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Dresden-Preis 2013 : Ex-Sowjet-Offizier erhält Ehrung für mutiges Nichtstun

Der ehemalige Offizier der sowjetischen Armee, Stanislaw Petrow, ist am Sonntag mit dem internationalen "Dresden-Preis" 2013 geehrt worden. Er erhielt die von der Organisation "Friends of Dresden" und der Heidelberger Klaus Tschira Stiftung ins Leben gerufene Ehrung für eine besonnene Entscheidung, mit der er knapp 30 Jahre zuvor höchstwahrscheinlich einen dritten Weltkrieg verhindert hatte. Das Publikum in der Semperoper erhob sich geschlossen von den Sitzen, als der 73-Jährige die Ehrung in Empfang nahm. Bei der Preisverleihung mischte sich in alle Ansprachen die Sorge um eine immer größere Verbreitung von Atomwaffen.

Laudator Claus Kleber erinnerte am Sonntag an den Kalten Krieg und nannte die Logik der Abschreckung Wahnsinn. "Man musste dafür sorgen, dass der andere weiß: Wer zuerst auf den Knopf drückt, stirbt als Zweiter, aber er stirbt genauso todsicher." Petrow habe mit Hirn, Herz, Mut und einem gehörigem Schuss russischer Volksweisheit gehandelt. Andernfalls hätte Generalsekretär Juri Andropow entscheiden müssen. "Bei Stanislaw Petrow war die Welt in besseren Händen."

Der Mann, der die Welt rettete

Dresden Preis 2013
Sichtlich gerührt nahm Petrow den Dresden-Preis entgegen.

Petrow war in der Nacht vom 25. zum 26. September 1983 Diensthabender im 80 Kilometer von Moskau entfernt liegenden Raketen-Frühwarnzentrum der Sowjetunion. Kurz nach Mitternacht löste das System Alarm aus. Ein Spionagesatellit hatte Startblitze von fünf US-Atomraketen im US-Bundesstaat Montana gemeldet. Petrows Besonnenheit und sein gesundes Misstrauen gegenüber der Unfehlbarkeit von Technik hielten ihn davon ab, wie vorgeschrieben den berüchtigten roten Knopf zum atomaren Gegenschlag zu drücken. Stattdessen meldete Petrow einen Fehlalarm, obwohl noch unklar war, ob es sich wirklich um einen Irrtum handelte oder doch um den Ernstfall.

Petrow: "Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg"

Der Träger des Dresden-Preises 2013, Stanislaw Petrow.
Der lange unbekannte Held Petrow lebt heute einsam und verarmt in einer Plattenbausiedlung bei Moskau.

Aber der Offizier lag mit seiner Einschätzung richtig - die Software hatte ein jahreszeitlich bedingtes Wetterphänomen falsch interpretiert. Die sowjetischen Atomraketen blieben am Boden. "Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg", begründete Petrow später seine Entscheidung. Stattdessen musste er sich wegen der Verletzung von Dienstvorschriften verantworten. Der Oberstleutnant wurde von einer Untersuchungskommission gerügt, weil er in dieser kritischen Stunde die Protokolle nicht gründlich genug geführt habe.

Wie nah die Welt damals am atomaren Abgrund stand, wurde erst nach dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er-Jahren bekannt. Daraufhin folgten erste Ehrungen im Ausland. Der einstige Sowjet-Offizier erhielt unter anderem in New York den "World Citizens Award" und den Deutschen Medienpreis. 2013 folgt nun der Dresden-Preis. "Friends of Dresden"-Gründer und Nobelpreisträger Günter Blobel sagte zur Begründung für die Vergabe der Auszeichnung, Petrow habe 1983 seine Verantwortung nicht an andere abgegeben und als Mensch entschieden.

Petrow schilderte die entscheidenden Minuten in der Kommandozentrale. Er habe seiner Tat nie eine besondere Bedeutung beigemessen. "Mein Wissen und meine Intuition haben es mir ermöglicht, die richtige Entscheidung zu treffen." Petrow verwies darauf, dass er an der Entwicklung des Abwehrsystems mitgearbeitet hatte und es in- und auswendig kannte.

Konflikte verhindern, bevor sie eskalieren

Der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow präsentiert den soeben erhaltenen "Dresden-Preis".
Gorbatschow war der erste Träger des Dresden-Preises.

Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis wird seit dem Jahr 2010 vergeben – in Erinnerung an das Schicksal der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt. Die Stifter wollen mit ihm Menschen würdigen, die versuchen, Konflikte schon vor ihrem Ausbruch zu verhindern. Erster Preisträger war der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow - eine Anerkennung für sein Engagement gegen eine weitere atomare Aufrüstung in den 1980-er Jahren. Im Jahr darauf erhielt Dirigent Daniel Barenboim den Preis wegen seines Einsatzes für einen Dialog im Nahen Osten. 2012 wurde der US-amerikanische Kriegsfotograf James Nachtwey geehrt.

Atomwaffenfreie Welt bleibt Zukunftsmusik

Stanislaw Petrow
Petrow zweifelt an einer schnellen Abschaffung von Atombomben.

Stanislaw Petrow ist der vierte Träger des Friedenpreises. Er hat 1983 hautnah erlebt, wie schnell die Welt an den Rand der atomaren Vernichtung gelangen kann, aber dass sie in absehbarer Zeit atomwaffenfrei sein wird, glaubt er nicht. "Ich bin der Ansicht, dass wir gegenwärtig noch nicht in der Lage sind, eine Weiterverbreitung von Kernwaffen zu verhindern", hatte er am Vorabend der Preisvergabe in Dresden beklagt. Immer mehr Länder würden sich Zugang zu diesen Waffen verschaffen. Nur die strikte Durchsetzung der Vertrags über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen könne das verhindern, ist Petrow überzeugt.

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2013, 20:36 Uhr

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