Abgasskandal - Hintergrund Alle nicht sauber

Seit VW vor zwei Jahren mit seinem Diesel-Betrug aufflog, hat sich das Thema zum Skandal der gesamten Branche ausgeweitet. Fast alle deutschen Automobilkonzerne stehen mittlerweile im Fokus von Ermittlern. Am tiefsten drin stecken nach wie vor VW und Audi.

Qualmender Autoauspuff
Die deutsche Autoindustrie steckt tief im Strudel des Abgasskandals. Bildrechte: IMAGO

Als VW im September 2015 in den USA mit seinem Diesel-Betrug aufflog, war dies der Ausgangspunkt für "Dieselgate". Seitdem ist immer klarer geworden: Beim Versuch, den Diesel zu säubern, hat sich die ganze Branche schmutzig gemacht. Die Autobauer im Diesel-Check:

VW

Vor den Behörden in den USA gestand VW Betrug ein: Mit einem "Cheat Device", einer Abschaltvorrichtung für die Abgasreinigung, hat man Behörden und Verbraucher an der Nase herumgeführt. Die Vorrichtung erkennt, wenn ein Auto auf einem Prüfstand auf Schadstoff-Emissionen getestet wird, und schaltet dann auf einen schadstoffarmen aber den Motor stärker belastenden Labormodus um. Wer im Konzern den Betrug zu verantworten hat und wer wann davon wusste, das untersuchen immer noch die Staatsanwälte.

Der Skandal sorgte bei dem Wolfsburger Konzern für die Entmachtung von Vorstandschef Winterkorn, er führte zeitweilig zu Umsatzeinbrüchen und sorgte für eine strategische und personelle Neuausrichtung. Überwunden hat der Konzern den Skandal aber noch lange nicht, auch gegen den neuen Vorstandschef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch laufen Ermittlungen.

Betroffen waren damals vor allem Dieselmotoren mit der Abgasnorm "Euro 5". Die 1,6- und 2,0-Liter-Motoren steckten weltweit in elf Millionen Kompakt- und Mittelklassefahrzeugen. Betroffen waren aber auch größere Motoren der Euro-6-Norm. Diese Norm ist noch weitaus strenger. Motoren, die sie erfüllen sollen, müssen mit anspruchsvollen Vorrichtungen zur Abgasreinigung ausgestattet werden.

Audi

Eine der Möglichkeiten zur Abgasreinigung ist das Hinzufügen einer Harnstofflösung zu den Abgasen, die Stickoxide filtert. Die Flüssigkeit ist bekannt unter "AdBlue", einem Markennamen, den sich der deutsche Verband der Automobilindustrie hat schützen lassen. Vorreiter bei der AdBlue-Technologie war unter anderem Audi, das damit die Fahrzeuge seiner Reihe "Clean Diesel" ausstattet.

Das Problem bei der Technologie ist, dass der AdBlue-Harnstoff den Motoren reichlich zugeführt werden muss. Dies bedeutet, dass entsprechend große Tanks verbaut werden müssen oder man die Infrastruktur zum schnellen Nachfüllen vorhält. Letzteres hatte man vor allem in Amerika als Problem erkannt: Tankstellen dort mit AdBlue-Nachfüllmöglichkeiten auszustatten, hätte große Investitionen erfordert. Und Platz für einen weiteren großen Tank gibt es in modernen Pkw gleich gar nicht. Laut Süddeutscher Zeitung formulierte man bei Audi das Ziel, maximal einen Liter AdBlue pro 1.000 Kilometer zu verbrauchen. Die Zielvorgabe war für die Ingenieure nicht zu erreichen.

Die Ermittlungen und die jüngsten Enthüllungen legen zudem nahe, dass Audi beim Einsatz von Manipulationssoftware konzernweit eine Vorreiter-Rolle eingenommen hat. Gegen Audi laufen umfangreiche Ermittlungsverfahren, ein Manager des Unternehmens wurde wegen des Verdachts auf Betrug und unlautere Werbung festgenommen.

Porsche

Das Porsche Kundenzentrum des Porsche Werks Leipzig
Porsches Cayenne wird im Leipziger Werk zusammengeschraubt. Bildrechte: dpa

Wie alle VW-Töchter partizipiert auch Porsche vom konzernweiten Materialaustausch des Konzerns. Die Motoren für viele Modellreihen etwa kommen von Audi, werden vom Stuttgarter Autobauer lediglich noch an die eigenen Modelle angepasst. Eines dieser Modelle ist der Cayenne. Über einen Cayenne mit Audi-Motor hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt am 27. Juli ein Zulassungsverbot und einen Rückruf verfügt. Zuvor hatte Porsche selbst Auffälligkeiten bei Tests mit dem Fahrzeug gemeldet.

Anders als bei dem VW-Betrug mit Fahrzeugen der Euro-5-Norm in den USA ist der Fall bei den AdBlue-Motoren rechtlich allerdings schwieriger zu bewerten. Denn der Gesetzgeber räumt den Ingenieuren hier die Abschaltung der Abgasreinigung im Normalbetrieb für kurze Zeiträume ein. Dies sind die sogenannten "Thermofenster" bei starker Belastung und hohen Außentemperaturen, in denen Motoren starken Belastungen ausgesetzt sind. Hierfür sind Abschalteinrichtungen notwendig - und legal.

Daimler

An einer Feinstaub-Messstation fahren 2013 Fahrzeuge vorbei.
Misst sehr zuverlässig hohe Stickoxid-Werte: die Feinstaub-Messstation am Stuttgarter Neckartor. Bildrechte: dpa

Auf diese Thermofenster beruft sich auch die Daimler AG um auffällige Messwerte bei Mercedes-Pkw zu erklären. Denn auch der andere große Stuttgarter Autobauer steht im Fokus der Ermittler. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wirft Daimler vor, noch bis 2016 etwa eine Million Fahrzeuge verkauft zu haben, in denen die Abschalteinrichtung auf illegale Weise zum Einsatz kommt.

Allein schon mit den beiden ansässigen Autobauern, die Probleme mit ihren Diesel-Motoren haben, ist Stuttgart ein Hauptschauplatz der Diskussion um den Diesel. Mit dem Neckartor ist sie die Diesel-Kampfarena schlechthin. Das Neckartor gilt als Deutschlands schmutzigste Kreuzung, zuverlässig wird hier eine erhöhte Stickoxid-Belastung gemessen. Umweltverbände fordern in der Umweltzone Stuttgart schon lange die Möglichkeit, Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge auszusprechen. Ende Juli hat das Verwaltungsgericht den Weg dafür frei gemacht.

BMW

Als letzter deutscher Autobauer ist auch BMW in den Abgasskandal verwickelt worden. Im Juli berichtete "der Spiegel" über ein mögliches Kartell, das Audi, Mercedes, VW, Porsche und eben BMW gebildet haben sollen. Dabei seien auch Absprachen zur Größe von AdBlue-Tanks abgesprochen worden. Ein Bericht der "Bild am Sonntag" legt den Verdacht nahe, dass auch BMW mit unterschiedlichen Betriebsmodi bei Motoren experimentiert habe. Laut Spiegel ist BMW jedoch der einzige Autobauer, der höhere Produktionskosten in Kauf genommen und seine Motoren um eine weitere Reinigungskomponente ergänzt habe - einen Speicherkatalysator.

Weitere Verdächtige und die eine Ausnahme

Die Kartellvorwürfe wiegen für die deutsche Autobranche schwer, sie schwächen sie im internationalen Wettbewerb. Betroffen ist mit Bosch auch ein Zulieferer. Bosch soll an der Entwicklung der Abschaltsoftware beteiligt gewesen sein.

Lediglich Opel muss sich derzeit nicht mit Betrugs-Anschuldigungen auseinandersetzen. Im April stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt Vorermittlungen gegen Opel ein. Die Deutsche Umwelthilfe hatte den Autobauer 2016 angezeigt. Opel hatte mehrfach betont, keine Abschalt-Software einzusetzen.

Dabei sind es nicht nur die Deutschen, die unter Manipulationsverdacht stehen. In Frankreich werden entsprechende Ermittlungen gegen Renault sowie den Konkurrenten und mittlerweile Opel-Eigner PSA Peugeot Citroën geführt. Auch der italienisch-amerikanische Fiat-Chrysler-Konzern hat seine Diesel-Affäre, steht ähnlich wie VW in den USA unter Anklage. In einigen Fiat- und Chrysler-Modellen stellt der Motor die Abgasreinigung ein, sobald der Motor warm ist.

Über dieses Thema berichtet MDR aktuell auch im: Fernsehen | 31.07.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. August 2017, 11:47 Uhr