Studenten nd Schüler demonstrieren in Barcelona
Studenten und Schüler demonstrieren in Barcelona für die Unabhängigkeit. Bildrechte: IMAGO

Umstrittenes Referendum Auswärtiges Amt mahnt Katalonien-Urlauber zur Vorsicht

Trotz Verbots will die Regionalregierung in Katalonien am Sonntag das umstrittene Referendum zur Loslösung von Spanien durchziehen. Madrid will das verhindern und entsendet tausende zusätzliche Polizisten. Gewaltsame Proteste drohen. Das Auswärtige Amt mahnt deutsche Urlauber zur Vorsicht.

Studenten nd Schüler demonstrieren in Barcelona
Studenten und Schüler demonstrieren in Barcelona für die Unabhängigkeit. Bildrechte: IMAGO

Kurz vor dem angekündigten Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien hat das Auswärtige Amt deutsche Urlauber vor einer möglichen Eskalation der Lage in der spanischen Region gewarnt. Eine solche könne nicht ausgeschlossen werden, erklärte die Behörde am Freitag in Berlin. Vor allem in Barcelona könne es Demonstrationen geben. In einem aktualisierten Reisehinweis erging die Empfehlung, "die lokalen Medien zu verfolgen, größere Menschenansammlungen in dieser Zeit zu meiden und den Anweisungen von Sicherheitskräften unbedingt Folge zu leisten".

Madrid fürchtet Kettenreaktion

Das Parlament in Barcelona hatte Anfang September ein Gesetz verabschiedet, das den Weg für den Volksentscheid über die Unabhängigkeit von Spanien freimachte. Seitdem verschärft sich die Krise zwischen den katalanischen Nationalisten und der Zentralregierung in Madrid. Diese will den umstrittenen Volksentscheid mit allen Mitteln verhindern. Sie fürchtet bei einem Ausbrechen Kataloniens aus dem spanischen Gefüge auch ein Übergreifen auf das Baskenland, wo die Separatistenorganisation ETA erst 2011 ihre Terroraktionen eingestellt hatte.

Referendum trotz Verbot

Die katalanische Regierung hingegen will das Referendum am Sonntag trotz eines Verbots durch das spanische Verfassungsgericht durchziehen. Der katalanische Innenminister Joaquim Forn erklärte, man werde dafür sorgen, dass die Katalanen am Sonntag abstimmen können. Tausende Schüler und Studenten gingen in der Regionalhauptstadt Barcelona auf die Straßen, um ihre Unterstützung zu zeigen.

Tausende zusätzliche Polizisten

Studenten demonstrieren in Barcelona für das geplante Unabhängigkeitsreferendum
Die Regionalregierung in Barcelona hofft, dass der Protest friedlich bleibt. Bildrechte: dpa

Madrid entsandte tausende zusätzliche Polizeikräfte nach Katalonien, darunter die bei vielen Katalanen verhasste Militärpolizei Guardia Civil.

Die spanischen Einsatzkräfte hatten in den vergangenen Tagen hochrangige katalanische Regierungsmitarbeiter festgenommen sowie Wahlurnen, Stimmzettel und sonstige Referendumsunterlagen massenweise beschlagnahmt. Die Justiz leitete zudem Ermittlungen gegen mehr als 700 katalanische Bürgermeister ein, die das Unabhängigkeitsreferendum unterstützen.

Auch die katalanische Polizei Mossos D'Esquadra ist an die Anweisungen aus Madrid gebunden. Sie will diesen aber nur folgen, so lange dadurch nicht die öffentliche Ordnung in Gefahr sei.

Aufruf zu friedlichen Aktionen

Mehrere Separatisten-Organisationen riefen dazu auf, am Sonntag trotzdem zu den Wahllokalen zu kommen und lange Schlangen zu bilden. Katalonien müsse der Welt zeigen, dass es einig und verantwortungsbewusst sei. Die Organisationen appellierten in diesem Zusammenhang an die Katalanen, auf Gewalt zu verzichten. Auch die katalanische Regionalregierung rief die Unabhängigkeitsbefürworter auf jeden Fall auf, friedlich zu bleiben.

Furcht vor Gewaltexzessen

Dennoch besteht die Furcht vor schweren Ausschreitungen. So werden unter anderem gewaltsame Aktionen von ausländischen Gruppen befürchtet. Spanische Medien berichten, dass sich Autonome aus ganz Europa auf den Weg nach Barcelona gemacht hätten. Auch Rechtsextreme sollen sich angekündigt haben.

Beobachter und Analysten gehen hingegen nicht davon aus, dass es am Sonntag zu massiven Zusammenstößen kommt. Vielmehr könnte die Machtdemonstration der Separatisten ein Startschuss für Verhandlungen zwischen Madrid und Barcelona sein. An deren Ende könnten mehr Autonomie und eine Besserstellung in Wirtschafts- und Strukturfragen stehen.

Katalonien und sein Verhältnis zu Spanien Katalonien mit seinen etwa 7,5 Millionen Einwohnern ist von der Fläche her etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen und kommt für etwa ein Fünftel des spanischen Bruttoinlandsprodukts auf. In der wohlhabenden Region im Nordosten Spaniens, in der eine eigene Sprache gesprochen wird, gibt es seit Jahrzehnten Bestrebungen, sich von Spanien loszulösen.

Die Wurzeln der Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen reichen bis ins Mittelalter zurück, als die damaligen regionalen Fürstentümer ausgeprägte Selbstbestimmungsrechte besaßen. In den 1930er-Jahren hatte Katalonien ein Autonomiestatut. Nach dem Sieg von Diktator Francisco Franco im spanischen Bürgerkrieg wurden diese Rechte einkassiert, Sprache und Traditionen unterdrückt. Nach der Rückkehr des Königreichs zur Demokratie erhielt Katalonien 1979 seine Autonomierechte zurück.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 29.09.2017 | 08:28 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2017, 12:11 Uhr

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17 Kommentare

30.09.2017 13:21 Wessi 17

@ 16 wenn man wie Sie völlig indifferenziert alle Unabhängigkeitsbewegungen in einen Topf wirft, mißachtet man gröblichst die juristischen od.religiösen Gegebenheiten.Die Sache mit Polen ist fast sogar konstruiert,denn es gibt gar keine relevanten Minderheiten, geschweige denn vergleichbare Teile des Landes mit den anderen.

30.09.2017 10:01 steffen_jg63 16

Das gleiche ist nicht dasselbe. Serbien/Kosovo wurde vom Westen bejubelt, UK/Schottland wurde nach dem Brexit freundlich bewertet, Spanien/Katalonien geht natürlich garnicht. Mich erinnert das Ganze an die Zeit unter Franco. Nur mal angenommen: eine polnische Region will die Unabhängigkeit und Warschau würde reagieren wie Madrid - der Aufschrei der Medien wäre laut vernehmlich.

30.09.2017 07:19 Hans 15

@9: DD manchen Menschen brauch und kann man nichts erklären, vor allem wenn sie schon zu 100% radikalisiert sind. MfG

29.09.2017 20:05 in die Fresse 14

Reisewarnung oder nicht?

was soll das rungeeier?

29.09.2017 19:40 Renate 13

Ich wünsche den Katalaren viel Erfolg in ihren Freiheitsbestrebungen.
Kosovo wurde ja auch schließlich schnell von Serbien
getrennt und anerkannt

29.09.2017 19:32 Peter 12

Alle, die sich jetzt echauffieren, sollten bedenken, dass sich die Katalonen zwar von Spanien lossagen wollen, aber keineswegs von der EU. Das Bashing ist also völlig fehl am Platz.

29.09.2017 19:19 Insa Ewen 11

Wenn sich jede reiche und ach sooo unterdrückte Region verfassungswidrig vom Mutterland abspalten dürfte, würde es bald viele sehr reiche und sehr arme Länder in Europa geben.

29.09.2017 19:05 Wessi 10

@ 6 Sie verbreiten völlige fakenews.Die Catalanen wollen möglichst viel EU,sie wollen den Euro.Es geht nicht um blindwütigen Nationalismus, sondern es geht darum daß Madrd, nicht etwa Brüssel, die Rechte +Mittel für die Region immer weiter zurückführt.Die Catalanen waren unter dem faschistischen Nationalisten Franco sehr unterdrückt, heute versucht ein Konservativer,Rajoy, da teilweise wieder anzusetzen.Eher also eine sozialistische Republik mit viel Macht für Brüssel, abgelöst von Kastilien, also Madrd.

29.09.2017 18:19 DD 9

@ Hans, jetzt müssen sie mir mal erklären, was die EU mit der "Unterdrückung" der Katalanen zu tun hat? Die EU lässt doch unwillige Mitglieder ihren Weg gehen, siehe GB.
Es handelt sich doch vielmehr um ein innerspanisches Problem, bei dem die EU maximal vermitteln kann. Sie sollten sich außerdem mit spanischer und europäischer Geschichte + Politik beschäftigen. @ Kommissar REXt auch sie sollten dies tun. Denn Volksabstimmungen sind nicht = Demokratie, wie sie zu meinen scheinen. Es gibt durchaus berechtigte Gründe, ein Volk nicht über bestimmte Sachverhalte abstimmen zu lassen.

29.09.2017 18:16 Norbert 8

Das passt ja ins Bild eines rosaroten Europas, daran kann man sehen wie weit Politiker in allen Ländern sich vom Volk verabschiedet haben...
Da träumen diese Abzocker in Brüssel vom vereinten Europa, es klappt ja noch nicht mal Länderintern. Lasst den Katalanen ihre Abstimmung alles andere ist undemokratisch. Kann ich auch verstehen wenn ich das Geld verdienen muss damit andere es unbedacht vereinnahmen oder ausgeben werde ich auch sauer. Aber davon haben wir hier ja selber genug und die Schieflagen werden immer deutlicher.
Katalonien ist erst der Anfang, auch wenn es Junker Vandenbloom und Lambsdorff nicht passt.