Viele kleine bunte Plastikrohre in einer Art Stromkasten.
Wie steht es in Deutschland um den Breitbandausbau? Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Breitbandausbau Mitteldeutschland hinkt beim schnellen Internet hinterher

Patrick Schmidl ist 18 Jahre alt, Erstwähler und Youtuber. Er fragt, warum in seinem Dorf bei Annaberg-Buchholz im Jahr 2017 "nicht das schnellste Internet" anliegt. Wie ist es in Mitteldeutschland um den Breitbandausbau bestellt?

Viele kleine bunte Plastikrohre in einer Art Stromkasten.
Wie steht es in Deutschland um den Breitbandausbau? Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Was ist "schnell" im Internet?

Im Internet geht es um Datenübertragung. Eine Datei, ein Bild, eine Tabelle wird von Rechner A zu Rechner B geschickt. Schnell ist der Transfer, wenn möglichst große Datenmengen möglichst schnell an ihr Ziel gelangen. Die Datengröße wird in Bit gemessen und die Transfergeschwindigkeit mit Megabit pro Sekunde angegeben.

Die Wahrnehmung, ob sich eine Internetseite ruckzuck aufbaut oder langsam, ist subjektiv. "Schnell" und "langsam" sind damit politische Kategorien. Als langsam wird eine Übertragungsrate von weniger als 30 Megabit pro Sekunde betrachtet. Ein schneller Anschluss muss mindestens 50 Megabit schaffen. Zum Vergleich: Patrick hat in seinem Dorf eine Übertragungsrate von 16 Megabit pro Sekunde.

Wie schnell eine Verbindung ist, hängt ganz wesentlich von der Übertragungstechnik ab. In den 90er Jahren war ein Modem üblich. Es wurde von ISDN-Anschlüssen abgelöst. Heute handelt es sich, wenn von schnellem Internet die Rede ist, in der Regel um DSL und Breitband-Anschlüsse.

Was tut die Politik für den Breitband-Ausbau?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt am 15.03.2017 in Berlin zur Sitzung des Bundeskabinetts im Kanzleramt.
Erklärte schon 2009 - "Wir brauchen richtige Anschlüsse - das heißt Breitbandanschlüsse": Bundeskanzlerin Merkel. Bildrechte: dpa

Die flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet ist das erklärte Ziel der Bundesregierung. Schon 2009 hatte Kanzlerin Angela Merkel formuliert: "Um die neuen Möglichkeiten nutzen zu können, brauchen wir auch die richtigen Anschlüsse – das heißt Breitbandanschlüsse." Das war zu Beginn der schwarz-gelben Koalition. Das Ziel damals hieß: 50 Megabit für 75 Prozent der Bevölkerung.

Das wurde 2014 noch nicht erreicht. Da schmiedete die aktuelle schwarz-rote Regierung ihre Digitale Agenda. Ihr Ziel ist die flächendeckende Breitbandversorgung bis 2018. Dann soll jeder Haushalt in Deutschland über einen Anschluss von mindestens 50 Megabit pro Sekunde verfügen können. Dafür wollte die Bundesregierung allein in dieser Wahlperiode vier Milliarden Euro in die Hand nehmen. Erst Ende Juli überreichte Alexander Dobrindt, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, mehr als 200 Förderbescheide. Dabei ging der größte Einzelposten von gut 20 Millionen Euro an Chemnitz.

Die Regierung leitet dabei nicht selbst die Verlegung von Kabeln in die Wege. Sie fördert, dass Kabelnetzanbieter und Kommunen das tun. Der Förderanteil des Bundes beträgt 50 bis 70 Prozent. Hinzu kommen Programme einzelner Bundesländer. Dann kann der Förderanteil bis zu 90 Prozent der Investitionssumme ausmachen.

Alexander Dobrindt
Minister Dobrindt: Deutschland mit Zuwachszahlen an der europäischen Spitze. Bildrechte: IMAGO

Trotz dieser Investitionen lässt sich schon heute sagen, dass die Zielmarke 2018 verfehlt wird. Ende 2016 betrug die Versorgungsquote 75,5 Prozent. Minister Dobrindt ist trotzdem stolz. Das sei ein Zuwachs von 26 Prozent binnen drei Jahren. Mit diesem Wachstum stehe Deutschland an der europäischen Spitze.

Die Grünen-Politikerin Tabea Rößner meint, das Ziel liege in weiter Ferne. Die verbliebenen 25 Prozent seien die schwierigsten. Tatsächlich vollzog sich der Ausbau vor allem in Städten. Vielfach wurden bestehende Kupferkabel aufgerüstet. Das Verfahren nennt sich Vectoring. Nun gilt es ländliche Gebiete zu erschließen. Und da muss noch viel Kabel verbuddelt werden.

Warum sind der Osten und ländliche Regionen abgehängt?

Tatsächlich ist die Versorgung regional sehr unterschiedlich. Während Hamburg, Berlin und Bremen eine Quote von mehr als 90 Prozent haben, liegen die ostdeutschen Bundesländer abgeschlagen bei nicht einmal 60 Prozent. Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt mit rund 48 Prozent. Sachsen kommt auf fast 58, Thüringen auf rund 59 Prozent.

Noch schlechter ist die Versorgung auf dem Land. Nach Angaben des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur verfügt in ländlichen Gebieten nur jeder dritte Haushalt über ein schnelles Internet. In den Städten liegt die Quote dagegen bei 89,5 Prozent.

Sowohl das Land als auch der Osten sind durch große Räume und dünne Besiedlung benachteiligt. Um eine ferne Siedlung an das schnelle Internet anzuschließen, sind teure Erdarbeiten nötig, um Kabel zu verlegen. Je größer die Entfernung, desto höher die Kosten für die Investoren. Dieses Geld muss der Kabelnetzanbieter erst einmal wieder einspielen – er legt die Kosten auf die Kunden um. Ist der potentielle Kundenkreis zu klein, lohnt sich die Investition nicht.

Der Bund versucht mit zusätzlicher Förderung entgegenzusteuern. Bei der zweiten Runde des Förderprogramms gingen 710 von 900 Millionen Euro nach Ostdeutschland. Den Löwenanteil von 460 Millionen Euro erhielt das dünn besiedelte Mecklenburg-Vorpommern. Sachsen rief fast 210 Millionen Euro ab, Sachsen-Anhalt 20 Millionen, Thüringen 7 Millionen Euro.

Was bringt die Zukunft?

Die von der Politik angestrebte Versorgung von 50 Megabit wird in Zukunft nicht reichen. Der Datenhunger der Internetindustrie wächst ungebremst weiter. Schon heute wird täglich und weltweit eine Datenmenge übertragen, die um das Tausendfache größer ist als alle Bücher zusammen, die bisher geschrieben wurden. Videos, Onlinespiele und andere Internetanwendungen beanspruchen riesige Datenvolumina. Für ihre reibungslose Darstellung kann die Verbindung gar nicht schnell genug sein.

Minister Dobrindt spricht deshalb gern von der Gigabit-Gesellschaft. Gemeint sind Übertragungsraten von mehr als 1000 Megabit, also 1 Gigabit pro Sekunde. Diese Geschwindigkeit lässt sich bei Festnetzanschlüssen nur mit der Glasfaser-Technik erreichen. Das Vergleichsportal Verivox wirft der Politik deshalb vor, auf veraltete Technik zu setzen. Das hübsche zwar die Bilanz der Digitalen Agenda auf, tauge für die Zukunft aber nicht.

Gibt es Alternativen zum Festnetzanschluss?

Ein LTE Surf Stick und ein Button
Die Versorgung mit dem aktuellen Mobilfunkstandard LTE ist weit fortgeschritten. Bildrechte: ddp

Einen schnellen Datenverkehr macht auch die mobile Datenübertragung möglich. Die Funknetze aufzubauen ist relativ preiswert, ohne allzu viele teure Erdarbeiten. Denn Kabel müssen nur bis zum Funkmast gezogen werden. Tatsächlich ist die Versorgung mit dem aktuellen Mobilfunkstandard LTE weit fortgeschritten. Laut Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur liegt die Quote bereits bei 96 Prozent.

Allerdings ist die Technik deutlich teurer als ein herkömmlicher DSL-Anschluss. Und die Geschwindigkeit sinkt merklich, wenn viele Menschen gleichzeitig in einer Funkzelle das Internet intensiv nutzen.

Auch im mobilen Bereich steht die nächste Revolution an. Es handelt sich um die sogenannten 5G-Technologie. Das ist die 5. Generation des Mobilfunks und soll bis zu 10 Gigabit pro Sekunde erreichen. Das wäre zehn Mal so schnell wie der aktuelle LTE-Standard.

Allerdings befindet sich 5G noch in Entwicklung. Auch das 5G-Lab an der TU Dresden forscht daran. Erste Versuche und Messungen unter Outdoor-Bedingungen laufen. Nach EU-Plänen soll G5 bis 2020 die Marktreife erreicht haben. Aber auch diese Technik ist nicht umsonst zu haben – neue Antennen werden benötigt. 2018 soll die Frequenz-Vergabe beginnen.

Über "Menschen mittendrin" berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | zwischen 11.8. und 24.9.2017 | wöchentlich

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2017, 16:00 Uhr

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