aufmerksamkeit bescherte. Denn obwohl Experten den Film wegen seiner dramatischen Überspitzung als unrealistisch und "wissenschaftlich nicht haltbar" kritisierten, wie zum Beispiel Professor Mojib Latif vom Kieler "Leibniz-Institut für Meereswissenschaften", wird er von Klimaforschern ernsthaft diskutiert. Die Frage, ob eine neue Eiszeit, wie in "The Day After Tomorrow" gezeigt, nur pure Fiktion oder doch eine reale Gefahr ist, entzweit die Wissenschaftler. Einig sind sie sich immerhin darüber, dass im Film maßlos übertrieben wurde. Völlig aus der Luft gegriffen ist das Katastrophenszenario allerdings nicht. Vielleicht ist es sogar noch weniger von der Realität entfernt, als viele Kinobesucher ahnen.

Unbegründete Angst?

Dass ein globaler Klimawandel unseren Planeten erfasst, ist längst kein Geheimnis mehr. Klimaforscher warnen seit Jahren vor den Folgen der durch zunehmenden Ausstoß von Treibhausgasen ausgelösten Erderwärmung: Flutkatastrophen, Hitzewellen, Tornados und Hurrikans. Auf diesem Hintergrund erscheint die Angst vor einer bevorstehenden Eiszeit unbegründet. Das vermeintlich Gegensätzliche passt allerdings besser zusammen, als mancher glaubt. Denn gerade der - vom Menschen mit verursachte - weltweite Temperaturanstieg könnte Europa und Nordamerika eine eiskalte Zukunft bescheren.

Wie Modellrechnungen des "Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung" (PIK) ergeben, ist Europas Zentralheizung - der Nordatlantikstrom - durch die globale Erwärmung gefährdet. Neueste Messergebnisse britischer Forscher zeigen, dass die Meeresströmung zwischen Tropen und polarer Zone in den vergangenen fünfzig Jahren bereits um ein Drittel schwächer geworden ist. Fiele sie völlig weg, würde es in Europa sehr bald um etwa fünf Grad kälter werden. Welcher Mechanismus läge dem zugrunde?

Dramatisches Abbremsen

Gletscher
Das Tauen von Gletschern und Polkappen könnte den Klimawandel dramatisch verstärken.

Infolge des Treibhauseffektes, prognostizieren Klimaforscher, wird es in einer wärmeren Zukunft zu deutlich mehr Niederschlägen in nördlichen Regionen des Ozeans kommen. Außerdem tauen vermutlich Gletscher und die polaren Eisschilde. Das dadurch zugefügte Süßwasser senkt die Salzkonzentration des Wassers an der Oberfläche, es verliert an Dichte. Nur bei sehr starker Abkühlung könnte es dennoch in die Tiefe sinken - was wegen der globalen Erwärmung dann jedoch kaum noch vorkommt. Die Folge wäre ein dramatisches Abbremsen der sogenannten "Thermohalinen Zirkulation", auf deren Funktionieren der Nordatlantikstrom beruht.

Fünf Grad Abkühlung

Professor Stefan Rahmsdorf vom PIK hält ein Versiegen des Stromes hingegen für möglich, wenn auch für nicht sehr wahrscheinlich. Selbst wenn die Strömung abbrechen würde, wäre die Abkühlung regional auf Nordwest-Europa begrenzt. Außerdem käme die zu erwartende Abkühlung von etwa fünf Grad Celsius (zum Vergleich: während der letzten Eiszeit lagen die Temperaturen in dieser Region rund zwanzig Grad unter den heutigen) in einer durch den Klimawandel bereits um fünf Grad wärmeren Welt zum Tragen. Die Temperaturen fielen lediglich auf vorindustrielles Niveau und würden erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte zwar deutlich, aber keineswegs dramatisch sinken.

Forscher, die mit Daten der Klimageschichte arbeiten, befürchten jedoch ein mögliches schnelleres Umkippen des Klimas. Geowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es immer wieder plötzliche Wechsel in der Klimageschichte der Erde gab. Selbst wenn sich das Klima in naher Zukunft nicht drastisch verändern sollte - Paläoklimatologen wie Professor Frank Sirocko von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz sind sich sicher: Die nächste Eiszeit kommt!

Faktor Umlaufbahn

Während die meisten Klimaforscher vor steigenden Temperaturen warnen, verweist er auf den natürlichen Klimawandel, einen Rhythmus, in dem - abhängig von der Umlaufbahn unseres Planeten um die Sonne - alle hunderttausend Jahre das Klima auf dem Globus kippt. So folgten während der letzten Million Jahre auf etwa 7.000 bis 15.000 Jahre milden Klimas stets hunderttausend Jahre, in denen sich die Gletscher Skandinaviens bis nach Mitteleuropa ausbreiteten. Bereits seit 11.500 Jahren genießt Europa eine Wärmephase.

Ende der letzten Warmzeit

Innerhalb des "Deutschen Klimaforschungsprogramms" (DEKLIM) untersuchten Sirocko und Kollegen, welche Prozesse zum Ende der letzten Warmzeit vor etwa 118.000 Jahren geführt haben, um so Rückschlüsse darauf zu ziehen, wann das jetzige Interglazial zu Ende gehen könnte. Sie erkannten für die damalige Zeit einen deutlichen Rückgang der Niederschläge als auch der Temperatur, sowie - anhand mariner Sedimente aus dem Nordatlantik - eine Verlagerung des Golfstroms nach Süden.

Vergleichbare Situation

Auch die Sonneneinstrahlung auf der Nordhalbkugel soll zu diesem Zeitpunkt ganz ähnlich wie heute gewesen sein. Wegen der vergleichbaren Situation stünde uns laut Prognose der Wissenschaftler in zwei- bis dreitausend Jahren eine neue Eiszeit bevor: In naher Zukunft schon würde sich die Eis- und Schneedecke über Nordamerika ausbreiten, der Golfstrom würde sich nach Süden verlagern und wir bekämen ein trockenes und kühleres Klima - der Beginn einer Abkühlungsphase, die einige Jahrtausende später in einer Eiszeit endet.

Eiszeit im Treibhaus?

Hierbei handelt es sich allerdings um nackte Theorie. Sie vernachlässigt nämlich die menschengemachten Klimaeinflüsse. Und so wie es aussieht, hat die "natürliche" Eiszeit bei der derzeitigen Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre nur geringe Chancen. Welche Folgen der Klimawandel tatsächlich haben wird, weiß allerdings mit Gewissheit niemand. Vielleicht wird das Paradox ja Wirklichkeit - eine Eiszeit im Treibhaus. Sie käme wohl schleichend, nicht so spektakulär wie in Hollywood - in ihren Konsequenzen aber wäre sie nicht weniger katastrophal.

Ulrike Wolf (10.01.2006)

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2012, 16:43 Uhr

Die Rolle des Nordatlantiksstroms

Der Nordatlantiksstrom ist Teil der Thermohalinen Zirkulation. Gemeinsam mit dem Golfstrom verbindet er die Polarmeere und die Tropen. Seine "Umwälzpumpen" liegen in der Labradorsee und der Grönlandsee. Dort kühlen kalte Winde das Oberflächenwasser im Winter stark ab. Dieses kalte Wasser ist schwerer als das wärmere Wasser in tiefer liegenden Meeresschichten. Daher sinkt das kalte Wasser allmählich in zwei bis drei Kilometer Tiefe hinab, fließt dort als kalter Tiefenstrom Richtung Süden und erzeugt dabei ein Defizit an Oberflächenwasser im Nordatlantik. Das wird von nachströmendem Wasser aus tropischen Regionen, welches mit dem Golfstrom nach Norden gelangte, wieder ausgeglichen - der Nordatlantikstrom. Die warmen Wassermassen geben Wärme an die Luft ab und sorgen so in Europa für mildes Klima.

Eiszeiten

Laut offizieller Definition der Klimatologen herrscht eine Eiszeit, wenn so genannte Inlandeisschilde auf dem Globus existieren. Seit etwa dreißig Millionen Jahren ist die Antarktis vereist, seit mindestens 2,7 Millionen Jahren auch die Arktis. Wir leben also in einer Eiszeit. Diese Periode ist kurzzeitigen klimatischen Schwankungen unterworfen, den Kaltphasen (Glaziale) und den Warmphasen (Interglaziale). Oft wird der Begriff Eiszeit allerdings synonym zu Kaltzeit oder Glazial verwendet.

Die Kältephasen einer Eiszeit, gekennzeichnet durch massive Gletschervorstöße, sind in der Regel länger als die Wärmephasen, die nur rund 15.000 Jahre dauern. In der Wärmephase einer globalen Eiszeit bleibt das Klima im erdgeschichtlichen Vergleich relativ kalt, die Eisdecke von Polen und höheren Gebirgen wird durch Dauerfrost erhalten. Die Gletscher in mittleren Breiten gehen aber zurück, und es kommt dort zu wesentlich gemäßigterem Klima mit milden Wintern.

Unsere heutige Klimaperiode, in der geologischen Zeitskala als Holozän bezeichnet, ist eine Warmzeit innerhalb einer globalen Eiszeit, und dauert bereits seit etwa 11.500 Jahren an. Der gesamte Zyklus von einer Warmzeit zur nächsten dauert um die hunderttausend Jahre. Warmzeiten beginnen häufig recht abrupt, während die Abkühlung eher schleichend erfolgt.

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