Wegweiser zum Betriebsrat.
Neurechte Bewegungen suchen ihren Weg in die Arbeitnehmervertretungen. Bildrechte: imago stock&people

Betriebsratswahlen IG Metall warnt vor rechten Arbeitnehmervertretern

15 Prozent aller Gewerkschaftsmitglieder hätten bei der Bundestagswahl AfD gewählt, so der Jenaer Sozialwissenschaftler Klaus Dörre. Nun fordert eine neurechte Bewegung, dass sich sogenannte Patrioten im März in die Betriebsräte wählen lassen. Die IG Metall warnt vor einer Spaltung der Belegschaften durch rechte Arbeitnehmervertreter.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Wegweiser zum Betriebsrat.
Neurechte Bewegungen suchen ihren Weg in die Arbeitnehmervertretungen. Bildrechte: imago stock&people

Angela Merkel ist Deutschlands Untergang. Darf man das sagen? Und dann vielleicht sogar bei Schnitzel und Pommes in der Betriebskantine?

Lieber nicht, suggeriert ein Internetvideo. Denn in den Betrieben säßen Gesinnungswächter, die dafür sorgten, dass Regierungskritiker ihre Arbeit verlieren. Das passiere hundertfach in unserem Land – Menschen würden wegen ihrer politischen Meinung von einer Minute auf die andere einfach vor die Tür gesetzt, so eine der gänzlich unbelegten Behauptungen des Videos.

AfD-Abgeordneter will in BMW-Betriebsrat

Hinter dem Video steht die neurechte Bewegung "Ein Prozent". Sie fordert: Sogenannte "Patrioten" sollen sich im März in die Betriebsräte wählen lassen und mit eigenen Listen den Einfluss etablierter Gewerkschaften brechen.

Frank Neufert kandidiert bei BMW in Leipzig und will eine Opposition in den Betriebsrat einbringen. Er begründete bei einer Veranstaltung des rechten Magazins Compact:

Ich bin 1989 fleißig auf die Straße gegangen. Die Runden Tische haben uns damals freie Gewerkschaften versprochen. Nichts ist passiert. Wir haben die IG Metall erhalten. Das muss ein Ende haben. Ich stehe mit meinen Kollegen bereit.

Frank Neufert BMW Mitarbeiter / AfD-Abgeordneter

Neufert ist nicht nur BMW-Arbeiter, sondern auch AfD-Abgeordneter im Zwickauer Kreistag. Er schimpft über Bernd Osterloh. Der Betriebsrat bei Volkswagen soll bis zu 750.000 Euro Gehalt bezogen haben. Die etablierten Gewerkschaften machten mit den Bossen gemeinsame Sache, sagt Neufert MDR AKTUELL. 

IG Metall nicht auf Kuschelkurs

Olivier Höbel, Bezirksleiter IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, spricht am 29.04.2016 in Zwickau (Sachsen)
Olivier Höbel, Bezirksleiter IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen Bildrechte: dpa

Stimmt nicht, entgegnet Olivier Höbel, IG Metall-Chef für Berlin, Brandenburg und Sachsen. Derzeit kämpfe man für sechs Prozent mehr Lohn und bessere Teilzeitmöglichkeiten.

Die Antwort der Arbeitgeber darauf sei nicht nur komplette Ablehnung, so Höbel. Diese gingen auch noch mit Gegenforderungen in die Tarifrunde: So würden sie die Arbeitszeit verlängern und mehr befristete statt feste Arbeitszeitverhältnisse haben wollen.

Das wird eine richtige Konfrontation. Wer an der Stelle behauptet, dass wir zu sehr im Kuschelkurs sind: Das ist absurd. Ich weiß gar nicht, wer auf so eine Idee kommen kann.

Olivier Höbel Bezirksleiter IG Metall Berlin, Brandenburg und Sachsen

Höbel wirft den rechten Arbeitnehmervertretern vor, die Belegschaften zu spalten – und sie so zu schwächen.

Der vielleicht wichtigste Kopf der rechten Arbeitnehmervertreter ist Oliver Hilburger – Chef der Kleingewerkschaft Zentrum Automobil und Betriebsrat bei Daimler. Bis 2008 spielte Hilburger Gitarre in der Neonazi-Band "Noie Werte". Seine Musik untermalte die Bekennervideos des Nationalsozialistischen Untergrunds. Inzwischen hat er sich davon öffentlich distanziert. Heute ist Hilburger gern gesehener Gast bei Veranstaltungen der Neuen Rechten.

Potential für Rechtsnationale in Betriebsräten

Prof. Dr. Klaus Dörre
Klaus Dörre, Jenaer Sozialwissenschaftler Bildrechte: Anne Günther/FSU

Der Jenaer Sozialwissenschaftler Klaus Dörre sagt, die politischen Gruppen am rechten Rand verbündeten sich, um sich in den Betrieben neue Machtbasen zu schaffen: Das Hauptziel sei, eine völkische Bewegung zu schaffen außerhalb der Parlamente. Sie begreife die AfD gewissermaßen als parlamentarischen Arm. Beide verstärken sich. Das ginge mit Blick auf die Betriebe, indem man versuche, die soziale Frage zu nationalisieren und zu ethnisieren.

Man ist für gerechte Löhne, aber bevorzugt eben für "Bio-Deutsche".

Klaus Dörr Sozialwissenschaftler

Dörre sagt, 15 Prozent aller Gewerkschaftsmitglieder hätten bei der Bundestagswahl AfD gewählt. Es gäbe deshalb Potenzial für rechtsnationale Betriebsratslisten. Zumal einige Gewerkschaftsfunktionäre vielleicht tatsächlich zu weit weg gewesen seien von der Lebenswelt der Arbeiter.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 07.12.2017 | 5:17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 14:40 Uhr

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38 Kommentare

08.12.2017 20:52 Wieland der Schmied 38

Gewerkschaften sind notwendig, aber im Einzelfall für die Beschäftigten oftmals wenig nützlich. Ursache ist die enge Verzahnung von hochrangigen Gewerkschaftern mit der Konzernleitung.
Das Bild im Artikel verweist auf eine Konferenz der compact-Redaktion in Leipzig , die zu verschiedenen Themen der Zeit sich schwerpunktmäßig mit der Rolle der Gewerkschaften befaßte und drei Vertreter aus namhaften Konzernen eingeladen hatte (youtube). Eine besondere Rolle spielt der sattsam bekannte Gewerkschaftsboss Bsirske, Jahreseinkommen 6-7stellig. Seine Bedeutung wird untermauert, wenn man weiß, daß er in diesem Jahr erstmalig an einer Bilderbergerkonferenz teilgenommen hat und vermutlich erstmalig als ein "Arbeitervertreter" überhaupt. Wenn das nichts zu bedeuten hat?

08.12.2017 13:38 Eulenspiegel 37

Mein Gott was spinnt ihr euch da alles zusammen.
Es stimAlso was diese Rechten alles von den Gewerkschafte glauben zu wissen das passt auf keiner Kuhhaut.mt einfach:
„Jede Gewerkschaft, die Spaltung innerhalb der Arbeiterschaft bzw. der Angestellten, ob nun wegen Herkunft, Alter, Konfession, Behinderung, Leiharbeit, befristetem Vertrag, Aussehen oder sonstwas betreibt ist wenig wert für die Arbeiter - umso mehr aber für die Arbeitgeber.“
Darum die Frage an den Rechten,die eine Rechte Gewerkschaft etablieren wollen, welche Interessen verfolgt iher. Die der Arbeitgeber oder die der Arbeitnehmer. Erfahrungsgemäß bekommen Gewerkschaften die versuchen Arbeitnehmer zu spalten sehr viel indirekte Unterstützung von Betrieben und Konzernen und das nich ohne Grund.

08.12.2017 11:11 Fragender Rentner 36

Wer sind denn nun die Wahren Vertreter der AN?

08.12.2017 07:34 Wo geht es hin? 35

@Stealer - Zitat von Ihnen: "Übrigens ist dies eine Kommentarfunktion für den Artikel und kein Forum. Was hier erscheint ist kein Abbild von Meinungen oder ein Platz für weitreichende Diskussionen." Zitat Ende. Aha. Und was tun SIE dann hier? Weiteres Zitat von Ihnen: "Wenn Sie glauben, dass diese Art von Gewerkschaft etwas nützliches bewirkt sind nur sie darauf reingefallen (es sei denn, Sie unterstützen wissentlich das Komplott). Die momentane Politik der Gewerkschaften ist sicherlich zu kritisieren, aber ganz gewiss nicht mit solchen Ansichten." Zitat Ende. Das ist nichts anderes, was Sie verschiedenen Usern hier vorwerfen....

07.12.2017 21:46 Stealer 34

@Wo geht es hin?: Ich habe sie gelesen und ihre Argumente für zu leicht befunden. Wenn Sie glauben, dass diese Art von Gewerkschaft etwas nützliches bewirkt sind nur sie darauf reingefallen (es sei denn, Sie unterstützen wissentlich das Komplott). Die momentane Politik der Gewerkschaften ist sicherlich zu kritisieren, aber ganz gewiss nicht mit solchen Ansichten.

Übrigens ist dies eine Kommentarfunktion für den Artikel und kein Forum. Was hier erscheint ist kein Abbild von Meinungen oder ein Platz für weitreichende Diskussionen. Aber offenbar eine Tummelstätte für bestimmte Leute, die weder Lust oder auch Können aufweisen, einen wohlartikulierten Leserbrief zu schreiben. Und wenn man sich die vielen Kommentare von Leuten mit offenbar zu viel Zeit ansieht, könnte man meinen, dass hierzulande solcherlei Meinung überwiegt. Nein, dem ist nicht so. Zum Glück.

07.12.2017 20:15 Wo geht es hin? 33

@Stealer und andre: Die Beispiele und Argumente ALLER anderen Forumsteilnehmenr haben Sie wohl überlesen oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen? Und "gegeneinander ausgespielt" hat bei Ihnen ja schon wunderbar funktioniert!

07.12.2017 20:13 NRW-Wessi 32

Wäre ich nicht schon vor vielen Jahren nach kurzer Mitgliedschaft aus der Gewerkschaft ausgetreten, so hätte ich es spätestens jetzt, also nach dem AfD-Parteitag in Hannover getan.
Wie kann sich der DGB gegen eine demokratisch gewählte Partei stellen, welche die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertritt und zudem viele Mitglieder hat, die früher Gwerkschaften und linken Parteien angehörten?

07.12.2017 18:54 Stealer 31

Jede Gewerkschaft, die Spaltung innerhalb der Arbeiterschaft bzw. der Angestellten, ob nun wegen Herkunft, Alter, Konfession, Behinderung, Leiharbeit, befristetem Vertrag, Aussehen oder sonstwas betreibt ist wenig wert für die Arbeiter - umso mehr aber für die Arbeitgeber. In diesem Antagonismus von Profitmaximierung und Arbeitnehmerinteressen kann man nur mit Einigkeit bestehen, ansonsten wird man gegeneinander ausgespielt.

Und nun ja, mal angemerkt: in den Plänen etlicher Protagonisten dieser Zusammenkunft spielen die Interessen der einfachen Menschen keine größere Rolle nach einer erträumten Übernahme der Regierung. Um die absehbaren Einbrüche zu kompensieren werden halt weniger Lohn und längere Arbeit zum Dienst am Vaterland und des Volkes. Und wer dann in diesem üblen Klima aufmuckt ist ein Volksverräter. Manche werden es glauben, obwohl es ihnen schlechter geht und manche werden den Mund halten. Schöne neue, alte Welt.

07.12.2017 18:08 Stealer 30

Gerade im Osten ist es eher der Fall, dass zu wenige in der Gewerkschaft sind oder sich zu wenig engagieren, durchaus aus verständlichen Ängsten um den Arbeitsplatz. Betriebsräte gibt es auch nicht überall.

Bei aller Kritik an diesen ist es abstrus, wie hier auf die Gewerkschaften eingeschlagen wird und Kritik an den Unternehmern unterschlagen wird. Und rechte Gewerkschaften waren immer als Lohndrücker und willkommener Spaltpilz unterwegs.

Erfolgreiche Gewerkschaften sind nun mal eher (aber nicht radikal) links und international verflechtet, weil das Kapital nun mal international ist.

07.12.2017 17:43 Hor Es Te 29

Vor Linken warnen sie nicht die gewerkschaftsbosse mit Superjahresgehältern.Warum ? Weil sie schon zu weit links statt neutral für den Arbeitnehmer sind?Oder grenzen sie Arbeitsnehmer , Gewerkschaftsmitglieder bereits aus die sie als " rechts " erkennen ?