Cora Wöllenstein ordnet in einem Flagship Store der Brillenmarke
Für besonders Sehschwache gibt es Zuschüsse für Brillengläser künftig wieder auf Rezept. Bildrechte: dpa

Bei mehr als sechs Dioptrien Zuschuss für Brillengläser wieder auf Rezept

Wer schlecht sieht, bekommt für Brillengläser künftig wieder Zuschüsse von der Krankenkasse. Der Bundestag hat dazu das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz verabschiedet. Das regelt auch den Markt für Prothesen und Hörgeräte neu. Eine Zusammenfassung dieser und anderer Änderungen.

Cora Wöllenstein ordnet in einem Flagship Store der Brillenmarke
Für besonders Sehschwache gibt es Zuschüsse für Brillengläser künftig wieder auf Rezept. Bildrechte: dpa

Die Versicherten in den gesetzlichen Krankenkassen sollen künftig besser mit Prothesen, Rollstühlen oder Physiotherapien versorgt werden. Dazu hat der Bundestag ein neues Gesetz beschlossen. Das wird auch von der Opposition gelobt. Das neue Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz tritt am 11. April 2017 in Kraft.


Die wichtigsten Änderungen im Überblick

  • Festbeträge für Brillengläser* auf Rezept für Menschen mit mehr als sechs beziehungsweise mehr als vier Dioptrien, wenn eine Hornhautverkrümmung vorliegt
  • Kassen müssen neben Preis auch auf Qualität von Hilfsmitteln achten
  • Mehr Auswahl für Versicherte bei zuzahlungsfreien Hilfsmitteln
  • Bessere Beratung durch Sanitätshäuser und Apotheken
  • Kassen müssen ihre Hilfsmittelangebote im Internet veröffentlichen
  • Höherer Lohn für Physiotherapeuten, Logopäden und Podologen möglich
  • Therapeuten können selbst über Dauer und Art der Behandlung entscheiden


Zuschüsse für Brillengläser auf Rezept

Was die zahlenmäßig größte Gruppe an Patienten betreffen dürfte: Künftig werden Brillengläser unter bestimmten Voraussetzungen wieder von der Kasse bezahlt. Wer mit mehr als sechs Dioptrien kurz- oder weitsichtig ist, bekommt Zuschüsse für seine Sehhilfe nun also wieder auf Rezept. Bei Menschen mit einer Hornhautverkrümmung reichen mehr als vier Dioptrien.

Hinter den Zuschüsse stecken feste Beträge, die der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen bestimmt. Die Festbeträge variieren, je nach Material und Arbeitsaufwand, zwischen 10 und 112 Euro. Es gibt sie auch nur für die Brillengläser, nicht für das Gestell. Das muss auch weiterhin komplett selbst gezahlt werden.

Eine neue Brille gibt es nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums immer dann, wenn sich die Sehstärke um 0,5 Dioptrien verändert hat.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hatte auf diese Gesetzesänderung hingewirkt und begrüßte die Neuregelung. Damit werde eine gravierende Lücke geschlossen. Dennoch, so merkte er an, liegen die Kosten für Brillengläser meist über den Festbeträgen der Krankenkassen.

Bis 2003 hatten noch alle gesetzlich Versicherten mit Sehschwäche einen Anspruch auf ein Brillen-Rezept. Seitdem gilt für Erwachsene: Nur wer auch mit Sehhilfe maximal 30 Prozent Sehvermögen erreicht, dem zahlt die Kasse auch eine Brille.

Qualität der Produkte zählt – nicht nur der Preis

Modelle von Oberschenkelschaften, Orthesen, Plasten und Polstermaterialien sind 2014 in einer Ausstellung zu sehen.
Modelle von Oberschenkelschaften, Orthesen und Plasten auf einer Messe 2014. Bildrechte: dpa

Das Gesetz sieht aber noch andere, teilweise weitreichende Änderungen vor. So müssen Krankenkassen bei ihren Ausschreibungen für Hilfsmittel wie Prothesen künftig auch die Qualität der Produkte beachten und nicht nur deren Preis.

Außerdem sollen die Patienten eine größere Auswahl zwischen zuzahlungsfreien Hilfsmitteln haben.

Sanitätshäusern und Apotheken wird mit dem Gesetz die Pflicht auferlegt, ihre Kunden besser über die zuzahlungsfreien Angebote der Kassen zu beraten.

Auch die Krankenkassen sollen genauer informieren: Sie müssen fortan ihre Verträge mit den Herstellern im Internet offen legen, sodass die Versicherten über die Angebote der verschiedenen Kassen Bescheid wissen.

Therapeuten mit mehr Verantwortung – und mit mehr Geld

Julia Lier während der Physiotherapie-Ausbildung
Gefragt: Physiotherapeuten in der Ausbildung Bildrechte: MDR/Thomas Pasold

Für Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten ist das Gesetz eine gute Nachricht: Mit ihnen können die Kassen höhere Löhne vereinbaren – vorerst drei Jahre lang, eine Art Testlauf.

Bislang war das Gehalt der ausgebildeten Therapeuten an die Durchschnittslöhne aller Krankenkassen-Mitglieder gekoppelt.

Die Deckelung wird nun aufgehoben – dem Gesundheitsministerium zufolge, um den wachsenden Anforderungen an die Berufe gerecht zu werden und um sie attraktiver zu machen.

Tatsächlich bekommen Physiotherapeuten und Angehörige vergleichbarer Gewerke mit dem neuen Gesetz mehr Verantwortung: Möglich sind künftig sogenannte Blankoverordnungen. Das bedeutet, dass der Arzt zwar eine Therapie verschreibt – darüber, welche Behandlung dann erfolgt und wie lange sie dauert, entscheiden die Therapeuten aber selbst.

Minister: Wichtiges Gesetz in älter werdender Gesellschaft

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe betonte, wie wichtig es sei, dass Versicherte die richtigen Hilfen bekämen. "In einer älter werdenden Gesellschaft wird die Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln immer wichtiger", erklärte er.

Lob gab es für Gröhes Gesetz vom Spitzenverband der Heilmittelverbände. Dieser teilte mit, dass die flächendeckende Versorgung der Patienten mit Heilmitteln gefährdet sei, wenn nicht mehr Geld und mehr Eigenverantwortung in das System fließe. Dem trage die Bundesregierung durch das neue Gesetz Rechnung.  


In einer früheren Version des Artikels sprachen wir unspezifisch von der „Brille auf Rezept“. Um Missverständnisse zu vermeiden muss es heißen „Brillengläser auf Rezept“. Seit dem 11. April 2017 gibt es von der Krankenkasse in bestimmten Fällen Zuschüsse für Brillengläser. Das Gestell muss nach wie vor aus der eigenen Tasche gezahlt werden. Wir haben den Artikel entsprechend überarbeitet.


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 18.02.2017 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2017, 23:07 Uhr

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15 Kommentare

21.02.2017 07:08 SCHWETLING 15

Also auch menschen mit einer augenschwäche von 3 dioptrien
Können ohne brille nix sehen und auch diese müssen viel für ihre brille zahlen
Was ist mit den armen Rentnern oder sozial schwachen?? Die müssen sehen (oder auch nicht) wo sie bleiben
Ich finde das falsch!!!!!

20.02.2017 08:16 Beate K. 14

Warum die falsche Schlagzeile "Brille gibt es bald WIEDER auf Rezept". Seit 1962 gab es lediglich mal einen Zuschuss von 20 DM pro Glas...im LETZTEN Satz heißt es hier auch "Der Bundestag hat neu geregelt..Für gesetzlich Versicherte....gibt es einen Zuschuß". Bei 6 Dioptrie müssen schon mal leicht 1000 € für eine Brille bezahlt werden. Entscheidend ist jetzt die Höhe des Zuschusses...80 % wie bei anderen Leistungen? für eine völlig unverschuldete Erkrankung...ansonsten sehe ich hier nur Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017.

20.02.2017 08:12 Jenaer 13

@Mölle:
Leider ist es eben nicht so, dass die Preise bei nur einer Krankenkasse stabil bleiben würden. Die exklusive Monopolstellung würde diese Kasse dazu "animieren" die Versichertenbeiträge nach Belieben "anzupassen". Gerade der Wettbewerb zwischen den einzelnen Kassen zwang diese dazu ihren vor Jahren eingeführten Zusatzbeitrag wieder zurückzunehmen.

20.02.2017 05:54 Mölle 12

Da sieht man es mal wieder am Beitrag von Nummer 9 Brigitte Rack,das es andere Länder eben doch besser machen.In Deutschland wird nur noch Lobbyistenpolitik betrieben,deswegen funktioniert hier nichts mehr außer das der Geldbeutel der Reichen immer voller wird.Eine Private Zusatzversicherung die auch noch vom Arbeitgeber übernommen wird! In Deutschland wird es das wohl nie geben.Ein Beispiel ist der Mindestlohn,wie lange hat denn das in Deutschland gedauert bis der mal eingeführt wurde,wo andere Länder wie auch Frankreich den schon ewig haben,naja und in welcher Höhe der eingeführt wurde ist ja geradezu lächerlich,denn trotz Mindestlohn müssen viele sich noch ergänzendes Hartz 4 vom Amt holen und sich nackig machen damit sie das bekommen.Also ich bin froh das ich Dreiviertel meines Lebens rum habe,um nicht noch ewig in dieser kalten Deutschen Gesellschaft leben zu müssen.

20.02.2017 01:21 Wacht am Rhein 11

Da könnte man mit dem Zahnersatz gleich weiter machen, aber wir wissen ja, wen wir mit unserer KV alles mit durchschleifen und das schon seit Jahren und jetzt mit Merkel vermehrt, darum werden auch die Leistungen für uns immer geringer, Lug und Trug ist das alles und @ Rack 9, einer Zusatzversicherung, würde es ohne Leistungen an Nichteinzahler gar nicht bedürfen. Unser System wird seit Jahrzehnten ausgehöhlt.

19.02.2017 23:23 Verschwommene Sicht 10

Ich habe in dieser gesundheitspolitisch verschwommenen Republik das Glück, einen Augenarzt zu haben, der meinen Grauen Star auf beiden Seiten operiert. Meine bisherigen Brillengläser, die mich 700 Euronen gekostet haben, kann ich wegwerfen, denn ich benötige eine völlig neue Garnitur. Wie die Berechtigungsparameter für einen normalen Brillenpreis zustande kamen, weiß nur der Herr Gesundheitsminister. Das heißt, er weiß das auch nicht, denn er erhält im Fall des Falles seine Kosten vom Steuerzahler voll ersetzt. Ich dagegegen bin nur ein gesetzlich versicherter Rentner.
Dass die Hörgeräte zeitgleich auch "abgelaufen" sind, ist Peanuts, denn die "gesetzlichen Rentner" in dieser BRD sind ja reich!!
Ich hatte zwar erhofft, dass die angeblich links präferierte Landesregierung im Rahmen ihrer Möglichkeiten die soziale Lage der tatsächlichen Rentner verbessert, jedoch sehe ich die Präferenz der dominanten grünen "Gutmenschen".
Nein, die hatte ich nicht gewählt!

19.02.2017 20:53 Brigitte Rack 9

So ein Glück: ich lebe in Frankreich. Da gibt es nur eine gesetzliche Krankenversicherung ("URSSAF"), die auch nur 60% von allem bezahlt, aber fast jeder Franzose hat eine "Mutuelle", eine private Zusatzversicherung, die man je nach nach Gusto und Leistungswunsch abschliessen kann, und die oft (wie auch in meinem Fall) auch noch vom Arbeitgeber übernommen wird. Ich habe eine neue Gleitsichtbrille (ohne extreme Fehlsichtigkeit), voll übernommen durch Krankenkasse und Mutuelle: 600 Euro. Und eine kostenlose Lesebrille in entsprecher Stârke noch dazu. Wann kommen die Deutschen mal auf dieses System?

19.02.2017 19:03 dentix07 8

@ luise
Glaubst Du wirklich mit 1 Krankenkasse würde irgendwas billiger? Zur Erinnerung: Bei der alten Monopolpost kostete eine Festnetzminute (!) 20 Pfg (= 10 Cent)! Soviel kostet heute nicht mal die Mobilminute! Tastentelefon! Verschlafen! Und dann teuer! Ohne Trennung und Privatisierung hätten die auch Mobilfunk und Internet verpennt!

19.02.2017 17:19 luise 7

Die Armut steigt in Deutschland, weil nur noch Politik im Sinne der oberen 10.000 gestaltet wird.....alles richtet sich im Westen an dieser Gruppe aus....die auch im Besitz der Konzerne sind und die Politik vor sich hertreiben.

In den 80er Jahren gab es in Deutschland 20 Millardäre heute sind es über 120 Millardäre (nicht alle tauchen in Listen auf)

Das Problem des Sozialstaates ist.....das immer weniger Menschen diesen finanzieren sollen, während sich die Oberschicht geschickt aus dem System klingt. Wir brauchen auch nicht 30-40 verschiedende gesetzliche Krankenversicherungen.......wir brauchen eine einzige Krankenversicherung für alle.....am besten unbürokratisch und automatisch....den Vermögenden sei dann zugebilligt sich private Extrawürste zu schaffen.....wenn sie meinen das 5 Liter Botox im Gesicht die Lebensqulität steigern.

19.02.2017 16:10 Busch 6

Tolle Nachricht von Rezept der Brille aber trotzdem werde ich von dieser Regelung fern ab sein.
Ich muss weiterhin mit meinen Arbeitslosengeld 2 meine Brille vollbezahlen. Da bekomme ich nichts von Krankenkasse oder Jobcenter den Betrag zurück erstattet. Das fällt ja jetzt schon schwer alles von Arbeitslosengeld 2 zu finanzieren.