Demonstranten nehmen in Edinburgh mit schottischen Fahnen an einer Kundgebung für die Unabhängigkeit Schottlands teil
Schotten demonstrieren in Edinburgh für die Unabhängigkeit. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Katalonien, Schottland & Co. Laute Rufe nach Unabhängigkeit

Die Forderung der Katalonen nach Unabhängigkeit ist unüberhörbar. Dass Schotten, Basken oder Flandern eigene Staaten gründen wollen, ist ebenfalls weithin bekannt. Doch innerhalb Europas streben viele weitere Regionen nach Autonomie und Eigenständigkeit. Mancherorts sind die Sezessionen vom Mutterland de facto vollzogen, die Konflikte aber damit nicht beendet. Eine Übersicht – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Demonstranten nehmen in Edinburgh mit schottischen Fahnen an einer Kundgebung für die Unabhängigkeit Schottlands teil
Schotten demonstrieren in Edinburgh für die Unabhängigkeit. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Unabhängigkeitsbewegungen in Europa
Unabhängigkeitsbewegungen in Europa Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Spanien: Katalonien und das Baskenland

Katalonien steht beispielhaft für die lange Geschichte von Regionalismus und Separatismus in Spanien. Die Katalanen berufen sich bei ihrem Streben nach Autonomie auf ihre eigene Sprache und Kultur. Sie sehen sich als „Kulturnation“.  

Demonstration mit gemeinsamer Flagge von Katalonien, Spanien und der EU
In früheren Umfragen sprach sich eine Mehrheit der Katalanen für eine Zugehörigkeit zu Spanien aus. Bildrechte: dpa

Noch 2006 gestand die Zentralregierung Katalonien eine neue Autonomiecharta zu. Darin wurden unter anderem die Vollmachten im Steuer- und Justizbereich erweitert. Einige Regelungen stufte das spanische Verfassungsgericht 2010 jedoch als verfassungswidrig eingestuft. Dies gab der Unabhängigkeitsbewegung neuen Schwung. Am 10. Juli 2010 demonstrierte eine Million Menschen in Barcelona für das Autonomiestatut. Seitdem gehen die viele Katalanen regelmäßig am 11. September 2012, dem katalanischen "Nationalfeiertag" (Diada), für mehr Unabhängigkeit auf die Straße.

Für die völlige Unabhängigkeit von Spanien sprach sich allerdings nie eine Mehrheit der Katalanen aus, wenn man den Umfragen bekannterer Forschungsinstitute in den vergangenen Jahren glaubt. Eine Mehrheit befürwortete aber stets mehr Autonomie. Vor diesem Hintergrund ist auch der aktuelle Konflikt um das Unabhängigkeitsreferendum zu sehen.

Das Baskenland im Nordwesten Spaniens strebt ebenfalls seit langen nach Unabhängigkeit. Die Untergrundorganisation ETA kämpfte fast 50 Jahre lang militant für eine Abspaltung. Bei rund 4.000 Anschlägen wurden mehr als 800 Menschen getötet.

2011 erklärte die ETA einen Gewaltverzicht und verübte seither keine Anschläge mehr. Im April 2017 gab sie ihre Waffen vollständig ab. Die Befürwoter einer Unabhängigkeit, der Parteienverband Euskal Herria Bildu, sind gleichwohl noch immer die zweitstärkste politische Kraft in der Region.

Großbritannien: Schottland, Nordirland und Wales

Manchmal ist spöttisch vom unvereinigten Königreich die Rede, wenn es um die fragile Einheit Großbritanniens geht. In Schottland und Wales gibt es ein traditionell großes Nationalbewusstsein. Beide Landesteile verfügen bereits über weitgehende Autonomie. Dies gilt auch für das tief gespaltene Nordirland. Dort strebt die katholische Minderheit einen Zusammenschluss mit der Republik Irland an.  

Seitdem sich eine Mehrheit der Briten für den Brexit ausgesprochen hat, steht in Schottland ein neues Unabhängigkeitsreferendum zur Debatte. Die Abstimmung soll nach Willen der regierenden Nationalpartei stattfinden, wenn mehr Klarheit über das zukünftige Verhältnis zwischen EU und Großbritannien herrscht. Erst2014 hatten die Schotten sich in einem Referendum mehrheitlich gegen eine Unabhängigkeit entschieden. Die meisten Schotten möchte jedoch in der EU bleiben.

Bombenanschlag in Omagh (Nordirland)
29 Menschen wurden bei einem Bombenanschlag in Omagh in Nordirland 1998 getötet. Der Anschlag mit einer Autobombe ereignete sich kurz nach der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens zur Beendigung des Nordirlandkonflikts. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Der Brexit wirkt sich auch auf Nordirland aus. Viele Nordiren möchten weiter offene Grenzen zur Republik Irland. Dies steht nun infrage. Die pro-irische Sinn Fein konnte bei den jüngsten Wahlen dazugewinnen und wittert perspektivisch eine Chance, sich von London loszusagen und Irland anzuschließen.

In Wales ist die Unabhängigkeitsbewegung schwächer als in Schottland. Der Landesteil erhielt im Zuge der Dezentralisierung in den 1990er-Jahren eine Nationalversammlung. Diese darf seit 2011 auch Gesetze beschließen. Die politische Führung in Cardiff sucht nach Kompromissen mit London, um mehr Selbstbestimmung zu erlangen, strebt aber derzeit keine Unabhängigkeit an.

Belgien: Flandern

In Belgien setzt sich die Neu-Flämische Allianz (N-VA) für die Unabhängigkeit Flanderns ein. Die jetzt bereits größte Partei im Land will aus den nächsten Parlamentswahlen noch stärker hervorgehen - und ihr Ziel der Unabhängigkeit auf lange Sicht und friedlich erreichen. Zum belgischen Königreich gehören neben Flandern, wo Niederländisch gesprochen wird, auch die französischsprachige Wallonie und der Großraum Brüssel.

Dänemark: Färöer-Inseln und Grönland

Sowohl auf den Färöer-Inseln als auch auf Grönland gibt es Unabhängigkeitsbewegungen. Beides sind bereits relativ autonome Regionen.

Die Stadt Sisimiut, an der Westküste Grönlands
In Grönland leben nur rund 50.000 Menschen., Die Stadt Sisimiut an der Westküste ist mit etwa 5.5000 Einwohner bereits die zweitgrößte des Landes. Bildrechte: dpa

Im April 2018 soll die Bevölkerung der Färöer-Inseln  über eine neue Verfassung abstimmen, die den 48.000 Inselbewohnern vollständige Selbstbestimmung garantieren soll. Bisher ist die dänische Regierung für die Außen- und Verteidigungspolitik zuständig.

Grönland erlangte 1979 eine Autonomie mit eigener Regierung. Aus wirtschaftlichen Gründen zögern die Grönländer – ebenso wie die Färöer – mit der Forderung nach völliger Unabhängigkeit von Dänemark. Beide sind auf Subventionen angewiesen. Weder Grönland noch die Färöer-Inseln sind Teil der EU.

Frankreich: Korsika

Auf der Mittelmeerinsel Korsika kämpften militante Gruppen mehrere Jahrzehnte lang mit Gewalt für eine Unabhängigkeit von Frankreich. Ihre Attentate richteten sich oft gegen Vertreter des französischen Staates und Verwaltungsgebäude, aber auch gegen Ferienvillen von Festlandfranzosen. Die wichtigste Untergrundgruppe, die nationale Befreiungsfront Korsikas (FLNC), erklärte im Sommer 2014 das Ende des bewaffneten Kampfes.

Bei den Regionalwahlen im Dezember 2015 wählten die Korsen mehrheitlich nationalistische Kandidaten ins Parlament. Das korsische Regionalparlament setzt sich seitdem etwa dafür ein, Korsisch neben dem Französischen als Amtssprache anzuerkennen.

Italien: Lombardei, Sardinien, Südtirol, Venetien

Autonomiebestrebungen haben in Italien lange Tradition. In den Regionen Lombardei und Venetien sollen die Menschen am 22. Oktober in Referenden über mehr Autonomie abstimmen. Die teils extremistische Partei Lega Nord betont aber, dass diese Abstimmungen im legalen Rahmen bleiben und nicht mit dem Katalonien-Referendum vergleichbar sind. Die beiden Regionen machen gemeinsam fast ein Drittel der Wirtschaftskraft Italiens aus. Sie verlangen mehr Zugriff auf das Steueraufkommen in ihren Regionen

In Sardinien fühlen Separatisten durch Katalonien Rückenwind. Separatisten reisten eigens nach Barcelona. Der Vorsitzende der Autonomiebewegung Unidos, Mauro Pili, hat im Parlament in Rom sogar einen Gesetzentwurf für ein Unabhängigkeitsreferendum eingebracht.

Auch in Südtirol gibt es den Ruf nach einer Volksabstimmung über eine Loslösung der traditionell deutschsprachigen Region von Rom. Wie in den anderen norditalienischen Regionen liegt das Bruttosozialprodukt in Südtirol deutlich über dem italienischen Durchschnitt.

Rumänien: Széklerland

Szeklerfahne der ungarischen Szekler in Rumänien
Fahne der Székler in Rumänien. Bildrechte: Annett Müller /MDR

Die Székler sind eine ungarischsprachige Minderheit, die im rumänischen Siebenbürgen lebt. Ihre Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Lange Zeit besaßen die Székler Autonomie. Auch heute haben sie in Rumänien weitgehende Rechte, seitdem das Land 2007 in die EU kam. Beispielsweise arbeitet die Verwaltung mehrsprachig.

Einige Bürger, die sich auch in Initiativen organisieren, fordern jedoch mehr Selbstständigkeit. Auf höherer politischer Ebene gibt es dafür allerdings keine Fürsprecher. Die Székler bilden nur einen Teil der ungarischen Minderheit. Deren politische Vertretung, die Ungarn-Partei, lehnt separatistische Forderungen ab.

Republik Moldau: Transnistrien und Gagausien

Ziel aller Unabhängigkeitsbewegungen ist die Gründung eines eigenen Staates. Um als Staat zu gelten, bedarf es allerdings der internationalen Anerkennung durch andere Staaten. In Europa gibt es mehrere Beispiele, wo zwar die Abspaltung glückte, eine breite Anerkennung aber ausblieb. In diesen Fällen spricht man von De-facto-Regimen. Ein Beispiel dafür ist Transnistrien, das völkerrechtlich noch immer Teil der Republik Moldau beziehungsweise Moldawiens ist.

Folkloretanzgruppe in Tiraspol
Folklore in Transnistrien: Ein Tanzgruppe zeigt ihr Können in der Hauptstadt Tiraspol. Bildrechte: MDR/Markus Zerspiegel

Transnistrien entstand nach dem Zerfall der Sowjetunion. In Moldawien kamen damals ultranationalistische Kräfte an die Macht, die die russischsprachige Minderheit diskriminierten. Diese lebte vorwiegend in der Region Transnistrien. Als Forderungen nach Unabhängigkeit sowie  sprachlicher Vielfalt nicht erfüllt wurden und es außerdem zu gewaltsamen Zusammenstößen kam, spaltete sich Transnistrien ab. Der Konflikt ist eingefroren. Alle Verhandlungen zur Statusklärung scheiterten.

Im Süden Moldaus gibt es eine noch weitere autonome Region, die Republik Gagausien, in der es ebenfalls Tendenzen einer Unabhängigkeitsbewegung gibt. Die Region genießt zwar weitreichende Autonomierechte. Die Bewohner möchten aber engere Beziehungen mit Russland und anderen GUS-Staaten. Eine Annäherung an die EU lehnen sie ab. Dies könnte zu Konflikten mit der Zentralregierung führen.

Serbien und Kosovo

Ein weiteres Beispiel für ein De-Facto-Regime ist das Kosovo. Es ist zwar international mehrheitlich anerkannt, aber die Unabhängigkeit von Serbien bleibt umstritten. Selbst mehrere EU-Staaten versagen dem Staat die Anerkennung. Das Parlament in Pristina hatte am 17. Februar 2008 die Unabhängigkeit des Kosovos erklärt. Kurz darauf erkannten die USA, Frankreich und auch Deutschland den neuen Status an. Serbien erklärte damals, die Unabhängigkeit verstoße gegen internationales Recht.

Das Kosovo war nach dem Krieg im Jahr 1999 unter die Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen gestellt worden. Allerdings war in einer Resolution des Weltsicherheitsrates die Souveränität und territoriale Unversehrtheit der Bundesrepublik Jugoslawien garantiert worden, deren Rechtsnachfolger das heutige Serbien ist. Destabilisierend wirkt die Armut und die Perspektivlosigkeit im Kosovo.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im: Radio | 22.10.2017 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2017, 08:36 Uhr

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