Ein Mann steht vor einer Kneipe
Das TV-Duell im "Zum Engel". Bildrechte: MDR/Ole Hilgert

Kneipenbesuch in Apolda Ein Kanzler-Duell ohne Zuschauer

Es sollte der große Schlagabtausch vor großem Publikum werden: Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz trafen sich zum TV-Duell, der einzigen direkten Debatte der beiden im Bundestagswahlkampf. Im Rahmen unseres Projekts "Menschen mittendrin" wollten wir wissen: Wie groß ist das Interesse am TV-Duell bei den Wählern? Wir haben Jürgen Köhler in Apolda besucht und uns in seiner Kneipe bei den Gästen umgehört. Das Ergebnis war ernüchternd.

von Ole Hilgert, MDR AKTUELL

Ein Mann steht vor einer Kneipe
Das TV-Duell im "Zum Engel". Bildrechte: MDR/Ole Hilgert

Sonntagabend, kurz nach 18 Uhr. Ein schöner Spätsommertag in Apolda geht langsam zu Ende. In der Kneipe "Zum Engel" in der Wilhelmstraße brennt Licht und das Fenster steht weit offen. Hier sind wir verabredet mit dem Wirt Jürgen Köhler. Er ist einer der "Menschen Mittendrin", die wir in den Wochen vor der Bundestagswahl begleiten, denen wir eine Stimme geben und sie fragen wollen, was sie und ihr Umfeld bewegt.

"Was soll schon rauskommen?"

Unser Besuch hat einen Anlass: Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz. Über 15 Millionen Menschen werden es sich bundesweit ansehen.

Jürgen Köhler hat zu einer Art "Public Viewing" in die Kneipe geladen. Als wir ankommen, sind 13 Gäste da, alle männlich, die meisten älter als 60. Leises Gemurmel am Stammtisch. Der Empfang ist freundlich.

Doch schon bei der Begrüßung wird klar, niemand der Anwesenden interessiert sich so richtig für das größte TV-Ereignis im Wahlkampf. "Was soll dabei schon groß rauskommen? Der eine schwatzt blödes Zeug, der andere auch", sagt einer. Ein anderer flucht, dass vor den Wahlen viel versprochen werde, aber nachher wenig davon gehalten. Auf seine Wahlentscheidung habe das Duell keinen Einfluss.

Jürgen Köhler bringt ihm ein frisch gezapftes Bier. "Wenn Fußball läuft, gucken mehr Leute zu" erzählt er uns. "Aber heute wollen sie sich wohl lieber in Ruhe unterhalten oder zum Essen nach Hause", so Köhler.

Rückfahrt aus Apolda

Nach einer halben Stunde zahlen die ersten Gäste und gehen. Aufs TV-Duell haben sie keine Lust. Bei uns macht sich Ernüchterung breit. Nach weiteren Gesprächen über Rentenpolitik und die Flüchtlingskrise wird klar, dass kaum jemand wie geplant mit uns das Kanzler-Duell gucken wird. Die Leute sind verdrossen. Die Grundaussagen: Die Politik kümmert sich nicht um uns. Wählen gehen ändert sowieso nichts.

Ole Hilgert
Reporter Ole Hilgert. Bildrechte: MDR/Julia Hartmann

Und so sind kurz vor Beginn des TV-Duells außer uns nur noch fünf Besucher im "Engel". Vier davon sitzen in einer Ecke weitab vom Fernseher. Der fünfte unterhält sich mit uns. Doch nach kurzer Zeit verabschiedet auch er sich. Unser Plan, die Gäste in Jürgen Köhlers Kneipe vor dem TV-Duell zu ihren Erwartungen und danach zu ihren Eindrücken zu befragen, schlägt fehl.

Vielleicht ist es die vielzitierte Kluft zwischen Gewählten und Wählern. Vielleicht sind es Halbwahrheiten aus sozialen Medien. Vielleicht ist es das Gefühl, gesellschaftlich und wirtschaftlich abgehängt worden zu sein. Klar wird uns auf der Rückfahrt aus Apolda jedenfalls: Frust und Desinteresse am Wahlkampf und der Bundestagswahl ist bei einigen Leuten enorm groß. Größer, als wir es uns bisher vorgestellt hatten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 03.09.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2017, 21:15 Uhr