Nachrichten

Streit um ehemalige Sexualstraftäter : Abgeordnete demonstrieren in Insel für Menschenrechte

Der Streit um die Wiedereingliederung zweier ehemaliger Straftäter im Altmarkdorf Insel hat nun auch die Politik auf den Plan gerufen. In einer einmaligen Aktion zogen Abgeordnete aller Fraktionen des Landtags in das Dorf, um angesichts der brodelnden Stimmung im Ort ein Zeichen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu setzen. Doch die geplanten Gespräche mit den Einwohnern kamen kaum zustande, weil viele Einwohner nicht da waren. Ein für Freitag von der NPD angemeldeter Aufmarsch wurde vom Oberverwaltungsgericht abgelehnt.

Politiker halten ein Transparent mit der Aufschrift "Die Würde des Menschen ist unantastbar"

Sachsen-Anhalts Landtagsabgeordnete haben am Freitagabend im Altmarkdorf Insel für die Menschenrechte demonstriert. Sie wandten sich gegen Bestrebungen der Einwohner, zwei aus der Sicherungsverwahrung entlassene ehemalige Straftäter aus dem Ort zu vertreiben.

Stiller Protest der Einwohner

Protest linker Gruppen in Insel
Während der Kundgebung gab es Gerangel mit linken Demonstranten.

Viele Bewohner empfingen die Parlamentarier mit stillem Protest. Andere waren einer Einladung des Ortsbürgermeisters Alexander von Bismarck auf sein großes Anwesen gefolgt. Der CDU-Politiker wohnt im benachbarten Schloss Döbbelin. Der angestrebte Dialog der Politiker mit den Einwohnern kam so kaum zustande.

Am Rande der Kundgebung hatten linke Demonstranten ein Plakat mit der Aufschrift "Gegen den Volksmob" entrollt. Sie wurden von der Polizei abgedrängt.

Die rund 70 Abgeordneten, Regierungschef Reiner Haseloff und mehrere Minister waren nach einer Landtagssitzung in Magdeburg mit Bussen nach Insel gefahren. Am Gemeindehaus enthüllten Abgeordnete ein Plakat mit der Aufschrift "Die Würde des Menschen ist unantastbar".

Mahnende Worte von Landtagspräsident Gürth

Innenminister Holger Stahlknecht (links), Ministerpräsident Reiner Haseloff (mitte), Justizministerin Angela Kolb (rechts) in Insel
Innenminister Stahlknecht, Ministerpräsident Haseloff und Justizministerin Kolb (v.l.n.r.) in Insel

Landtagspräsident Deltef Gürth sprach von einem einmaligen Vorgang. "Ein Verfassungsorgan ist aufgestanden. Aber es war notwendig." Gürth ging es nach eigenen Angaben darum, ein Zeichen für "unveräußerliche Rechte der Verfassung" zu setzen. Auf der Kundgebung sagte er, "in diesem Land lassen wir durch niemanden, zu keiner Zeit, an keinem Ort die Grundrechte infrage stellen". Es werde auch nicht tatenlos zugeschaut, wenn Nazis oder andere Verfassungsfeinde, die Ängste und Sorgen der Bürger für ihre schändlichen Parolen missbrauchten.

Gürth stellte klar, dass die Abgeordneten die Einwohner von Insel nicht belehren oder beschimpfen wollen. Er räumte aber auch ein, dass die Reintegration straffällig gewordener Mitbürger in die Gesellschaft bislang nicht gelungen ist. Die Vorgänge in Insel nannte er traurig und schlimm. Er rief die Politik auf, selbstkritisch Schlussfolgerungen zu ziehen.

"Sie (die Vorgänge in Insel - Anm. d. Red.) haben aber auch ihre Ursachen. Wenn wir nicht bereit sind, selbstkritisch alles zu betrachten, um Schlussfolgerungen zu ziehen, werden wir der Verantwortung, welche das Grundgesetz uns mitgibt, nicht gerecht."

Sachsen-Anhalts Landtagspräsident Detlef Gürth

NPD-Kundgebung verboten

Anlass für die ungewöhnliche Aktion ist der eskalierende Protest von Anwohnern gegen die beiden Männer. Vor einer Woche hatten Einwohner zusammen mit Rechtsradikalen versucht, auf das Grundstück der Ex-Straftäter zu gelangen. Zudem hatte der NPD-Ortsverband für Freitagabend einen Aufmarsch angemeldet, der von der Polizei aber umgehend verboten wurde. Das Oberverwaltungsgericht Magdeburg bestätigte das Verbot am Freitag endgültig. Das Gericht folgte der Argumentation der Polizei, dass durch die fast 40 vorangegangenen Versammlungen ein Vertreibungsdruck aufgebaut worden sei. Der angekündigte Aufmarsch hätte dies fortgesetzt. Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht begrüßten das endgültige Verbot. Sie werteten es laut Innenministerium als Sieg für die Menschenwürde. Die Entscheidung habe bundesweite Bedeutung.

Strafrechtler sieht Mitverantwortung der Medien

Die seit zehn Monaten lodernde Debatte um die Resozialisierung zweier Ex-Straftäter in dem Altmarkdorf hatte neuen Zunder bekommen, nachdem bekannt wurde, dass einer der beiden Männer, der eigentlich nach Chemnitz ziehen wollte, wieder nach Insel zurückgekommen war. In diesem Zusammenhang hat der renommierte Strafrechtler Thomas Ullenbruch die Rolle der Medien kritisiert. Der Experte für Sicherungsverwahrung sagte MDR INFO, das Problem sei, wie einige Medien mit Informationen über Fälle wie in Insel umgingen. Teile der Medien hätten zu einer Hetzjagd geblasen.

MDR INFO | Exklusiv: Strafrechtler kritisiert "Insel"-Berichterstattung

Der renommierte Strafrechts-Experte Thomas Ullenbruch kritisiert die Rolle der Medien im Fall Insel. Teile der Medien hätten zu einer "Hetzjagd" geblasen. Dies sei ein Fall für den Presserat. [mehr]


Monatelange Proteste in Insel

Die beiden 54 und 64 Jahre alten Männer waren wegen Vergewaltigung zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Aus der anschließenden Sicherungsverwahrung waren sie aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte im Oktober 2010 entlassen worden. Im vergangenen Jahr zogen sie aus Baden-Württemberg ins altmärkische Insel. Sowie das bekannt wurde, kam es zu Protesten.

Hintergrund: Chronologie zum Konflikt in Insel

Der Streit in Insel zwischen zwei Ex-Häftlingen, Demonstranten, friedlichen Bewohnern und der Polizei kommt nicht zur Ruhe. Lesen Sie hier, was in der Vergangenheit passiert ist. [mehr]


Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2012, 11:44 Uhr

33. Marita Schröder:
..es ist unglaublich, da haben die Poliker Zeit für Sexualstraftäter. Was ist mit den Opfern? Pfui Teufel
11.06.2012
09:47 Uhr
32. Marion Heß:
Es wird meist nur über die Straftäter gesprochen wer fragt die Opfer sollen doch die Politiker die Sexualstraftäter mit in ihre Nachbarschaft nehmen ...denke wenn so eine Straftat ihre eigene Familie betrifft denken sie ganz schnell anderst...
10.06.2012
20:15 Uhr
31. Christian Unger:
Kommentare von Frank Strauß muss man mal kritisch hinterleuchten. Die Männer haben Frauen vergewaltigt. Beide wurden dafür verurteilt. Beide haben eine sehr lange Haftstrafe abgesessen. Beide ehemaligen Straftäter haben gesühnt. Ungesühnte Verbrechensopfer gibt es hier - bisher - zum Glück nur begrenzt. Es sind einige Einwohner von Insel, die von ihren Nachbarn bedroht werden. Wie eine junge Mutter in SPON schon feststellte: Sie hat um ihre Kinder Angst. Nicht wegen den ehemaligen Sexualstraftätern. Sondern wegen den hasserfüllten Nachbarn, die sie bedrohen, weil sie sich gegen solche Lynchmobs ausspricht. Straftaten näher kamen da schon eher einige Einwohner von Insel, die mit Nazis paktieren oder sie zumindest dulden. Vorbereitungshandlungen zu Straftaten wie Nötigung, Körperverletzung und schwerer Hausfriedensbruch musste die Polizei aktiv unterbinden.
10.06.2012
15:04 Uhr
30. Uwe:
Die sogenannte Demonstration der Magdeburger Landtagsabgeordneten in Insel zeigt, wie weit sich die Politikt vom eigenen Volk entfernt hat. Statt bei der EU gegen deren Gerichtsurteile zur Abschaffung der deutschen Sicherungsverwarung zu protestieren, demonstriert man für die Rechte von Sexualstraftätern. Wir bald wieder Zustände wie im Herbst 1989 erreicht.
10.06.2012
13:08 Uhr
29. Mustafa Nemecki:
Mein Kommentar haben Sie ja dennoch gelöscht, obwohl da keine Beschimpfungen zu finden sind. Auch meine "Behauptungen" sind "nachprüfbarer" als das, was ich hier in den Kommentaren lese. Schon bisschen Zensur bei MDR.
09.06.2012
22:37 Uhr
28. Frank Strauß:
Die Demonstration der Abgeordneten wäre glaubhafter, wenn diese auch für die Rechte von Verbrechensopfern demonstriert hätten oder diese mit der gleichen Vehemenz unterstützt hätten. Stattdessen bleibt für mich hängen: Die Rechte von Straftätern interessieren, die Rechte von Opfern nicht.
09.06.2012
21:57 Uhr
27. A. Tetzlaff:
Was mich wirklich freut ist die Tatsache, dass die Einwohner von Insel dieser Inszenierung größtenteils fernblieben. Die Herren und Damen aus dem Landtag reagieren äußerst spät auf diese Situation. Da wird mal wieder so getan, als ob die Bevölkerung erst seit Gestern demonstriert. Wo waren denn die Herren Politiker im Jahre 2011? Innenminster Stahlknecht hat es doch deutlich gesagt. Das Volk hat in diesem Land nichts zu melden, also wird in Zukunft niemand mehr darüber informiert, wann und wo SEXUALSTRAFTÄTER [...] werden. Der Fall Insel zeigt eindrucksvoll das Menschen in diesem Land politisch entrechtet und entmündigt wurden. Jaha und wenn ich wählen gehe darf ich mich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Diese Demonstration der Abgeordneten soll nicht für "Demokratie und Rechtsstaatlichkeit" werben, sondern den Bürgern von Insel noch mal schonungslos aufzeigen, dass es eben KEINE Volksvertreter sind. [...] (Löschungen wegen beleidigenden Aussagen MDR.DE_Redaktion)
09.06.2012
19:41 Uhr
26. Klaus Ehret:
Die Würde des Menschen ist unantastbar! Punkt. Aus! Jene die hier lieber dem Floriansprinzip folgen, lehnen ihren Teil der Verantwortung in unserer Gesellschaft ab und haben hier nichts zu suchen!
09.06.2012
15:37 Uhr
25. Hannes:
Ein sehr großes Lob an die Politiker! Sehr, sehr traurig finde ich hingegen, dass weder die Resozialisierung als Ziel unseres Strafvollzugs anstatt der Rache gut kommuniziert wird und dass die Braunen so sehr mit den Ängsten der Bevölkerung spielen können. Dieser Beitrag enthält keine Ironie.
09.06.2012
14:56 Uhr
24. Bayer:
Finde das Gebahren der NPD schon wunderlich.Denn wenn man kurze Zeit zurückblickt , da hatten Terroristen der [...] Mitbürger ermordet und lachend noch Filme dazu gedreht. Die haben sich feige aus dem Leben geschlichen, statt sich ihrer Taten vor einen Gericht zu verantworten. Nun stellt sich die selbe Partei hin und ruft zum Boykott der Rechtsstaatlichen Verfassung auf , die auch Straftätern eine Zukunft gewährt. Stehen die ausserhalb der Verfassung? wenn ja , die Welt ist groß, dort kann ein Land sicher auch verbohrte NPD Anhänger brauchen, wir nicht in Deutschland. [Löschung aus rechtlichen Gründen - MDR.DE_Redaktion]
09.06.2012
14:02 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK