MDR 1 RADIO SACHSEN | Dienstags direkt | 25.09.2012 : Vernachlässigt, misshandelt, ausgesetzt. Warum werden nicht alle Kinder geliebt?
Sie heißen Karolina, Jessica oder Lea-Sophie. Unvorstellbares Leid ist mit den Namen dieser Kinder eng verknüpft, die Anteilnahme an ihren Schicksalen groß. Die große Frage bleibt: Wie konnte das passieren? Unser Thema bei "Dienstags direkt" am 25.09.2012, ab 20 Uhr bei MDR 1 RADIO SACHSEN.
Wenn etwas passiert, sind die Zeitungen voll, Hörfunk und Fernsehen berichten, Entsetzen macht sich breit. Wie konnte das passieren? Doch die Aufregung währt oft nur kurz. Schon wenig später sind die Geschichten um die Kinder aus den Schlagzeilen wieder verschwunden.
Ihre Namen fallen uns vielleicht noch ein, manchmal auch ihre Schicksale: Karolina ist nur drei Jahre alt, als sie sterbend in der Toilette eines Krankenhauses in Bayern abgelegt wird. Die siebenjährige Jessica verhungert in einer Hamburger Wohnung in einem ungeheizten, abgedunkelten Raum, in dem sie dahin vegetierte. Lea-Sophie verhungert in Schwerin.
Kleine Kinder, die ihre Eltern bedingungslos lieben, werden nicht beachtet. Ihr Weinen erreicht die Eltern nicht. Ihr Schreien macht alles nur noch schlimmer, ihre Eltern noch wütender oder passiver. Warum tun Mütter und Väter so etwas oder lassen es zu?
Wie werden aus Eltern Täter?
Es gibt verschiedene Formen von Gewalt gegen Kinder: seelische und körperliche Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung. Die jeweiligen Ursachen sind unterschiedlich. Der alltäglichste Grund für die Misshandlung ist Überforderung. Es sind die Situationen, in denen den Eltern alles über den Kopf wächst. Kommen dann noch Krisen, wie finanzielle Nöte oder eine zerrüttete Partnerschaft hinzu, dann erhöht sich das Risiko sprunghaft. Drogenmissbrauch und psychische Erkrankungen wirken in diesem Umfeld potenzierend und stellen bereits allein eine nicht zu kalkulierende Gefährdung des Kindes dar. Selbst das Bestrafen an sich kann in eine Spirale münden, die immer härtere Maßnahmen bis hin zur Grausamkeit nach sich zieht.
Der Eindruck, dass Gewalt gegen Kinder sich nur in den sogenannten sozialen Randgruppen abspielt, täuscht. Seelische und auch körperliche Gewalt gegen Kinder ist in allen sozialen Schichten zu finden. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Nur die grausamsten Übergriffe kommen an die Öffentlichkeit.
Entbindung als Ausnahmesituation
Die Kindstötung unmittelbar nach der Geburt kann Ergebnis einer Verdrängung und der dann einsetzenden Panik sein. Die eigene Schwangerschaft wird nicht akzeptiert. Dieses Kind passt nicht zum Lebensentwurf. Alles soll geheim bleiben, deshalb kommt auch eine Adoption nicht in Frage. Die Zahl der Kindstötungen ist stark rückläufig. Viele Experten sehen darin auch einen Erfolg der vielen Hilfsangebote von der Beratung bis zu Babyklappe. Wer allerdings die Schwangerschaft verleugnet, der sucht keine Hilfe. In diesem Fall müssten die Betroffenen gefunden werden. Hier kommt unweigerlich die Frage auf: Wie kann eine Schwangerschaft unentdeckt bleiben? Wie ist das in einer Partnerschaft und in der Familie möglich? Warum bemerkt kein Arzt etwas? Und was geht den Frauen vor?
Hinsehen und nachfragen - lieber einmal mehr
Wenn grausame Fälle an die Öffentlichkeit gelangen, dann tritt meist das Phänomen der Unsichtbarkeit auf: Keiner hat etwas bemerkt. Kein Lehrer, kein Betreuer, kein Nachbar. Irgendwie konnten die Eltern das Leid der Kinder gut kaschieren. Oder wollte es einfach keiner bemerken? "Das ahnende Vorbeisehen", so nennen Experten des Netzwerkes für Kinderschutz Sachsen dieses Verhalten und treten dagegen an. Aufklären, Warnsignale benennen und Hilfe anbieten für Ärzte, Hebammen, Mitarbeiter der Jugendämter. Denn auch sie sind alle Menschen, die nicht nur beruflich, sondern auch privat hinschauen und mit Nachbarn sprechen.
"Vernachlässigt, misshandelt, ausgesetzt. Warum werden nicht alle Kinder geliebt?" Darüber wollen wir mit unseren Gästen und Ihnen ins Gespräch kommen.
