Nachrichten

Neues Meldegesetz : Massive Kritik gegen Daten-Weitergabe an Werber

Gut eine Woche nach Verabschiedung des neuen Meldegesetzes steht es bereits wieder auf der Kippe. Nach Opposition und Datenschützern rückte erst Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner von dem Gesetz ab. Ihr folgte die Bundesregierung. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, das Kabinett halte es für denkbar, dass es noch Änderungen im parlamentarischen Verfahren gibt. Gemeint ist damit, dass der Bundesrat auf mehr Datenschutz in dem Gesetz besteht.

Widerspruchs- statt Einwilligungslösung

Visitenkarten und Geld sind auf einer schwarzen Unterlage zu sehen.
Das Meldegesetz erlaubt die Datenweitergabe.

Die CSU-Politikerin Aigner sagte der "Berliner Zeitung", sie sehe Diskussionsbedarf. Aigner verwies auf den Regierungsentwurf zum Gesetz. Dieser habe eine Einwilligungslösung vorgesehen. Die Bürger hätten der Weitergabe ihrer Daten durch die Meldeämter an die Werbewirtschaft ausdrücklich zustimmen sollen. Diese halte sie weiterhin für den besseren Weg.

Statt der Einwilligungslösung hatte der Bundestag des Meldegesetzes mit einer Widerspruchslösung verabschiedet. Wer nicht will, dass das Meldeamt seine persönlichen Daten an Werber weitergibt, muss dem ausdrücklich widersprechen. Im Innenausschuss hatten CDU, CSU und FDP diese Änderung gegen den Willen der Opposition durchgesetzt. Bei der Abstimmung im Plenum waren dann nur wenige Abgeordnete anwesend. Auch die Öffentlichkeit interessierte sich kaum. Kurz zuvor war das EM-Halbfinale zwischen Italien und Deutschland angepfiffen worden.

Auch Aigner bei Abstimmung nicht dabei

Deshalb muss sich Aigner auch die Kritik der Opposition anhören. Auch sie war bei der Abstimmung nicht im Plenarsaal des Bundestages. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sagte, was Aigner versäumt habe, müsse nun der Bundesrat retten. Die Grünen und die SPD haben bereits angekündigt, das Gesetz in der Länderkammer zu stoppen. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann warf der schwarz-gelben Koalition vor, mit dem neuen Meldegesetz vor dem Adresshandel in die Knie gegangen zu sein. Die Linke-Innenexpertin Petra Pau sprach von einem Ausverkauf des Datenschutzes. Selbst Aigner verwies ausdrücklich auf die Möglichkeit des Bundesrats, das Gesetz zu ändern.

Verbraucherzentrale spricht von Datenskandal

Der Bundesverband der Verbraucherzentrale wertet die Novelle als Datenskandal. Florian Glatzner sagte bei MDR JUMP, mit der Gesetzesänderung in letzter Sekunde habe die "Adresslobby anscheinend ganze Arbeit geleistet." Das Gesetz sei am 29. Juni im Bundestag so geändert worden, dass bei einem Widerspruch Daten aus einer Melderegisterauskunft nicht für Werbezwecke verwendet werden können. Dies gilt aber nicht, wenn die Daten ausschließlich zur Bestätigung oder Berichtigung bereits vorhandener Daten verwendet werden. Damit könnten Glatzner zufolge die Firmen nun ihre Daten ohne Probleme auffrischen.

Datenschützer: "Gesetzlicher Wahnsinn"

Sturm gegen das Gesetz liefen auch die Datenschützer. Der Leiter des unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein, sprach von einem gesetzlichen Wahnsinn. Das neue Recht ermögliche den privaten Handel mit vom Staat zwangsweise erhobenen Daten in großem Stil.

Der Deutsche Städtetag lehnte ebenfalls das neue Meldegesetz ab. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy sagte der "Süddeutschen Zeitung", die Kommunen hätten kein Interesse daran, mit Adressen zu handeln. Für die deutschen Städte sei der Schutz der personenbezogenen Daten ihrer Bürgerinnen und Bürger ein kostbares Gut. Dedy verwies darauf, dass die kommunalen Meldebehörden schon jetzt gesetzlich verpflichtet seien, auf Anfrage Auskünfte aus dem Melderegister zu erteilen. Dafür erheben sie eine Aufwandsgebühr.

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2012, 13:01 Uhr

10. Jochen:
Kann mich einfach nicht des Eindruck's erwehren,daß dies wieder ein Clou der Steuersenkungspartei der Besserverdienenden war. An einem interessanten Fußballtag entscheiden ca. ein Dutzend "Volksvertreher" über das (Un)Wohl Ihres 80-Millionenvolkes. So etwa stelle ich mir "kapitalistische", äh, Demokratie vor. Es ist für mich ein Unding, daß sowas überhaupt möglich ist, in einem Land, wo man sich die Freiheit selbst erkämpft hat, lebe in einem BL wo die blühenden Landschaften immer noch auf Ihre Aussaat warten. Liebe Adresshändler, ab heute liefern wir (nach der Wahl 2013 wohl nicht mehr).
09.07.2012
23:20 Uhr
9. Manuela Kalle:
In NRW dürfen Adressen für 7 Euro an fremde Personen verkauft werden. Als Betroffener kann ich keinen Widerspruch einlegen. Nur die Polizei kann die Weitergabe meiner Adresse verhindern.
09.07.2012
22:19 Uhr
8. Reiner202:
Ich habe gedacht ich habe Volksvertreter gewählt und keine Volksveräter .Viele Grüße von der Stasi.
09.07.2012
19:46 Uhr
7. Steffen Lucke:
Das die Regierung für dieses Vorhaben kritisiert wird, hat seine Berechtigung! Das Gesetz bedarf einer dringenden Überarbeitung. Hier muss ein Zeichen für mehr Bürgerrechte gesetzt werden. Ich hoffe nur, die CSU spielt da auch mit. Nur wer darf hier eigentlich kritisieren? Keine der Bundestag vertretenen Parteien! Die SPD stimmte mit ihren 2 (!) anwesenden Mitgliedern gegen das Gesetz. Und Petra Pau, sie leitete die Sitzung und hat das 57 Sekunden-Schauspiel im Deutschen Bundestag genauso zu verantworten! Keine Oppositionspartei sah sich genötigt gegen das Gesetz zu sprechen! Die Reden wurden nur schriftlich zu Protokoll gegeben. Beim Betreuungsgeld hat die Opposition noch erfolgreich die Sitzung beendet, indem sie die Beschlussfähigkeit infrage stellte. Diese Möglichkeit hätte sie hier auch gehabt. Das tat sie aber nicht. Also war sie wohl mit dem Gesetz einverstanden!
09.07.2012
18:57 Uhr
6. mattotaupa:
warum lese ich nirgends - weder hier noch bei tagesschau - meinungen, welche das gesetzesvorhaben verteidigen oder begrüssen? es gibt auf beiden vorgenannten seiten die umfragefunktion und beibeiden seiten ist die meinung recht eindeutig aber bei beiden umfragen gibt es "findsch gut"-antworten aber nie begündungen. mich würden einfach mal die meinung der entsprechend abstimmenden interessieren, da man ja ggf. vorteile - außer den finanziellen für bestimmte klientelgruppen - übersieht?
09.07.2012
15:42 Uhr
5. Karola Wittenberg:
Das ist ein Skandal, staatlich sanktioniert, was sind das nur für Abgeordnete, die dafür ihre Stimme geben.
09.07.2012
15:23 Uhr
4. cakeman:
Ich kann nur noch sagen : alle wegen Meineid verklagen. Die haben geschworen schaden vom Volk zu wenden.
09.07.2012
13:25 Uhr
3. Heinz Faßbender:
Einfach zum Meldeamt und "unbekannt verzogen" abmelden- dann haben sie keine Daten mehr - die sie verhökern können. Denn als Datensatz stehe ich diesem Staat nicht zur Verfügung.
09.07.2012
12:52 Uhr
2. Karin Heeren :
Sollte das Gesetzt eingeführt werden, dann nur mit vorheriger Einwilligung zur Datenweitergabe, denn ein Widerruf bzw. Einspruch könnte zu spät kommen. Es ist ja nicht so, dass jeder Bürger, und da denke ich besonders an die älteren Mitbürger, fit in den neuen Techniken ist bzw. ueber alle gesetzlichen Neuerungen informiert ist, um sich im Dschungel der Datenwiedergabe zurechtzufinden.
09.07.2012
12:26 Uhr
1. gitte:
Lebe ich neuerdings in Absurdistan?
09.07.2012
11:43 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK