In der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (LEA) in Karlsruhe (Baden-Württemberg) werden am 18.08.2015 von einem Flüchtling Fingerabdrücke genommen.
Ist mit Fingerabdruckscanner jeder eindeutig identifizierbar? Die Meinungen gehen auseinander, denn die Daten sind oft ungenau. Bildrechte: dpa

Fehlerhafte Fingerabdrücke von Asylbewerbern Kriminalbeamte: "Blamage für Rechtsstaat"

Nach dem Hamburger Attentat wird über schärfere Abschieberegelungen für Asylbewerber diskutiert. Ein Grundproblem ist, Asylbewerber zweifelsfrei zu identifizieren. So war der Attentäter von Berlin mit 14 verschiedenen Identitäten unterwegs. Um das zu verhindern, setzt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seit 2016 neue Fingerabdruckscanner bei der Registrierung ein. Doch Recherchen der ARD im März haben gezeigt, dass viele Abdrücke unbrauchbar sind.

von Bettina Meier, ARD-Hauptstadtstudio

In der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (LEA) in Karlsruhe (Baden-Württemberg) werden am 18.08.2015 von einem Flüchtling Fingerabdrücke genommen.
Ist mit Fingerabdruckscanner jeder eindeutig identifizierbar? Die Meinungen gehen auseinander, denn die Daten sind oft ungenau. Bildrechte: dpa

"30 Prozent aller erkennungsdienstlichen Behandlungen von Asylbewerbern weisen Qualitätsmängel auf, weil sie zu dunkel, verwischt oder unvollständig sind. Eine fehlerfreie Bereitstellung in allen relevanten Systemen ist nicht möglich." Die Aussage im Schreiben von Sicherheitsbehörden, das dem WDR vorliegt, hatte für Wirbel gesorgt. Vier Monate später ist das Problem mit den verwischten Fingerabdrücke noch immer nicht gelöst.

Dass digitale Fingerabdrücke in 30 Prozent der Fälle nicht richtig genommen werden, sei Realität, bemängelt der Bund deutscher Kriminalbeamter. Sprecher Sebastian Fiedler sagt: "Natürlich ist das eine Gefahr. Und es ist ein Stück weit auch ein Sicherheitsrisiko. In den Fällen, wo das nicht vernünftig geschehen ist, müssten wir eine hohe fünfstellige Anzahl von Asylbewerbern erneut erkennungsdienstlich behandeln. Das ist für den Rechtsstaat insgesamt eine Blamage."

BAMF spielt Fehler herunter

Immerhin hat sich inzwischen der Innenausschuss des Bundestages mit der Fehlerquote bei Fingerabdrücken von Asylbewerbern beschäftigt - auf Anfrage der Linken im Bundestag. Ein Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge erklärt die Fehlerquote so: "Dass Fingerabdrücke in gewissem Umfang nicht zugeordnet werden können, das ist unzutreffend. Es sind dort 30 Prozent der Fälle genannt worden, die nicht auslesbar gewesen sind. Das sind drei von zehn Fingern. Es geht dort um erweiterte Tatortspuren, dass, wenn ein Teil des Fingers nicht ordnungsgemäß erfasst worden ist und eine Person am Tatort gerade diesen Teil des Fingers als Abdruck hinterlässt, dass das dann nicht zugeordnet werden kann." Eine gewisse Fehlerquote im System sei normal, so der BAMF-Mitarbeiter weiter.

Wie groß ist die Ungenauigkeit wirklich?

Wolfgang Bosbach
Wolfgang Bosbach (CDU) Bildrechte: dpa

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter betont, es sei falsch, dass das BAMF behaupte, es handele sich nur um drei von zehn Fingern, die nicht identifiziert werden könnten. Tatsächlich handle sich um 30 Prozent der Asylbewerberfälle, die per digitalem Fingerabdruck registriert werden. Das Büro des SPD-Abgeordneten Burkhard Lischka weist daraufhin, für die Identifizierung von Asylbewerbern reiche ein eindeutiger Abdruck bei einem von zehn Fingern.

Der innenpolitische Sprecher der CDU, Wolfgang Bosbach, fordert, so gründlich zu arbeiten wie möglich. "Die Fingerabdrücke, das sogenannte Printing, muss sauber vorgenommen werden. Nicht nur von den Daumen, sondern von allen zehn Fingerabdrücken. Damit sie Vergleiche anstellen können mit anderen Dateien, ob die Person schon einmal registriert wurde."

Mehrere Identitäten ausschließen

Letzten Endes gehe es darum zu verhindern, dass jemand mehrere Identitäten benutzt, zum Beispiel, um Leistungen zu kassieren, sagt der Linken-Abgeordnete Frank Tempel. Er war selbst einmal Kriminalbeamter und hat einen Lehrgang zum Abnehmen von Fingerabdrücken besucht. "Technisch ist es so, dass das Programm entscheidet, ob die Qualität eines Abdrucks ausreichend ist oder nicht. So dass es allein mit unqualifizierten Mitarbeitern gar nicht erklärbar wäre. Hier müsste eine Entscheidung vorliegen, eine hohe Fehlerquote zu tolerieren."

Dem wolle er auf den Grund gehen, so Tempel. Der Bund der Deutschen Kriminalbeamten warnt davor, dass vor dem Bundestag ein signifikantes Sicherheitsproblem verharmlost werde.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 04.08.2017 | ab 06:09 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2017, 06:39 Uhr

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32 Kommentare

05.08.2017 18:38 Karl L. 32

@7 Michael Möller. Gucken Sie mal im Cicero nach : Zahlen und Stimmungen - Zwei Wirklichkeiten.

05.08.2017 17:44 Frank 31

Wann werden die Verantwortlichen für diese Zustände im Land von unserer doch unabhängigen Justiz zur Verantwortung gezogen? Wir sind doch ein Rechtsstaat! Sollte ich da etwas falsch verstanden haben?

05.08.2017 15:35 Fragender Rentner 30

@Jürgen zu 26

Funktioniert eigentlich überhaupt noch etwas ordnungsgemäß in diesem Land?

Natürlich, die Zu- und Nachzüge.

05.08.2017 11:16 Wieland der Schmied 29

Es ist kaum zu fassen, der große Schub des Zustroms ist nun schon im vierten Jahr, und da laborieren und experimentieren die staatlichen Organe immer noch an einer funktionierenden Abnahme der Fingerabdrücke, der einzigen sicheren und nicht manipulierbaren Identitätsfeststellung. Dummheit oder ‚Unfähigkeit kann das über einen solch langen Zeitraum nicht sein. Das ist Staatversagen in der primitivsten Form. Darüber noch weiter zu debattieren ist reine Zeitverschwendung und vergeudetete Liebenmüh, da hilft nur die Abwahl! Nut noch 50 Tage Geduld und das Drama kann ein Ende haben.

05.08.2017 08:58 Ekkehard Kohfeld 28

@ Karin 22 Ich frage mich wirklich langsam, ob wir hier in Deutschlands Behörden schon in der digitalen Welt angekommen sind.##Nein zu großen Teilen nicht wie soll das gehen da ist doch kein Geld für da.Wenn ich die völlig veralteten PC bei meiner Gemeinde sehe:-( Das die überhaupt noch laufen.

05.08.2017 07:14 elise 27

nichts bekommen sie hin, keine ausreichenden Geräte zur Registrierung und überfordertes Personal im Zuge Merkels Einladung. Das war aber noch nicht alles. Trotz massenhafter illegaler Einwanderung und der enormen Probleme, die diese mit sich bringt, verweigern Regierungen den Schutz ihrer Staatsgrenzen. Bundesinnenminister De Maizière will offenbar sogar eine Debatte über die Vorteile von Grenzkontrollen vermeiden...

04.08.2017 01:04 Jürgen 26

Funktioniert eigentlich überhaupt noch etwas ordnungsgemäß in diesem Land?

04.08.2017 22:54 elise 25

nichts bekommen sie hin, keine ausreichenden Geräte zur Registrierung und überfordertes Personal im Zuge Merkels Einladung. Das war aber noch nicht alles. Trotz massenhafter illegaler Einwanderung und der enormen Probleme, die diese mit sich bringt, verweigern Regierungen den Schutz ihrer Staatsgrenzen. Bundesinnenminister De Maizière will offenbar sogar eine Debatte über die Vorteile von Grenzkontrollen vermeiden...

04.08.2017 20:29 konstanze 24

bitte einmal genau anschauen, was die ungarische regierung damals so furchtbares getan hat, außer die migranten, in dem durcheinander, ordentlich registrieren zu wollen. wir haben offensichtlich die identitätsfeststellung bis heute nicht geschafft. und wie ist merkels grenzöffnung für die ihr unbekannten migranten zu bewerten, wenn man an ihr ablehnendes verhalten reem gegenüber kurz vorher in rostock denkt. es ging ihr in erster linie um billige arbeitskräfte für die deutsche wirtschaft, die genau diese bosse forderten (zetsche/wirtschaftswunder). das humanitäre deckmäntelchen haben ihr als erstes die medien umgehängt. es wurde dankend angenommen. sie trägt es heute noch.

04.08.2017 18:03 Wähler 23

04.08.2017 14:01 Uhr Gute Frage
Seien Die froh, dass Sie Merkel haben, denn unter den Roten und Grünen würden Sie sich erschrecken und zwar schneller als Sie denken.