mittendrin | Interview
Frei von der Lippe
Der Mann steht für intelligente Unterhaltung: Jürgen von der Lippe - Komiker, Zauberer, Büchernarr, Hobbykoch und nicht zuletzt Sprachfan. Aus seiner Neigung für korrektes Deutsch hat der Entertainer eine neue Fernsehsendung gemacht. "mittendrin" sprach mit ihm über sprachliche Entgleisungen, vom Aussterben bedrohte Wörter und fragte: "Wann haben Sie das letzte Mal…?"
... privat ein Hawaii-Hemd getragen?
Privat? Nie!
... sich eine Kochzeitschrift gekauft?
Oh – letzte Woche. Ich empfinde nicht nur die Lektüre als äußerst anregend - ich habe allein über 300 Kochbücher - ich schneide Rezepte sogar aus. Meistens mit dem Vorsatz, sie nachzukochen. Wie gestern zum Beispiel: Kartoffelpüree mit gehackten Pistazien. Bei 50 Prozent bleibt es aus Zeitmangel jedoch nur bei den guten Vorsätzen.
... bei einem sprachlichen Streitfall darauf gepocht, dass Sie der studierte Germanist sind?
Dauernd! Schon als Student gegenüber meinem Professor war ich mir sicher, im Recht zu sein - er war hoffnungslos. Das ist heute anders. Allerdings wurde vieles, was ich im Studium gelernt habe, inzwischen vom Zahn der Zeit gefressen. Aber das ist okay, Sprache ist für mich kein heiliges Gut, ich habe auch nichts gegen äußere Einflüsse. Und alle, die so auf "das reine Deutsch" schwören, sollten wissen, dass es das nie gab. Es war schon immer eine Mischform aus Latein, Französisch, Jiddisch und vielem mehr. Und heute eben viel aus dem Englischen.
... über die sprachlichen Entgleisungen eines Fußballers gefeixt??
Wie über Mario Baslers unvergessenen Ausspruch "Die Ausländer, wo hier spielen, sollen erst mal vernünftig Deutsch lernen?" Ich kann mich köstlich über sprachliche Entgleisungen amüsieren. Gern und oft genommen sind ja auch englische Ausdrücke wie "Round about." Gegen die Verwendung ist ja nichts einzuwenden, man sollte jedoch wissen, welche Bedeutung sie haben. Und "Kreisverkehr", so die Übersetzung, passt oftmals ganz und gar nicht in "Round about"-Sätze.
... bei einem vom Aussterben bedrohten deutschen Wort gedacht, dass es an der Zeit wäre, etwas für seine Rettung zu tun?
Schlüpfer wäre eines. Oder Arschkarte. Wobei letzteres direkt gar nicht vom Aussterben bedroht ist, komischerweise - obwohl es eigentlich seinen Sinn verloren hat. Das Wort wurde beim Fußball verwendet, als es noch Schwarz-Weiß-Fernseher gab. Da die Zuschauer ja nicht sehen konnten, ob der Schiri eine gelbe oder rote Karte zog, gab es die Regelung, die Gelbe kommt aus der Brusttasche, die Rote aus der Gesäßtasche - eben die Arschkarte. Weiß heute leider kaum noch jemand.
... einen Brief mit der Anrede Herr Dohrenkamp erhalten?
Das ist ewig her. Muss aber auch nicht sein, im Pass stehen beide Namen. Nur meine amtliche Post geht noch an Herr Dohrenkamp.
... eine Sendung im Fernsehen gesehen, bei der Ihnen die Tränen kamen?
Vor Lachen? Oft. Vor Rührung? Gott ja, "Mitten ins Herz", dieser Film mit Hugh Grant über einen alternden Popstar - mir kamen die Tränen, ganz ehrlich.
... eine rote Ampel überfahren?
Passiert mir nie - ich fahre in Deutschland kein Auto! Nur im Spanien-Urlaub und da gibt es an fast jeder Kreuzung einen Kreisverkehr. Oder in den Staaten, auch da fährt es sich mit strengen Geschwindigkeitsbegrenzungen sehr entspannt. Dass ich in den Rückspiegel schaue und einer kommt mit 240 Sachen angerast, kann dort nicht passieren. Und an Kreuzungen gilt: Wer zuerst da ist, darf zuerst - witzig und funktioniert bestens.
... damit angegeben, ein Grimme-Preisträger zu sein?
Zweifacher, ein zweifacher Grimme-Preisträger. Ständig, gerade eben wieder.
... eine Ente über sich in der Zeitung gelesen?
Passiert immer wieder, oft geht es dann um den Verdienst. Dazu muss ich sagen, dass alle veröffentlichten Zahlen über Honorare im Showgeschäft Enten sind - und das betrifft nicht nur mich.
... in Kreuzberg eine Nacht durchgefeiert?
Ewig her. Nicht nur, weil Kreuzberg nicht mehr mein Einzugsgebiet ist. Für solche Aktivitäten fehlt mir inzwischen die Kondition.
... einen Schlagertext gehört, bei dem sich Ihnen die Nackenhaare sträubten?
Bei den meisten höre ich ehrlich gesagt nicht wirklich hin, das wäre der Mühe nicht wert. Dafür bieten die Texte einiger Rapper wie Bushido immer wieder Pfiffiges, sogar wahre Sprachperlen. Prompt fällt mir aber keine ein.
... daran gedacht, zumindest für eine kurze Zeit, wieder als Deutsch-Lehrer tätig zu werden?
Ich hatte als Tutor an der Uni viel Spaß und hätte das auch gern beruflich gemacht. Aber damals waren die Lebensläufe der anderen besser, ich als Nicht-Promovierter chancenlos. Inzwischen ist das Kapitel geschlossen.
... über den Gag eines Komiker-Kollegen lauthals gelacht?
Gestern: Schmidt und Pocher.
... sich im Spiegel betrachtet und einen tollen Hecht gesehen?
Zehn Minuten vor diesem Gespräch!
Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2007, 14:06 Uhr
Zur Person
Jürgen von der Lippe heißt eigentlich Hans-Jürgen Dohrenkamp und wurde 1948 im Lipper Bergland geboren. Acht Jahre unterrichtete der studierte Germanist als Deutschlehrer Ausländer, landete mit den Gebrüdern Blattschuß 1976 ("Kreuzberger Nächte sind lang") und 1987 als Solointerpret ("Guten Morgen liebe Sorgen") Superhits, moderierte verschiedene TV-Shows (u. a. "Geld oder Liebe") und ist zweifacher Grimme-Preisträger. Privat ist er seit 1988, nach einer kurzen Ehe mit Margarethe Schreinemakers, wieder mit seiner ersten Frau Anne Dohrenkamp zusammen.
