Infratest dimap "Vorerhebungen sind keine Prognosen"

Wer ein Festnetztelefon besitzt, werktags zwischen 17 und 21 Uhr erreichbar ist und Fragebögen mag, hat gute Chancen bei einer Wahlumfrage das politische Stimmungsbild in Deutschland mit abzubilden. So ermittelt Infratest dimap die Antworten auf die berühmte Sonntagsfrage.

Das Berliner Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap erstellt unter anderem für die ARD den ARD-Deutschlandtrend, das politische Meinungsbild der Bundesrepublik. Jeden Monat ruft es dafür 1.500 wahlberechtigte Bürgerinnen und Bürger auf ihren Festnetztelefonen an und befragt sie zu ihren politischen Präferenzen.  Wen würden sie zum nächsten Kanzler wählen? Welche internationalen Politiker sind beliebt? Finden sie es gut, dass Deutschland am Klimaabkommen festhält? Wer an der Telefonumfrage teilnimmt, hängt vom Zufall ab. Computer suchen die Telefonnummern stichprobenartig heraus. Wenn die Probanden dann zwischen 17 und 21 Uhr zu Hause sind und Lust haben, zwölf Fragen zu beantworten, prägen sie das politische Stimmungsbild. Die Aussagekraft der Zahlen wird aber immer wieder angezweifelt.

Wichtig ist: die Vorerhebungen sind keine Prognosen. Wir versuchen nie anzupreisen, was vielleicht noch alles passieren könnte bis zur Wahl, das ist die Stimmungsmessung bis zu diesem Zeitpunkt.

Geschäftsführer bei Infratest dimap Michael Kunert.
Geschäftsführer bei Infratest dimap Michael Kunert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Geschäftsführer von Infratest dimap Michael Kunert weist die Kritik an den Zahlen zurück. Ein häufiges Problem sei die ungenaue Vermittlung der Zahlen durch Journalisten und unzutreffende Interpretationen. "Wenn man sich beim Brexit mal anschaut, die Botschaft war ganz klar: Es ist ein verdammt enges Rennen", so Kunert. Die Erhebungsmethode birgt Fehlerquellen, die das Institut rechnerisch korrigieren muss. Zum Beispiel bei der Befragung über das Festnetztelefon: Vor allem junge Menschen, die eher Smartphones benutzen, werden so oft nicht berücksichtigt.

Dabei können die Fehlinterpretationen aber auch auf die mangelnde Transparenz der Meinungsforschungsinstitute zurückgeführt werden. Fehlende Rohdaten, so lautet der Vorwurf. Michael Kunert befürchtet, dass zu viele Daten die Leser verwirren könnten. Denn, wenn die Statistik Löcher in den Umfragewerten mathematisch schließt, hat man plötzlich zwei Werte – den "echten" und den durch die Statistik angepassten. "Wir haben die Sorge, wenn wir zwei verschiedene Zahlenpaare liefern würden, also einmal so etwas wie Stimmung und einmal die Projektion für die einzelnen Parteien, dass die Menschen nicht angemessen damit umgehen können", meint Kunert. Die Daten seien nichtsdestotrotz zugänglich. "Die Datensätze können sich Interessierte über Gesis besorgen. Wir halten das für ein angemessenes Verfahren."

Dass sich die Umfrageergebnisse vor allem vor wichtigen politischen Wahlen gravierend auf die Ergebnisse auswirken könnten, sieht Kunert nicht. Dies sei eine natürliche, mögliche Konsequenz: "Jede Nachricht, die verkündet wird, sei es in einer Zeitung oder im Fernsehen, im Radio oder in Online-Meldungen, hat einen Einfluss auf die Wahlentscheidung."

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2017, 17:00 Uhr