Rentnerin zählt ihr Kleingeld
Die aktuelle Armutsquote markiert einen mehrjährigen Trend. Bildrechte: IMAGO

Armutsbericht 2017 Armut auf neuem Höchststand

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht die Armut in Deutschland auf einem neuen Höchststand. In den ostdeutschen Bundesländern ist die Armutsquote zwar nicht angestiegen, stagniert aber auf hohem Niveau.

Rentnerin zählt ihr Kleingeld
Die aktuelle Armutsquote markiert einen mehrjährigen Trend. Bildrechte: IMAGO

Die Armut in Deutschland ist auf einem neuen Höchststand. Das geht aus dem Armutsbericht hervor, den der Paritätische Wohlfahrtsverband am Donnerstag zusammen mit anderen Verbänden in Berlin vorgelegt hat. Demnach lag der Anteil armer Menschen im Jahr 2015 bei 15,7 Prozent. Das bedeute, dass rein rechnerisch 12,9 Millionen Deutsche arm seien.

Nach Aussagen des Verbandes markiert dieser Wert einen mehrjährigen Trend wachsender Armut. Die Quote stieg von zuvor 15,4 Prozent auf den jüngsten Wert 2015 an. Das für den aktuellen Bericht neu ausgewertete Datenmaterial stammt aus dem Mikrozensus 2015. Zehn Jahr zuvor lag die Armutsquote im Schnitt noch bei 14,7 Prozent.

Armut auf konstant hohem Niveau

Die Armutsquote ist in den ostdeutschen Bundesländer (mit Ausnahme Berlins) im Vergleich zu vor zehn Jahren etwa gleich geblieben, stagniert aber auf hohem Niveau. Sachsen liegt aktuell bei 18,6 Prozent, Sachsen-Anhalt bei 20,1 Prozent und Thüringen bei 18,9 Prozent. Auf der anderen Seite stieg die Armut den Angaben zufolge in allen westdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Hamburgs und Bayerns "merkbar" an.

Zudem kommen die Herausgeber des Berichts zu dem Schluss, dass die Armutsquote bei allen bekannten Risikogruppen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist. Bei Erwerbslosen liegt sie der Auswertung zufolge bei 59 Prozent, bei Alleinerziehenden bei 44 Prozent, bei kinderreichen Familien bei 25 Prozent. Auch Rentner seien betroffen.

Politik soll einschreiten

Der Paritätische forderte ein energisches Einschreiten des Staats, um die Armutsentwicklung umzukehren. Es sei Zeit für einen "sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel". Es müsse Veränderungen in der Steuer- und Finanzpolitik geben. Zudem müssten Maßnahmen beim Wohnungsbau, in der Arbeitsmarktpolitik und beim Ausbau sozialer Dienste her. "Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder", sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider.

Kritik wegen unterschiedlicher Armuts-Definitionen

In der Vergangenheit gab es an dem Bericht immer wieder Kritik. Im Mittelpunkt standen dabei unterschiedliche Definitionen von Armut. Als einkommensarm wird in dem Bericht jede Person gezählt, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund kritisiert dies am Donnerstag erneut als zu undifferenziert. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg erklärte, diese Einstufung sage nichts über die tatsächliche Situation eines Menschen aus und bedeutete nicht unbedingt, dass die Betroffenen "abgehängt" seien. Als Beispiel nannte er die 2,8 Millionen Studenten: Hunderttausende von ihnen fielen in die umstrittene Armutskategorie, seien aber gesellschaftspolitisch besonders aktiv und sähen sich zu Recht als die zukünftige Leistungselite.

Armut muss nicht Elend bedeuten

Auch Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle kritisiert die Methodik des Berichts. Die Armutsentwicklung ließe sich mit den Zahlen nicht ermitteln. Anstatt auf einem Rekordstand sei die Armut in Deutschland gleichbleibend. Gleichwohl sei es ein Problem, dass besonders Geringqualifizierte, Alleinerziehende und Kranke nach wie vor ein besonders hohes Armutsrisiko hätten.

Der Geschäftsführer des Wohlfahrtsverbandes Schneider verteidigte den Maßstab indessen gegen Kritik. Armut dürfe nicht auf existenzielles "Elend" reduziert werden, sagte er am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin". Sie beginne bereits dort, wo Menschen aus finanzieller Not von ganz normalen Aktivitäten ausgeschlossen würden und am Leben einer Gesellschaft nicht mehr teilhaben könnten. Das drücke die 60-Prozent-Schwelle gut aus.

Armutsquote nach Bundesländern in Prozent 2005 2015
Deutschland 14,7 15,7
Baden-Württemberg 10,6 11,8
Bayern 11,4 11,6
Berlin 19,7 22,4
Brandenburg 19,2 16,8
Bremen 22,3 24,8
Hamburg 15,7 15,7
Hessen 12,7 14,4
Mecklenburg-Vorpommern 24,1 21,7
Niedersachsen 15,5 16,5
Nordrhein-Westfalen 14,4 17,5
Rheinland-Pfalz 14,2 15,2
Saarland 15,4 17,2
Sachsen 19,2 18,6
Sachsen-Anhalt 22,4 20,1
Schleswig-Holstein 13,3 14,6
Thüringen 19,9 18,9

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 02.03.2017 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2017, 18:24 Uhr

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85 Kommentare

04.03.2017 12:21 Kritischer Bürger 85

@Peter 81: DREI PROGRAMMPUNKTE? Na ich habe im letzten Grundsatzprogramm 14 Punkte gelesen. Sie auch oder interessiert es Sie nicht? Wie kommen Sie sonst nur auf DREI?

04.03.2017 12:19 Kritischer Bürger 84

@Peter 81: Das mit dem Politiker in Holland oder der Politikerin in Frankreich muss man nicht in diesem Artikel anführen ohne politische Aussage denn diese Politiker werden noch weniger die deutsche Armut abschaffen als unsere Politiker hier in der Regierungsverantwortung! Seit Jahrzehnte ist der Weg der zunehmenden Armut bekannt nur interessiert es wohl kaum diese heutigen Politiker hier in Deutschland unter Regierungsverantwortung.

04.03.2017 12:11 Kritischer Bürger 83

@Peter 80: Mag es im Wahlkampf um Sozialpolitik gehen doch wie hatte sich nach den Wahlkämpfen von etablierten Parteien der vorherigen Jahre (Jahrzehnte) ohne AfD dann an diesem "sozialpolitischen Wahlkampf gehalten und Punkte daraus erfüllt? @Peter 81: Wer verliert oder verloren hat sehen die Bürger nach dem 24.09.2017 und ggf. bei den danach noch kommenden Bundesländern in denen später gewählt wird. Also nicht so sicher sein mit persönlichen Meinungen und Überzeugungen.

03.03.2017 22:33 Klaus 82

{ Barbara 78 }
Das kann ich nicht nachvollziehen, sowohl für mich als auch für meine Kinder ist das ein Erfolgsfaktor gewesen. Natürlich nicht alleine, das war aber ein wichtiger Baustein und ohne Selbstantrieb und Engagement geht es sowieso nicht.

03.03.2017 21:46 Peter 81

@79 Kritischer Bürger: Nachtrag
Le Pen wird verlieren. Wilders wird verlieren. Die AfD wird in den Landtagswahlen verlieren. Die Partei wird sich zerfleischen.
Im Herbst steht die Frage. Muss Merkel weg?
Die Wähler geben ihre Stimme nicht den Verlierern.

03.03.2017 21:31 Peter 80

@79 Kritischer Bürger: Natürlich weiss ich, dass die AfD nur drei Programmpunkte hat: Flüchtlinge, Griechenland und EU. Sie werden allesamt im Laufe des Jahres von der Bildfläche verschwinden.
Im Wahlkampf wird es um die Sozialpolitik gehen. Allerdings hat die AfD daran überhaupt kein Interesse, da sie mit ihrer neoliberalen Wirtschafts- und Finanzpolitik Antworten bieten kann.

03.03.2017 19:53 Kritischer Bürger 79

@Peter 76: Was Sie erwarten muss doch keine Partei mitmachen! Sie fragten andere User im Kom.60 und schrieben dazu:+...Nennt mir Beispiele, wie die AfD die Armut in Deutschland beseitigen will.....+ Meine Antwort darauf kennen Sie und nun wollen Sie wieder verallgemeinern. Bleiben Sie doch bei der Frage, wie diese Partei die Armut ändern will. =Das ist doch nicht das Problem der Partei-sicher haben Sie das auch erkannt und nun führen Sie aus wie in Ihrem Kommentar 76 nun ersichtlich. Auch hier meine selbe Antwort: Warum soll diese.....usw. Diese Partei hat doch ganz andere Programmpunkte, warum sollte sie sagen das sie NICHTS VERÄNDERN WILL? ***+....Dann sind eben auch Frau Petrys Phantasien, in die bürgerliche Mitte vorzudringen, absurde Gedanken einer größenwahnsinnigen Frau....+*** Warum Phantasien? Man braucht nicht größenwahnsinnige Gedanken (Phantasien) diesbezüglich haben als reine Prodestpartei. Für die etablierten Parteien verlorene Stimmen bedeuten so mehr "FARBE bekennen"

03.03.2017 18:38 Barbara 78

Klaus unsere Schulbildung so wie diese jetzt ist, kannst du auf dem Misthaufen schmeißen, ist leider nichts mehr wert.............. eigentlich sehr traurig , Waldorfschule ist das jetzt mehr nicht......

03.03.2017 18:35 Uwe 77

Ist es nicht schön wie sich die Linksliberalen über das faule Pack äußern ? Da bin ich ja sogar mit der FDP besser dran. Hoffentlich lesen die "Kommentare" möglichst viele.

03.03.2017 18:12 Peter 76

@72 Kritischer Bürger: Wenn die Splitterpartei AfD nichts verändern will, dann sollte sie es auch so sagen.
Dann sind eben auch Frau Petrys Phantasien, in die bürgerliche Mitte vorzudringen, absurde Gedanken einer größenwahnsinnigen Frau.