Mi 06.09. 2017 20:15Uhr 59:45 min

Exakt - So leben wir!

Lohn oder Stütze? (4/4)

Komplette Sendung

Eine junge Frau schneidet einem mann die Haare.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Mi, 06.09.2017 20:15 21:15
Film von Tom Kühne

Ostdeutschlands Wirtschaft geht es so gut wie nie zuvor. Die Zahl der Beschäftigten ist seit Beginn der Hartz-Reformen um 640.000 gestiegen. Doch auf der anderen Seite sind seitdem über eine Million Menschen mehr in Leiharbeit, Teilzeit oder Multijobbing. Der Preis sind wachsende Ungleichheit und mehr Unsicherheit, denn immer weniger Menschen können von ihrer Arbeit leben.

Karsten Halbauer ist einer von ihnen. Der Thüringer gehört zu den zehntausenden Selbständigen, die sich Tag für Tag selbst ausbeuten. Neben seinem Hauptberuf muss er jeden Morgen noch Zeitungen austragen. "Es ist nicht gerecht in Deutschland. Die Schere bei den Einkommen muss wieder zusammengeführt werden."

Prof. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle gibt zu bedenken: "Die Arbeitsmarktreformen hatten das Ziel, durch Senkung des Lohnniveaus viele Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Das hat soweit auch funktioniert! Jetzt muss man sich Gedanken machen, wie man die Betroffenen aus dem Niedriglohnbereich herausbekommt!" Das betrifft in Ostdeutschland fast 40 Prozent, in einigen Regionen sogar jeden zweiten.

"Exakt - So leben wir!" unternimmt eine Reise an die Ränder unserer "schönen, neuen Arbeitswelt". Es ist eine Reise voller Kontraste: Das MDR-Team trifft Unternehmer, die sich aus der Arbeitslosigkeit nach oben gearbeitet haben; Menschen, die zur hart arbeitenden Mittelschicht gehören und jene, die arm sind, trotz Arbeit!

Der Film nimmt die zunehmende Lohnschere in Ostdeutschland unter die Lupe. Warum gibt es gerade hier eine so hohe Niedriglohnquote? Werden wir in Zukunft überhaupt noch von unserer Arbeit leben können? "Exakt - So leben wir!" schaut genauer hin: Welche Auswirkungen hat Lohnungerechtigkeit auf die Gesellschaft und die Menschen?

Zum Beispiel Regina Richter: Lange musste die Frisörin für Stundenlöhne von fünf Euro brutto arbeiten. Im September geht sie in den Ruhestand. Nach 51 Arbeitsjahren droht ihr jetzt die Altersarmut: "626 Euro und 80 Cent steht auf dem Rentenbescheid! Man ist fassungslos, man steht nach einem Arbeitsleben im Endeffekt wie vor einem Scherbenhaufen. Es ist eine Strafe, weil es nicht gewürdigt wird. Arbeit wird nicht gewürdigt." In Regina Richters Altersgruppe ist schon heute jeder sechste Ostdeutsche von Altersarmut betroffen - Tendenz steigend.

Oder die vielen Pendler: 230.000 Mitteldeutsche haben ihren Arbeitsplatz in den alten Bundesländern und verbringen täglich oder wöchentlich viele Stunden auf der Autobahn. Denn allein auf dem Weg von Magdeburg nach Wolfsburg steigt der Monatslohn von 2.617 Euro auf 4.610 Euro - das sind 22 Euro pro Kilometer!

Emotionale Reportagen, ein spannendes Experiment und überraschende Zahlen - präsentiert von Moderatorin Annett Glatz , "Lohn oder Stütze?" ist die letzte Folge der diesjährigen Staffel des datenjournalistischen, crossmedial angelegten Projektes des Mitteldeutschen Rundfunks.

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