Ein Mann schläft im Speisesaal des Städtischen Unterkunftsheimes für Obdachlose Männer.
Rund 860.000 Menschen waren 2016 in Deutschland ohne Wohnung. Nicht jeder Wohnungslose lebt auf der Straße. Viele leben in Notunterkünften wie in München in einem Städtischen Unterkunftsheim für obdachlose Männer. Bildrechte: dpa

BAG Wohnungslosenhilfe Deutlich mehr Menschen ohne eigene Wohnung

Etwa eine Million wohnungslose Menschen leben derzeit in Deutschland. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe rechnet im kommenden Jahr sogar mit 1,2 Millionen. Das liege vor allem an fehlendem Wohnraum. Und auch die Zahl obdachloser Flüchtlinge werde weiter steigen. Schon jetzt machen sie die Hälfte aller Wohnungslosen aus – Tendenz steigend.

von Martin Hoferick, ARD-Haupstadtstudio für MDR AKTUELL

Ein Mann schläft im Speisesaal des Städtischen Unterkunftsheimes für Obdachlose Männer.
Rund 860.000 Menschen waren 2016 in Deutschland ohne Wohnung. Nicht jeder Wohnungslose lebt auf der Straße. Viele leben in Notunterkünften wie in München in einem Städtischen Unterkunftsheim für obdachlose Männer. Bildrechte: dpa

Sie schlafen in Notunterkünften, Obdachlosenheimen oder auf der Straße: Gerade in Deutschlands Großstädten sind wohnungslose Menschen ein alltägliches und sichtbares Problem der Gesellschaft. Und ihre Anzahl nimmt zu. Das untermauern auch die am Dienstag vorgelegten Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Nach ihren Schätzungen leben derzeit etwa eine Million wohnungslose Menschen in Deutschland.

Der Verband verschafft sich regelmäßig einen Überblick über die Wohnungsnot. Denn er koordiniert soziale Dienste und Einrichtungen, wie beispielsweise Diakonie und Arbeiterwohlfahrt. Im Jahr 2016 waren demnach noch etwa 860.000 Menschen ohne Wohnung. Im kommenden Jahr rechnet die Arbeitsgemeinschaft mit circa 1,2 Millionen wohnungslosen Menschen in Deutschland. Und der Trend werde anhalten.

Wohnungslosigkeit nicht immer sichtbar

Unter einem Schirm sitzt ein offenbar wohnungsloser Mann am 24.11.2014 in Potsdam, Brandenburg.
Rund 52.000 der wohnungslosen Menschen leben sichtbar auf der Straße. Bildrechte: dpa

Obdachlos zu sein bedeutet jedoch nicht zwangsläufig ein Leben auf der Straße. Nur etwa 52.000 Menschen sind von der sichtbaren Straßenobdachlosigkeit betroffen, sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Der weitaus größere Teil der Wohnungslosen kommt in kommunalen Notunterkünften unter, andere schlafen in Heimen und Übergangswohnungen. Doch das Platzangebot in diesen Einrichtungen ist begrenzt und für den weiter zu erwartenden Anstieg nicht gerüstet, kritisiert Specht.

Ich halte es für rechtswidrig, wenn Notunterkünfte nicht von den Kommunen gestellt werden. Aber es sind auch der Bund und die Länder gefordert, die Kommunen mit diesem Problem nicht allein zu lassen.

Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG Wohnungslosenhilfe

Die Hälfte aller Wohnungslosen sind Flüchtlinge

Die Kommunen sind zur Bereitstellung von Notunterkünften verpflichtet. Die steigende Anzahl der wohnungslosen Menschen ist dabei laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe nicht das einzige Problem. Dazu kämen die Auswirkungen der Zuwanderung von Flüchtlingen. Denn es mehrten sich dadurch auch kulturelle Probleme. Schon jetzt sind etwa die Hälfte aller Wohnungslosen geflüchtete Menschen, etwa 440.000.

Das verschärft die Problematik zusätzlich. Es fehlen Behelfsunterkünfte und günstige Kleinwohnungen. Die sozialen Einrichtungen fühlten sich mit diesen Herausforderungen allein gelassen, mahnt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Mangel an Sozial- und Kleinwohnungen

Die Zuwanderung verstärke die Wohnungsnot in Deutschland, sei aber nicht die Ursache für die hohe Anzahl der Obdachlosen. Das liege vielmehr an der verfehlten Wohnungspolitik, kritisierte der Verband. So sei beispielsweise der Bestand an Sozialwohnungen seit 1990 um 60 Prozent gesunken.

Es fehlen vor allem kleine Wohnungen mit erschwinglichen Mieten und großen Unterkünfte für Familien, die bezahlbar sind. Thomas Specht moniert, dass der Staat sich aus dieser Entwicklung herausgehalten habe. Ganz nach dem Motto: der Markt macht den Preis. Die Folge: So seien vermehrt Wohnungen im Luxussegment entstanden.

Obdachlosigkeit nimmt auch im Osten zu

Besonders die Großstädte und Metropolen sind vom Problem der Wohnungslosigkeit betroffen. Sie üben eine hohe Anziehungskraft aus. Viele Menschen hoffen, in den Städten ein besseres Leben zu finden oder irgend möglich über die Runden zu kommen. Daher sind vor allem diejenigen Bundesländer mit dem Thema Wohnungslosigkeit konfrontiert, in denen es viele Großstädte gibt.

Dennoch: Auch im Osten steigt die Zahl der Menschen ohne Obdach. Geschäftsführer Specht macht dafür auch den geringer werdenden Anteil leer stehender Wohnungen verantwortlich. Zudem seien Vorbehalte der Vermieter problematisch. Sie würden sich gerade in den neuen Bundesländern oftmals weigern, Mieter zu akzeptieren, die zuvor wohnungslos waren.

Mehr Männer als Frauen unter den Wohnungslosen

Die meisten Menschen ohne Obdach sind erwachsene Männer. Sie machten 2016 – ohne den Anteil der Flüchtlinge – einen Anteil von etwa 73 Prozent aus. Etwa acht Prozent der Wohnungslosen waren minderjährig, das sind etwa 32.000 Jugendliche in Deutschland. In den Großstädten gibt es zudem eine weitere Gruppe Wohnungsloser, die vor allem aus Osteuropa kommt. Viele von ihnen leben auf der Straße.

Hier gibt es eine Doppelmoral. Deutschland profitiert von der europaweiten Arbeitsfreizügigkeit, muss aber auch bei den wohnungslosen Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Union Verantwortung tragen.

Thomas Specht, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe

Politik muss unmittelbar handeln

Ohne Förderprogramme werde sich die Wohnungslosigkeit in den nächsten Jahren nicht reduzieren lassen können, mahnt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe an. Specht fordert mehr Prävention und mehr Geld für sozialen Wohnraum. Bund und Länder sollten mehr investieren, um die Anzahl der Menschen ohne Obdach zu reduzieren. Darüber hinaus müssten auch gezielt Wohnungen von privaten Vermietern und der Wohnungswirtschaft für die Versorgung obdachloser Menschen akquiriert werden.

Außerdem warnt der Verband davor, die Beihilfen für Unterkunft und Heizkosten bei Empfängern von Grundsicherung, also Hartz IV, als Sanktionsmittel zu kürzen. Das verschärfe die Lage zunehmend. Auch ein Fingerzeig an die "Jamaika"-Sondierer in Berlin. Die Politik müsse jetzt handeln. Anderenfalls werde die Zahl der Obdachlosen weiter steigen, vor allem in den Großstädten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 14.11.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 16:32 Uhr

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21 Kommentare

16.11.2017 16:07 Fragender Rentner 21

@Der Wähler ist schuld! zu 20

Du kannst doch so etwas nicht fordern, dann fehlt so mancher Partei ein gutes Thema für eine mögliche Koalition.

16.11.2017 13:06 Der Wähler ist schuld! 20

@Peter 17: Natürlich. Alle abgelehnten Asylbewerber unverzüglich abschieben, so wie es das Gesetz vorsieht. Sind aktuell etwa 693.000 Personen, hinzu kommen noch die, die sich der Registrierung entzogen haben. Problem fast vollständig gelöst! Natürlich wird man eine geringe Zahl Menschen, die jede Hilfe ablehnen und lieber auf der Straße wohnen, nicht zwingen können, in eine von HartIV subventionierte Wohnung zu ziehen.

15.11.2017 23:33 NRW-Wessi 19

@ 17 Peter
Wohnungen sind in ausreichender Anzahl vorhanden. Wenn aber eine Bundeskanzlerin Problemfälle aus aller Welt einlädt und unberechtigte Personen gar nicht, oder nur sehr schleppend abgeschoben werden, darf man sich über eine Wohnungsnot nicht wundern.
Ich denke, die AfD würde die unberechtigt hier lebenden oder kriminell gewordenen Asylanten gemäß unseren existierenden Gesetzen konsequent abschieben und so vorhandenen Wohnraum für einheimische Menschen freimachen, anstatt die letzten Grünflächen in unseren Städten für Wohnungsbau zu opfern.

15.11.2017 19:09 einfach ein normaler Bürger 18

Obdachlos ist sicher kein leichtes Los und sehr vielschichtig zu bewerten. Aber ist denn wirklich der Staat einzig Schuld? Was ich vermisse,es gibt doch auch Menschen ,die weder arbeiten noch sich eingliedern/unterordnen wollen. Ganz egal wer regiert,nur mit Wohnraum und Geld etc.. zur Verfügung stellen werden Obdachlose nicht weniger,sondern mehr.

15.11.2017 17:06 Peter 17

@15: Na, dann können Sie uns doch sicher auch verraten, was die AfD tun wird, um die Obdachlosigkeit zu beseitigen.
Sozialer Wohnungsbau? Ihr Herr Spangenberg (MdB) hat sich doch dagegen ausgesprochen.

15.11.2017 16:42 Fragender Rentner 16

Wie sagten sie Gestern im Fernsehen, das viele Flüchtlinge auch bei Verwandten leben würden, wenn dem so ist, wieso sollen sie da obdachlos sein?

15.11.2017 07:23 Der Wähler ist schuld! 15

Zitat: "Die Politik müsse jetzt handeln. Anderenfalls werde die Zahl der Obdachlosen weiter steigen, vor allem in den Großstädten."
Tja die Politik handelt aber nicht, sondern hat diese Zustände absichtlich herbeigeführt. Das sie das kann, liegt an den Wählern, die genau diese Politiker mehrheitlich wieder wählen, weil Ihnen immer wieder eingetrichtert wird, daß diese Politik alternativlos sei und man alle anderen nicht wählen kann... Lediglich in Sachsen waren am 24. September 30% der Bürger aufgewacht. Wann folgt der Rest, damit die unhaltbaren Zustände endlich geändert werden können?

15.11.2017 07:19 Die Hälfte aller Wohnungslosen sind Flüchtlinge 14

Hier meinen Sie sicher die Flüchtlinge, die aus ihren bereitgestellten Unterkünften über Nacht geflüchtet sind oder die über Nacht untergetaucht sind, nachdem ihr Asylantrag abgelehnt wurde oder meinen Sie eher Hunderttausende, die seit 2015 unkontrolliert und unregistriert ins Land strömten?

15.11.2017 07:16 Wie kann man hier einen Kommentar veröffentlichen? 13

Noch ein paar Millionen zu 90% nicht arbeitende HartzIV-Empfänger mehr ins Land geholt und das Problem Obdachlosigkeit wird sicher gelöst sein. Es gibt ja keine Obergrenze, also immer weiter, wir schaffen das! Nur dumm, das es bei Wohnungen und Bauland eine Obergrenze gibt...
Vielleicht sollte man das den Politikern mal erklären?

15.11.2017 06:45 @10 - Sabine Sonntag 12

Völlig richtig!
Wir leben doch in einem Land, wo es sich sehr gut leben läßt!
Und jetzt noch der Familiennachzug, wo die deutschen Steuerzahler mal wieder zur Kasse gebeten werden, für Leute die uns eigentlich nichts angehen. Ich frag mich nur, warum die reichen muslimischen Staaten nichts für ihre Glaubensbrüder und - schwestern tun, wie ABU DHABI die allein 400 Millionen Euro bezahlt haben, daß sie ihr exorbitant teures Museum 30 Jahre lang LOUVRE nennen dürfen oder Saudi-Arabien, die eine Megastadt für 500 Milliarden planen. Aber es ist eben einfacher bei den Ungläubigen die Hand aufzuhalten.
Durch den Familiennachzug wird jedenfalls die Wohnungsnot in Deutschland noch viel prekärer und dies ist nicht mehr hinnehmbar.