Stephan Brandner von der AfD
Stephan Brandner von der AfD Thüringen. Er sitzt demnächst im neuen Bundestag. Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Der neue Ton im Bundestag Thüringens wütendster Abgeordneter stammt von der AfD und ist bald im Parlament

Die erste Hochrechnung zur Bundestagswahl war gerade eine Minute alt, da kündigte Thüringens AfD-Chef Björn Höcke an: Die AfD habe den Wählerauftrag erhalten, Deutschland kulturell und sittlich zu erneuern. Wie diese neue Sitte klingen könnte, das lässt sich seit drei Jahren im Thüringer Landtag hören. Vor allem AfD-Mann Stephan Brandner fällt hier auf. Nun ist er Bundestagsabgeordneter.

von Ludwig Bundscherer, MDR AKTUELL-Thüringen-Korrespondent

Stephan Brandner von der AfD
Stephan Brandner von der AfD Thüringen. Er sitzt demnächst im neuen Bundestag. Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Den bisherigen Bundestagsrekord hält SPD-Urgestein Herbert Wehner – 77 Ordnungsrufe hat Wehner in Jahrzehnten als Abgeordneter gesammelt, für Worte wie Lümmel, Strolch oder Schleimer.

Thüringens AfD-Spitzenmann Stephan Brandner hat gute Chancen, den alten Beleidigungsrekord einzustellen. Denn Brandner liebt das verbale Trommelfeuer. FDP-Chef Christian Linder nennt er beispielsweise die "wandelnde Matratze der Altparteien-Landschaft".

Kanzlerin Angela Merkel nennt er nur "die Fuchtel". Für sie bringt er einen Plan mit in den Bundestag. Brandner sagte bei einem Wahlkampfauftritt an Merkel gerichtet: "Anklagen. Einknasten. So."

Nicht nur den politischen Gegner greift der AfD-Mann aus Thüringen verbal an. Eine syrische Kleinfamilie besteht für ihn aus "Vater, Mutter - und zwei Ziegen."

Diese Beispiele stammen von Wahlkampfauftritten – aber auch im Thüringer Landtag vergreift sich Brandner gerne einmal im Ton.

Diffamierungen, Beleidigungen oder Sexismus vom Rednerpult gibt es von ihm immer wieder. Er sagte im Erfurter Parlament:

Es gibt Leute draußen, wenn man denen die Grünen näherbringt, dann sagen die: Da fallen mir immer nur 3 Ks ein: Klimaschutz, Koksnasen, Kinderschänder.

Stephan Brandner, AfD Thüringen

Beispielsweise die Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Madleine Henfling. Ihr wirft er im Landtag an den Kopf: "Frau Henfling, wenn ich Sie sehe, dann ziehe ich mir die Hose das nächste Mal runter. Was halten Sie denn davon? - So. Der war nochmal gut oder?!" Die Grünen-Abgeordnete reagiert mit einem "Ekelhaft!" Madleine Henfling hatte Herrn Brandner zuvor aufgefordert, seine Hose hochzuziehen.*

Brandners Reservoire an Beleidigungen ist damit aber noch längst nicht ausgeschöpft. An den Linken-Abgeordneten Steffe Harzer gerichtet sagte er: "Warum meint man immer, es wäre ein Nilpferd im Haus, wenn der Harzer ausatmet? Das weiß ich auch nicht."

"Un Jong Kin" - oder Kim Jong-Un

Oder er äußert sich so: "Ich weiß nicht, wie bei dem Un Jong Kin oder wie der da heißt, wie das da in Nordkorea organisiert ist, aber der wird auch so eine ähnliche Type wie Herrn Hoff da sitzen haben, der das ähnlich regelt ..." Brandner meint den Chef der Thüringer Staatskanzlei Benjamin-Immanuel Hoff.

Landtags-Vize Margit Jung versucht einzugreifen. Die Linken-Politikerin ist eine Art Erzfeind von AfD-Mann Brandner. Sie hat ihm 23 seiner 32 Ordnungsrufe verpasst. Sie sagte beispielweise:

Was Sie hier machen, hat nichts mit ihrem Gesetzentwurf zu tun! Sondern mit Beleidigung von in diesem Haus anwesenden Menschen und Abgeordneten und Ministern.

Margit Jung (Die Linke), Vizepräsidentin des Thüringer Landtags

Brandner entgegnete: "Ich bedanke mich untertänigst für Ihre wertvollen Hinweise, Frau Präsidentin, und werde sie ab jetzt beherzigen."

Daraufhin gab es für Brandner den dritten Ordnungsaufruf. Jung begründete dies mit "weil ich Sie ermahnt haben, mich nicht zu kommentieren. Und jetzt verlassen Sie das Rednerpult! Und den Raum!" Drei Ordnungsrufe in einer Sitzung führen zum Rausschmiss, Brandner musste schon zwei Mal gehen.

Viele Ordnungsrufe in dieser Legislatur

Seit die AfD in den Thüringer Landtag eingezogen ist, hat sich das Niveau verändert. Das merkt auch Landtagspräsident Christian Carius. Er sagt: "Wenn Sie allein die Ordnungsrufe nehmen: 93 Ordnungsrufe in dieser Legislaturperiode, die noch nicht zur Hälfte rum ist!" Im Gegensatz dazu habe es in der gesamten vergangenen Legislaturperiode insgesamt 42 Ordnungsrufe gegeben.

Carius merkt an: "Wir haben unsere Praxis nicht verändert. Das finde ich schon etwas bedenklich." Carius sagt zwar auch, eine zugespitzte Debatte sei gut für den Parlamentarismus, aber das Parlament habe auch eine Vorbildfunktion.

Brandner in der AfD-Parteizeitung

Als vorbildlich sieht die Thüringer AfD wiederum die Verbalattacken ihres Spitzenmanns Brandner. In der Parteizeitung lobt man die Vielzahl der Ordnungsrufe damit, dass Brandner nichts als die unbequeme Wahrheit ausspreche. Mit der gleichen Energie und Redegewandtheit werde er Missstände im Bundestag aufdecken.

*Redaktionelle Anmerkung: In einer früheren Fassung des Artikels fehlte, in welchem Kontext die Bemerkung von Stephan Brandner gefallen ist. Das haben wir nachträglich eingefügt. Da der Kontext in dem Audio fehlt, wurde es aus der Mediathek entfernt.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 26.09.2017 | 04:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2017, 19:13 Uhr

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51 Kommentare

27.09.2017 13:18 Wessi 51

[Wegen des Verstoßes gegen unsere Richtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) wurde dieser Kommentar entfernt. Die MDR.de-Redaktion]

27.09.2017 08:11 Norbert 50

[Wegen des Verstoßes gegen unsere Richtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) wurde dieser Kommentar entfernt. Die MDR.de-Redaktion]

27.09.2017 04:06 Querdenker 49

@Dorfbewohner 42 - - - Ergänzung zu ihrem Beitrag: Der Ruf „Wir sind das Volk“ war 1989 keine quantitative Aussage, sondern der Ruf nach mehr Mitbestimmung und Demokratie Richtung Politiker gewesen. Insofern kann der Ruf auch heute noch aktuell sein.

26.09.2017 01:31 007 48

@ I. Maier 43 ... Zu einem LSD Trip kann ich ihnen nichts sagen. Die einzigen Drogen die ich konsumiere sind flüssige Genussmittel. Also sagen wir lieber Euphorie. Ich freue mich über ihre Anteilnahme an meinen Kommentaren H. Maier ohne Ei. Erstaunlich was bei ihnen alles hängengeblieben ist. Dann werden sie meine zutreffenden Vorhersagen zu dieser Wahl neidlos anerkennen. Von einer Kanzlerin Alice Weidel hatte ich zwar noch nichts geschrieben, aber jetzt wo sie es sagen. Stimmt alles im grünen Bereich, alles möglich und mit der Union als Junior Partner. Hahaha, tja nur wenige Menschen sind stark genug um die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit zu hören. Wie sagt Erasmus? Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit ...

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26.09.2017 23:15 007 47

Oha der Wessi kennt sich in Leipzig Connewitz aus u über das Wahlverhalten im Osten auch noch. Nur Fachleute u Experten hier in der Runde. Da bekomm ich als Sachse richtig Komplexe. Ich staune immer wieder wie bewandert u schlau doch unsere Landsleute in den gebrauchten Ländern sind. Wie gut die sich hier mit den Menschen auskennen. Mein Gott wie rückständig wir in Mitteldeutschland alle waren u noch sind. Nach der Wende hießen die neuen Bundesländer Busch u heute Dunkeldeutschland, dass sagen jedenfalls unsere hoch gebildeten demokratischen Politiker über uns. Aber nach dieser BT-Wahl hat"s klick gemacht, etwas ist anders. Das wäre auch viel zu viel 13% Nazis in Deutschland. Über 12% Nazis in Bayern. Das sind jetzt komischerweise Protestwähler. Interessant, in Sachsen, Anhalt+ Thüringen auch? Und Pegida, sind die jetzt auch rehabilitiert u vom Nazivorwurf freigesprochen. Mir geht es nur um den künftigen Sprachgebrauch der Medienvertreter u der Politiker im geografischen Westen ...

26.09.2017 22:08 Ullrich 46

@Kritischer Bürger
Vergleichen sie einfach Mal das Ergebnis der Landtagswahl Sachsen Anhalt und das Ergebnis der btw im Land Sachsen Anhalt. Sie kommen drauf!
Und wenn weniger als 2000 besorgte in Dresden schreien sie wären das Volk muß man einfach einmal darauf hinweisen auf #87 Prozent!

26.09.2017 22:00 Ullrich 45

@007
Die entscheidende Frage wollen so offensichtlich nicht beantworten. Aber ist schon okay - würde ich auch nicht machen, wenn 60% ihrer Partei diese aus Protest gewählt haben. Beschäftigen sie sich einmal mit der Geschichte der Schill Partei. Könnte heilsam für sie sein.

26.09.2017 21:53 Wessi 44

@ 39 007 das sagen Sie mal den 86% die in meinem Umfeld gewählt haben...ach ja,3,9% AfD- im Stadtteil unter 5%.AfD-Wähler gehören zum Volk, aber sie sind es eben nicht, auch wenn es gebetsmühlenartig wiederholt wird.Und wie kommen Sie darauf,daß alle Nichtwähler potentielle AfD-Wähler sind?Haben sie Belege?Und sagen Sie das mal den Nichtwählern in Connewitz,auf der Schanze.Denken Sie mal in der Richtung wie Wessis ticken.Und dann reden wir weiter.

26.09.2017 21:31 I. Maier 43

@ 39 007: Zitat "... aber ich bin z. Z. voll auf den AfD Trip ..." Das glaube ich unbeschrieben. Allerdings bereits seit langer Zeit vor der BT-Wahl; eigentlich seit vielen Monaten. Nun ist die Frage, ob dieser Trip besser ist als LSD? Ihre zukünftige Kanzlerin Petry wird geschasst, nach dem Brexit haben Sie mir den Ausstieg der Niederlande, Frankreich usw. vorhergesagt und nun ist die AfD mit gerade einmal knapp 13% im BT, da sind Sie vollkommen high. Ich zitiere Sie nochmals:
"... unsere AfD wird sehr schnell und gründlich liefern ..."
Na klar, neue Abgeordnete im BT. Die, wie Brandner bereits im LT, nun liefern: Endlich eine Diskussionskultur abseits von gesellschaftlichen Regeln. Da haben die Wähler drauf gewartet. Naja nur knapp 13%.

26.09.2017 21:30 Dorfbewohner 42

Pro und Kontra streiten sich um “Wir sind das Volk”!

Dazu vielleicht mal so nebenbei(wenn’s dem MDR genehm ist).
Nach meinem Verständnis stammt dieser Spruch aus der Zeit des Umsturzes 1989 und mit “Volk” waren nicht verallgemeinernd alle 16 Mio. normale DDR-Bürger gemeint sondern bezeichneten

‘sich die hier und momentan demonstrierenden Durchschnittsbürger im Protest gegen die da oben(wie Honecker, Mielke…und Co.)’.

Wenn es anders gesehen wird, schlage ich vor sich über diese Begrifflichkeit erst mal zu einigen, würde viel Streit unnötig machen oder auch vielleicht manches klären.