Ein irakischer Soldat entfernt eine kurdische Flagge in Altin Köprü nahe Erbil (Irak)
Ein irakischer Soldat entfernt eine kurdische Flagge in Altin Köprü nahe Erbil. Bildrechte: dpa

Interner Streit Chance auf Kurden-Staat schwindet

Im Kampf gegen die Terrormiliz IS waren sie Verbündete, doch zuletzt vertrieben irakische Truppen die kurdischen Peschmerga aus Kirkuk. Hintergrund sind die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden. Angesichts interner Machtkämpfe schwinden jedoch die Chancen auf einen eigenen Staat. Außerdem gibt es international kaum eine Lobby für die Kurden. Die Bundeswehr will trotz der unklaren Lage ihre Ausbildungsmission fortsetzen.

Ein irakischer Soldat entfernt eine kurdische Flagge in Altin Köprü nahe Erbil (Irak)
Ein irakischer Soldat entfernt eine kurdische Flagge in Altin Köprü nahe Erbil. Bildrechte: dpa

Irakische Truppen haben am 18. Oktober in der Provinz Kirkuk das letzte von kurdischen Peschmerga-Kämpfern gehaltene Gebiet zurückerobert. Dabei gab es wenig Widerstand, die Kurden zogen sich weitgehend kampflos in ihr Autonomiegebiet zurück.

Deutsche Waffen im Einsatz?

Dennoch wurden nach Angaben beider Seiten vom 22. September bei Gefechten binnen einer Woche über 30 Menschen getötet. Die vereinzelten Kämpfe konzentrierten sich demnach auf die ländliche Region Altun Kupri. Dabei sollen Regierungstruppen auch unter Beschuss deutscher Panzerabwehrraketen geraten seien, mit denen die Bundesregierung kurdische Peschmerga-Einheiten für den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz IS ausgerüstet hatte.

Ein Kommandeur in Kirkuk klagte, sie hätten vergeblich die Führung in der Kurden-Metropole Erbil um Verstärkung gebeten. Es seien 350 Panzer der irakischen Armee sowie deren verbündete Schiiten-Milizen vorgerückt. Daher habe man sich zurückziehen müssen.

Für die Kurden ist der Verlust der Ölfelder bei Kirkuk ein schwerer Rückschlag. Der Irak-Experte Cyril Roussel spricht vom "Ende der wirtschaftlichen Autonomie Kurdistans und des Traums von der Unabhängigkeit". Peschmerga-Einheiten hatten die ölreiche Region Kirkuk 2014 erobert, nachdem die irakische Armee vor der Dschihadistenmiliz IS geflohen war. Der Verkauf von Erdöl brachte den Kurden in der Folgezeit erhebliche Einnahmen.

Referendum offenbart Riss

Auslöser der jüngsten irakischen Offensive auf Kirkuk war das Referendum über die Unabhängigkeit der kurdischen Autonomieregion im Nordirak. Kurdenpräsident Massud Barsani von der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) hatte den Volksentscheid gegen den Willen der rivalisierenden Patriotischen Union Kurdistans (PUK) durchgezogen.

Der PUK-Abgeordnete Ala Talabani erklärte, der Volksentscheid am 25. September sei von Barsani "mit Gewalt durchgesetzt" worden. Der Kurdenpräsident habe alle Aufrufe zur Verschiebung ignoriert und die Vermittlungsangebote der UNO ebenso abgelehnt wie den Kompromissvorschlag des irakischen Staatspräsidenten Fuad Massum.

Das Referendum brachte zwar die erwartete Mehrheit für die Unabhängigkeit, doch Barsanis Hoffnungen auf Stärkung seiner internen Position und im Konflikt mit der Zentralregierung erfüllten sich nicht. Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi verweigerte Verhandlungen auf Grundlage des Referendums. Bagdad lehnt eine Abspaltung weiter strikt ab und kündigte an, die Offensive gegen die Kurden fortzusetzen.

Dabei bekam die irakische Zentralregierung Rückendeckung vom Iran und der Türkei, die ebenfalls eine Abspaltung ihrer Kurdenminderheiten fürchten. Auch die Vereinten Nationen und die westlichen Staaten sehen Barsanis Alleingang kritisch und riefen ihn zum Dialog mit Bagdad auf.

Peschmerga Als Peschmerga (etwa: Die dem Tod ins Auge Sehenden) bezeichnen sich die Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan im Irak. US-Experten gehen von je etwa 30.000 Soldaten und bewaffneten Polizeikräften des kurdischen Innenministeriums aus, sowie etwa 70.000 Kämpfern in Kleinverbänden, die zur DPK oder PUK gehören. Seit 1996 dienen auch Frauen bei den Peschmerga.

Der kurdische Begriff Peschmerga existiert seit dem 19. Jahrhundert. Auch bewaffnete Einheiten der Kurden-Parteien Komalah und PDK-I im Iran sowie kurdische Kämpfer in Syrien nennen sich Peschmerga.

Machtkampf bei den Kurden

Die PUK fühlt sich schon lange von Barsani und dessen DPK übergangen. Sie beschuldigt ihn, sich an den Einnahmen aus den Ölfeldern zu bereichern. Beklagt wurde zudem, das von Barsani kontrollierte Ministerium habe den PUK-Truppen südlich von Kirkuk die Unterstützung verweigert. Einige Kommandeure hätten mit den Regierungstruppe kooperiert.

Landkarte mit Gebiet der Kurden im Irak, Syrien, Iran und der Türkei.
Geschätzte Zahlen von Kurden im Ländereck Türkei, Iran, Irak und Syrien Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Kommandeur in der PUK-Hochburg Suleimanija beschuldigte Barsani, statt sein Volk zu verteidigen, sei er nur damit beschäftigt, "das Öl zu klauen und seinen Einfluss auszuweiten". Dagegen warf die Peschmerga-Führung in Erbil "gewissen PUK-Vertretern" vor, die Kurden verraten zu haben.

Nach dem Einmarsch der irakischen Armee in Kirkuk berichteten kurdische Behörden von einer Massenflucht aus der Millionenstadt. Der Gouverneur von Erbil, Nausad Hadi, sprach von etwa 18.000 geflüchteten Familien aus Kirkuk und Tus Churmato. Ein Berater von Hadi nannte der Nachrichtenagentur Reuters die Zahl von etwa 100.000 Menschen. Die gut 500 Quadratkilometer große von Kurden, Irakern und Turkmenen bewohnte Region liegt nur 50 Kilometer von der Hauptstadt Erbil der autonomen Kurdenprovinz entfernt.

Präsidentenwahl verschoben

Die irakischen Kurden haben wegen des Konflikts mit der Zentralregierung in Bagdad die für den 1. November geplanten Parlaments- und Präsidentenwahlen verschoben. Die Vorbereitungen für die Abstimmungen wurden laut Wahlkommission ausgesetzt.

Masoud Barsani, Präsident der autonomen Region Kurdistan im Irak.
Umstrittene Figur: Massud Barsani, Präsident der autonomen Region Kurdistan im Irak. Bildrechte: dpa

Farhan Dschohar, Abgeordneter von Barsanis DPK, sagte, die rivalisierende PUK wolle die Wahlen um zwei Jahre verschieben. Die DPK will jedoch nur eine Aufschub um acht Monate. Eigentlich waren die Wahlen schon vor Jahren fällig. Doch wegen des innerkurdischen Streitigkeiten und der Kämpfe gegen die IS-Miliz war die Abstimmung immer wieder verschoben worden.

Barsani selbst will nicht erneut antreten. Der einzige Kandidat, der rechtzeitig vor Ablauf einer Frist Anfang Oktober seine Kandidatur angemeldet hatte, war der Oppositionspolitiker Mohammed Tofik Rahim.

Bundeswehr setzt Ausbildung fort

Einem Bericht der kurdischen Nachrichtenseite Rudaw zufolge setzten die Kurden im Oktober bei den Gefechten gegen die irakische Armee die Panzerabwehrwaffe "Milan" ein und zerstörten zwei gepanzerte Fahrzeuge. Die Panzerabwehrwaffe hatte Deutschland für den Kampf gegen den IS geliefert. Der kurdische Sicherheitsrat dagegen erklärte, Armee und Milizen hätten US-Waffen benutzt. 

Deutschland hat angesichts der Kämpfe zwischenzeitlich das Ausbildungsprogramm für die Peschmerga unterbrochen. Wie das Verteidigungsministerium in Berlin später mitteilte, gibt es jedoch keine Hinweise auf den Einsatz von Milan-Raketen gegen die irakische Armee. Daher soll die Ausbildung kurdischer Truppen fortgesetzt werden. Von Vertretern der SPD und CDU gibt es inzwischen jedoch Forderungen nach einer Neubewertung der Mission. Die Bundeswehr rüstet seit 2014 die Peschmerga mit modernen Waffen aus und schult sie in ihrem Gebrauch für den Kampf gegen die IS-Miliz.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 17.10.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2017, 18:26 Uhr

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12 Kommentare

25.10.2017 16:57 Fragender Rentner 12

Wer will denn, dass die Türkei als unser Verbündeter soviel Land und Einwohner verliert?

Das können wir nicht zulassen.

24.10.2017 10:45 Fragender Rentner 11

Wie wurde mal gesagt, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

Wer hat denn die "Guten" nicht alles mit Waffen beliefert und tut es bestimmt immer noch?

Wollen die denn unsere "Freiheit" überhaupt?

24.10.2017 02:28 Klaus 10

Die Kurden waren doch auf einem guten Weg.
Jetzt haben die sich alles selbst kaputt gemacht.

23.10.2017 22:50 Hans 9

Wenn Katalanen keinen Staat haben dürfen, denn dürfen Kurden auch keinen Staat bekommen. Das ist nur Gerecht. Dafür wird Frau Merkel schon sorgen.

23.10.2017 18:18 Renate 8

Es ist mehr als tragisch, das hier Dank der einstigen Gastarbeiter nach Westdeutschland Türken/ Kurden Deutschland immer mehr mit deren Feindseligkeiten konfrontiert werden
Die sollen ihre Konflikte in ihrem Heimatland ausfechten. Punkt

23.10.2017 17:22 Stealer 7

Ein Kurdenstaat ist sowohl momentan als auch in absehbarer Zukunft aufgrund der geopolitischen Situation illusorisch. Die für die Kurden sinnvollste Bestrebung sollte darauf hinauslaufen, die Kurdengebiete in Syrien zu schützen und sowohl dort als auch in Irakisch-Kurdistan mittels Anreizen und Perspektiven den vorhandenen Säkularismus zu stärken und Demokratie und Korruptionsbekämpfung zu fördern. Dazu sollte Russland mit ins Boot geholt werden - von der Türkei und Iran kann man das zur Zeit nicht erwarten.

Die Kurdengebiete dienen bereits einigen verfolgten Minderheiten als eher sicherer Hafen und wenn sie wirtschaftlich und gesellschaftlich prosperieren könnte das ein dringend benötigtes Gegenmodell zu den Autokratien und Fanatikern in der Region werden, was vielleicht auch Strahlkraft in diesem geschundenen und benutzten Teil der Welt hat.

23.10.2017 17:01 Walter 6

Ach ja eigener Staat! Wäre dieser wirtschaftlich lebensfähig? Ich habe immer gehört in diesen Gebieten fahren sie noch mit eselkarren. Ein neuer Staat der auf "unser" Geld angewiesen wäre.
Aber Katalonien darf nicht!
Doppelmoral!!!!

23.10.2017 16:56 Fragender Rentner 5

Da haben die Männer und Frauen so gekämpft und nun dürfen sie wieder keinen eigenenStaat haben?

Sollen sich mal bei den Verantwortlichen beschweren.

Deutschland hat ja nur Hilfe für die Kämpfer geleistet.

Hoffe nicht das da schon wieder ein weiterer Konflikt hochkocht.

23.10.2017 16:06 Frederic 4

@ 007 v.23.10.17 Es bleibt die Frage zu kläen, wer wen ausbildet. Aber es kann sein, wie Sie sagen die Waffen umdrehen - umdrehen. Auch nicht zu vergessen, wie viel Kurden in der BRD leben. Darf aber auch sagen, habe nicht gegen die Kurden oder andere Menschen, dafür laufe ich aber mit klaren Augen und Ohren durch die Lande. So kenne ich auch diese Länder und die Menthalität der Islamis- ten. Was vielen - der mit dem Multikultisyndrom in der BRD herumlaufen den gut tun würde.

23.10.2017 15:34 MuellerF 3

@2: So wünschenswert das wäre, aber WER soll "den Kurden ihren Staat geben"? Auf/aus welchen Gebieten welcher anderer Staaten wäre dieser zu bilden? Dürfen die betroffenen Länder auch mitreden? Das wären, je nach geographischer Definition dieses "Kurdistans" dann neben den von Ihnen genannten auch die Türkei, Armenien & Aserbaidschan. Daraus folgt: So einfach, wie Sie es darstellen oder sich wünschen, ist es leider nicht!

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