Eine Ergotherapeutin spricht mit einer alten Frau.
Die DAK hat Angehörige von Demenzkranken zur Situation bei der Betreuung gefragt. Bildrechte: dpa

DAK-Pflegereport Angehörige wünschen sich WGs für Demenzkranke

Derzeit leben in Deutschland rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz - in 30 Jahren könnten es doppelt so viele sein. Die Pflegereform hat Verbesserungen für die Betreuung von Demenzkranken gebracht. Doch eine Umfrage zeigt, dass sich weiter viele Angehörige bei der Pflege überfordert fühlen. Überraschend sind auch die Aussagen zur besten Betreuungsform.

Eine Ergotherapeutin spricht mit einer alten Frau.
Die DAK hat Angehörige von Demenzkranken zur Situation bei der Betreuung gefragt. Bildrechte: dpa

Angehörige sind bei der Pflege dementer Familienmitglieder oft überfordert. Das geht aus dem neuen Pflegereport der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervor. Sechs von zehn Befragten sehen sich am Ende ihrer Kräfte. Selbst im weiteren Familienumfeld gab jeder Dritte an, oft erschöpft zu sein.

Neun von zehn Angehörigen fordern mehr Unterstützung - vor allem finanziell. Zwei von drei möchten mehr Unterstützung durch professionelle Dienste. 60 Prozent erwarten für sich und ihre dementen Familienmitglieder mehr Selbsthilfe-, 42 Prozent mehr Informationsangebote. Jeder dritte pflegende Angehörige hofft auf mehr Unterstützung durch Freiwillige und bezahlbare Möglichkeiten, sich von privaten Pflegekräften unterstützen zu lassen.

Wie sich Angehörige von Demenzkranken beeinträchtigt fühlen
Wie Demenz in der Familie Angehörige beeinträchtigt Bildrechte: Bavaria Entertainment GmbH

Der Report belegt zugleich erstmals, dass jeder Fünfte Wohngruppen für die beste Betreuungsform Demenzkranker hält. Laut der Studie gibt es außerdem Defizite in Diagnostik und Versorgung. Für den Pflegereport hat das AGP Institut Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg untersucht, welche Erfahrungen, Erwartungen und Ängste die Bürger zum Thema Demenz haben.

Viele halten gutes Leben mit Demenz für möglich

Als überraschendes Ergebnis wertete DAK-Chef Andreas Storm die positive Haltung vieler Menschen zu Demenz: 39 Prozent stimmten dieser Aussage zu.

Mehr als 80 Prozent aller Befragten wünschen sich jedoch auch mehr Anerkennung für Angehörige und mehr Respekt gegenüber Erkrankten. Storm ruft dazu auf, die Krankheit als soziale Tatsache zu akzeptieren und zu lernen, Betroffene mitsamt ihrer Persönlichkeit zu respektieren:

Menschen mit Demenz haben das gleiche Recht auf Würde, Selbstbestimmung und ein sinnerfülltes Leben wie wir alle.

DAK-Chef Andras Storm

Wunschgemäße Betreuung derzeit kaum machbar

Knapp jeder vierte Deutsche hat schon Angehörige mit Demenz begleitet. Gut zwei Drittel der Dementen haben laut Befragung in ihrem eigenen Zuhause gelebt.

Bei der Frage, welche die beste Art der Betreuung und Unterbringung ist, herrscht Unsicherheit. Gut ein Drittel der Befragten mit Demenzerfahrung halten den vertrauten Haushalt für den besten Ort für Menschen mit Demenz.

DAK-Umfrage: Bester Ort zur Pflege Demenzkranker
DAK-Umfrage: Was ist der beste Ort zur Betreuung von Demenzkranken? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

22 Prozent sehen ambulant betreute Wohngruppen für die bessere Alternative. Der Rest sprach sich für gute Pflegeheime oder die Betreuung bei Angehörigen aus.

Pflegeexperte Thomas Klie, der den Report wissenschaftlich begleitet, sieht einen großen Widerspruch zwischen Wünschen der Angehörigen und Realität. In betreuten Wohngemeinschaften leben aktuell nur knapp zwei Prozent der Demenzkranken. Solche WGs gibt es nur in wenigen Regionen.

Storm will Kliniken zu Pflegekompetenzzentren machen

DAK-Chef Storm fordert neue Wege. Er schlägt vor, nicht mehr benötigte Krankenhäuser in Pflegekompetenzzentren umzuwandeln. Dort können Angebote von der Beratung über spezialisierte Wohngruppen bis zur Kurzzeitpflege unter einem Dach gebündelt werden. Grenzen zwischen ambulanter Pflege, Geriatrie und Pflegeheimen würden überwunden. Gerade im kommunalen und ländlichen Bereich könnte so die Pflege gestärkt werden. Das nutze sowohl den Pflegebedürftigen als auch ihren Angehörigen.

Defizite in Versorgung und Diagnostik

Ein Klebezettel mit dem Schriftzug "Herd aus?" klebt an einem Herd
Demenzkranke benötigen mehr Betreuung - und die ist teuer. Bildrechte: dpa

Auch die Auswertung von Patientendaten im DAK-Report offenbart Handlungsbedarf: Fast alle Demenzpatienten (95 Prozent) werden nach ihrer Diagnose mindestens einmal pro Quartal ärztlich behandelt. Drei von vier müssen im Jahr nach der Diagnose ins Krankenhaus - auffallend häufig wegen Flüssigkeitsmangel, Oberschenkelbruch oder Delirium.

Studienautor Klie wertet das als Hinweis, dass die Versorgung Demenzkranker nicht optimal sei. Auch die Diagnostik sei nicht immer klar genug, um die beste Versorgung sicherzustellen. Klie zufolge werden fast zwei Drittel der Erstdiagnosen von Demenz nicht auf Basis adäquater Leitlinien gestellt.

Mit Demenzzahlen steigen Kosten

Neben der Bedeutung für Betroffene und Angehörige geht der Pflegereport auch auf den Einfluss von Demenzdiagnosen auf das Gesundheitssystem ein: Die Kosten für einen Patienten in Kranken- und Pflegeversicherung steigen demnach nach einer Demenzdiagnose um 89 Prozent. Laut DAK sind es im Jahr vor der Diagnose im Schnitt 12.800 Euro, im Jahr danach 24.100 Euro. Vor allem der Anteil der Pflegeleistungen steigt demnach von einem Drittel auf rund 42 Prozent der Gesamtkosten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 26.10.2017 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2017, 10:00 Uhr

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