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Abgeordnete beobachtet : Linkspartei wehrt sich gegen Überwachung durch Geheimdienst

Die Linke wird offenbar stärker vom Verfassungsschutz beobachtet als bislang bekannt. Parteichef Ernst nannte entsprechende Informationen des "Spiegel" einen Skandal. Fraktionschef Gysi will politische und rechtliche Schritte dagegen unternehmen. Aus den anderen Parteien sind unterschiedliche Ansichten zu hören.

Gregor Gysi, Frakionsvorsitzender der Linken

Die Linksfraktion im Bundestag will mit allen politischen und juristischen Mitteln dafür kämpfen, dass der Verfassungsschutz sie nicht weiter beobachtet. Fraktionschef Gregor Gysi kündigte entsprechende Schreiben an den Bundespräsidenten, den Bundestagspräsidenten und die Kanzlerin an. Er hoffe zudem auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die von der Fraktion bereits eingereichte Organklage.

Parteichef Ernst: "Geheimdienste führen Eigenleben"

Gysi sagte, er habe selbst erst kürzlich von der hohen Zahl von 27 überwachten Abgeordneten erfahren. Er halte die Beobachtung für vollkommen unbegründet: "Wir stehen auf dem Boden des Grundgesetzes, wir verteidigen es sogar", sagte der Fraktionschef.

Auch die Parteispitze reagierte empört auf die intensive Beobachtung der Partei durch den Verfassungsschutz. Linke-Chef Klaus Ernst sprach von einem Skandal. Bei MDR INFO sagte er, die Geheimdienste führten offenbar ein Eigenleben. Das müsse beendet werden. Der Verfassungsschutz erwecke den Eindruck, dass die Linke gefährlich sei, was die Partei nicht hinnehme. Zugleich kündigte er parlamentarische Konsequenzen an. Vorsitzende Gesine Lötzsch forderte die Auflösung des Verfassungsschutzes. Dieser habe sich in ihren Augen längst zum "Inlandsgeheimdienst" entwickelt.

MDR INFO | Exklusiv : Wie gefährlich ist die Linkspartei?

Die Linke wird bis in die Parteispitze vom Verfassungsschutz beobachtet. Der SPD-Geheimdienstexperte Hartmann spricht von Routine. Dagegen zweifelt der Politikwissenschaftler Patzelt am Sinn einer Pauschalüberwachung. [mehr]


Gallert: "Defektes Demokratieverständnis"

Der Fraktionschef der Linken im Landtag von Sachsen-Anhalt, Wulf Gallert, warf dem Verfassungsschutz im MDR-Hörfunk ein defektes Demokratieverständnis vor. Er verwies dabei auf Thüringen. Dort verwende der Landesverfassungsschutz viel Kraft auf die Beobachtung von Linken-Fraktionschef Bodo Ramelow. "Wenn man so beschäftigt ist", sagte Gallert, "kann einem so eine kleine Nazi-Terror-Gruppe schon mal durchschlüpfen." Der sächsische Linksfraktionschef André Hahn sprach von einem Geheimdienst-Skandal und einer Regierungsaffäre. Hahn sagte, das Weltbild des Verfassungsschutzes sei offenkundig in der Zeit des Kalten Krieges stecken geblieben.

Skepsis bei SPD, FDP und Grünen

Auch Politiker anderer Parteien reagierten skeptisch auf die Beobachtung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz. SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann sagte, zwar gebe es durchaus Anlass zur Beobachtung der Linken, da Teile der Partei, wie die Kommunistische Plattform, verfassungsfeindliche Ziele verfolgten. Die hohe Zahl der beobachteten Abgeordneten, so Oppermann, sei aber "erstaunlich und nicht einfach nachzuvollziehen". Entwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP sagte, es könne nicht sein, dass Abgeordnete flächendeckend überwacht werden. In einer Demokratie sei dies nicht in Ordnung. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, sagte, die Beobachtung sei mehr als fragwürdig. Die Grünen fordern, dass eine geheimdienstliche Beobachtung oder Überwachung von Abgeordneten vom Bundestag genehmigt werden muss.

Die Union hingegen verteidigte die Beobachtung der Linke-Politiker. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte der Tageszeitung "Die Welt", wer den Systemwechsel in Deutschland fordere, über Wege zum Kommunismus schwadroniere und sich mit Diktatoren solidarisiere, dürfe sich nicht wundern, wenn er vom Verfassungsschutz beobachtet werde. Ähnlich äußerte sich auch der Generalsekretär der CSU, Alexander Dobrindt.

Regierung sieht Beobachtung durch Urteil gedeckt

Die Bundesregierung will trotz der Proteste weiter Abgeordnete der Linken durch den Verfassungsschutz beobachten lassen. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, die Behörde handle gemäß ihres gesetzlichen Auftrags. Ähnlich äußerte sich Regierungssprecher Steffen Seibert. Er verwies darauf, dass das Bundesverwaltungsgericht 2010 die Beobachtung der Linkspartei als rechtmäßig bestätigt habe. An diesem gesetzlich Auftrag könne auch die Bundeskanzlerin nichts ändern. Der Verfassungsschutz selbst betonte, die Abgeordneten der Linken würden nicht nachrichtendienstlich überwacht. Sie würden lediglich beobachtet, indem öffentlich zugängliche Quellen wie Zeitungen ausgewertet werden.

Zwei Drittel der Abgeordneten im Visier

Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" hatte berichtet, der Verfassungsschutz beobachte die Linkspartei intensiver als bislang bekannt. So würden 27 der 76 Bundestagsabgeordneten überwacht. Hinzu kämen noch elf Abgeordnete in verschiedenen Landtagen. Im Visier des Geheimdienstes seien nicht nur Mitglieder des radikalen Flügels, sondern auch viele Realpolitiker und fast die gesamte Führungsriege der Partei. Zu den Beobachteten gehörten unter anderem Fraktionschef Gregor Gysi, Parteichefin Gesine Lötzsch und Fraktionsvorstand Dietmar Bartsch.

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2012, 12:23 Uhr

11. Mario Artname:
Der Fakt, dass ausgerechnet die gemäßigten Reformer der Linkspartei aus dem Osten überwacht werden und nicht die verbalradikalen Linksparteimitglieder aus dem Westen, zeugt meines Erachtens nicht nur von der Fortsetzung des Kalten Kriegs, wie es Gysi sagt, sondern zeigt auf, dass es eher um das staatlich finanzierte Erschnüffeln von Wahlkampfmunition gegen eine Oppositionspartei geht.
24.01.2012
17:41 Uhr
10. Erika Hänswroth:
Man weiß ja inzwischen, daß die Linke bei der jetzigen Auslegung von Demokratie den regierenden Parteien als Störfaktor ihrer Machtausübung gilt. Daß jedoch der Verfssungsschutz dieses Staates flächendeckend Abgeordnete einer Demokratischen Partei, die gerade ihr zutiefst demokratisches Denken und Handeln in ihrem Parteiprogramm quasi in Stein gemeiselt hat, als Verfassungsfeinde überwacht ist unerträglich. Dieses Vorgehen unterscheidet sich für meine Begriffe in keiner Weise von dem Vorgehen der Staatssicherheit in der DDR. Der Verfassungsschutz täte besser daran, die Verbindungen der NPD zu den Neonazis aufzudecken, die über zehn Jahre mordend durch Deutschland zogen. Dazu ist man aber entweder nicht in der Lage oder nicht Willens.
24.01.2012
17:32 Uhr
9. Dr. Felix Knosp:
Die Abgeordneten der Linken sind gewählte Vertreter der Deutschen und müssen auch so behandelt werden wie z. B. CDU-und FDP-Abgeordnete. Die einseitige Orientierung auf links hat ja gezeigt daß das ein falscher Weg ist (siehe Terrorzelle in Zwickau).
24.01.2012
14:43 Uhr
8. Wolfi:
Was früher ein Verbrechen war, ist heute Recht. Die DDR war ein Unrechtsstaat man muss aber fragen ist die Bundesrepublik ein Rechtsstaat.
24.01.2012
06:28 Uhr
7. Snej:
Ihr habt euch vor vielen Jahren erfolgreich gegen eine andersdenkende Diktatur gewehrt, nur begeht ihr dieselben Fehler wieder. Apropos widerlich!
23.01.2012
21:34 Uhr
6. Enrico Pelocke:
Ich bin ganz der Meinung von Heinz Faßbender und maik brandt. Besseres und mehr fällt mir dazu nicht ein. Die Zitate von Agnes sind ausgezeichnet. @Reiner202: Die Linkspartei und die vermummten Randalierer sind verschiedene. Die Linkspartei hält nichts von Randale und Angriffen auf die Polizei.
23.01.2012
20:59 Uhr
5. maik brandt:
langsam habe ich den eindruck das eher cdu/csu vom verfassungsschutz beobachtet werden müssten.ich nenne nur einmal als beispiel die von der union geforderte einführung der vorratsdatenspeicherung die massenhafte aufzeichnung von handyverbindungsdaten ohne richterlichen beschluss im rahmen einer antinazi-demo letztes jahr in dresden.man soll nie vergessen das die ddr eine diktatur war es ist aber bezeichnend für das rechtsverständniss der union erst die ddr als antidemokratischen überwachungsstaat zu bezeichnen und dan sich solcher stasimethoden zu bedienen
23.01.2012
19:40 Uhr
4. Agnes:
Zwei Zitate von Müttern und Vätern des Grundgesetzes: "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden." (Ahlener Programm der CDU) "Die Demokratie verlangt den Sozialismus und der Sozialismus verlangt die Demokratie." (Kurt Schumacher, damals SPD-Vorsitzender) Wo sind nach diesen Maßstäben die Verfassungsfeinde zu suchen?
23.01.2012
17:02 Uhr
3. Reiner202:
Ich muss zum Herrn Faßbender mal eines sage.:Ob Rechte oder Linke es sind beide Organisationen,die mit allen Möglichkeiten beschattet werden müssen.Der Unterschied besteht nur darin das die feigen Linken sich nur Vermummt zeigen und die Polizei angreifen.Von Politik verstehen sie nur soviel wie ein Schwein vom Hochsprung.Wenn ich denn noch höre wie einer Namens Ernst redet da muss man nicht vom Verfassungsschutz reden,sondern von Psychiatern die bis Heute es nicht fertig gebracht haben die DDR-Verbrecher zu Strecke zu bringen.
23.01.2012
15:42 Uhr
2. Jörg Donges:
Was hat denn die Linkspartei erwartet ? Jetzt erleben die meisten das was früher viele Bürger spüren durften, nur das es jetzt eine light version der überwachung ist !!!
23.01.2012
14:57 Uhr

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