NSU-Prozess in München Kölner Anschlagsopfer leiden noch immer unter den Folgen

von Tim Assmann, Korrespondent des Bayerischen Rundfunks

Es war zumindest für einige der Zeugen der erwartet schwere Gang. Nun mussten sie noch einmal über jenen 9. Juni 2004 sprechen, der ihr Leben nachhaltig veränderte und bis heute beeinflusst. Vier Männer, die damals verletzt  wurden, sagten nun als Zeugen aus.

Opfer leiden noch heute

Alle vier leiden bis heute unter gesundheitlichen Folgen des Anschlags. Alle vier kamen auch beruflich so aus dem Tritt, dass mehrere von Ihnen bis heute arbeitslos sind. Den Auftakt machte Sandro D. Der 34-Jährige ging damals mit seinem Freund Melih K. genau in dem Moment an dem Friseursalon in der Keupstraße vorbei, als die davor platzierte Bombe explodierte. Beide Männer erlitten schwere Verletzungen, wie Verbrennungen, Brüche und Schnittwunden.

Manche Wunden sind verheilt, andere werden wohl für immer bleiben. Tobias Westkamp ist der Anwalt von Sandro D.: "Insbesondere sind natürlich die seelischen Narben noch nicht verheilt. Es gab lange Jahre, in denen er sich nicht entängstigen konnte, weil er eben nicht wusste, wer ihm diese Verletzungen zugefügt hat und jetzt wird er tagtäglich, aufgrund der nachvollziehbaren medialen Begleitung des Prozesses an das erinnert, was ihm seinerzeit widerfahren ist. Infolge dessen sind die Beeinträchtigungen da schon immens."

"Keupstraße nahm mir das Beste und Schönste"

Auch der vierte Zeuge des Tages beschrieb die persönlichen Folgen der Tat. Im Interview am Rande des Prozesses bat er darum seinen Namen nicht zu nennen. "Die Keupstrasse ist ein Wendepunkt in meinem Leben gewesen. Danach habe ich psychologische Hilfe gebraucht. Ich bin nach dem Ereignis ein anderer Mensch geworden. Die Keupstraße hat mir das Beste und Schönste genommen."

Zeugen litten unter den Ermittlungen

Die Zeugen Sandro D. und Melih K. schilderten dem Gericht auch wie sie unter den Ermittlungen litten. Als beide schwerverletzt im Krankenhaus lagen, ließen die Fahnder sie zunächst nicht miteinander sprechen, weil man sie verdächtigte, die Bombe selbst gelegt zu haben.

Dabei drängte sich doch gerade zu auf, dass der Anschlag in der von Migranten bewohnten Keupstraße einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte, sagt Opferanwalt Westkamp. "Und dann ausgerechnet die Personen zu verdächtigen, die am Schwersten verletzt wurden - das ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht zwingend naheliegend."

Ermittlungen in die falsche Richtung

Er habe die Polizei noch im Krankenhaus darauf hingewiesen, dass Neonazis die Bombe gelegt haben könnten, sagte Zeuge Melih K. Die Ermittler konzentrierten sich aber nicht auf einen rechtsextremistischen, sondern auf einen kriminellen Hintergrund der Tat. Auch als eine Querverbindung zum Mord an dem türkischen Imbissbetreiber Ismail Yasar in Nürnberg auftauchte, änderte sich nichts an der Stoßrichtung der Ermittlungen.

Opferanwalt Alexander Hoffmann vermutet politische Einflussnahme. "Das ist ja bisher nicht bewiesen. Ich bezweifle auch, dass wir es hier beweisen können, aber es ist natürlich so: Polizeiarbeit wird immer von oben gelenkt und hier ist so drastisch zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Richtung eines rassistischen Tatmotivs ermittelt worden, dass das von oben kommen muss."

Ex-Innenminister Schily als Zeuge?

Kurz nach dem Anschlag in der Keupstraße hatte der damalige Bundesinnenminister Schily erklärt, die Hinweise deuteten nicht auf einen terroristischen Hintergrund. In den Reihen der Nebenklage wird nun offenbar erwogen, im NSU-Prozess die Zeugenladung von Otto Schily zu beantragen. In den nächsten Tagen und in der kommenden Woche werden weitere Opfer des Anschlags als Zeugen befragt. Insgesamt wird die Beweisaufnahme zur Keupstraße das Gericht wohl mehrere Monate beschäftigen.

Nagelbombenattentat Ein mit mindestens 702 Zimmermannsnägeln bestückte Sprengsatz war am 9. Juni 2004 vor einem Friseursalon in der von türkischen Migranten geprägten Keupstraße explodiert. 22 Menschen wurden verletzt, einige sehr schwer. Der Anschlag wird - neben insgesamt zehn Morden dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) angelastet.

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2015, 17:59 Uhr