Menschen auf einer Bühne
Bildrechte: Theresa Pfeffer

Verschwörungstheorien im Internet Ein "Goldener Aluhut" bringt Wissen

Wenn am blauen Frühlingshimmel Flugzeuge Kondesstreifen ziehen, sieht das ungeschulte Auge: Kondensstreifen. Wasser aus Flugzeugabgasen, das in der kalten Höhenluft kondensiert. Aber es gibt Menschen, die sehen mehr: und zwar Chemikalien, die im Auftrag einer Schattenregierung versprüht werden. Kein Scherz, sondern für Anhänger von Verschwörungstheorien eine Tatsache. Weil Argumente oft nicht helfen, versucht eine bundesweit humoristische Aufklärungsinitiative, Hilfestellung zu leisten.

von Tom Gräbe, MDR INFO

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Bildrechte: Theresa Pfeffer

Die Erde ist eine Scheibe, flach. Mit dem Nordpol in der Mitte und dem Südpol als Tellerrand - eine Wand aus Eis. So hoch, dass noch niemand drüber schauen konnte - den Gesetzen der Physik zum Trotz. Wer nach der flachen Erde googelt, findet Antworten; bei Youtube, in Blogs, bei Facebook. Videos mit vielen tausend Klicks. Dass die Mondlandung eigentlich in einem Filmstudio stattfand oder eine geheime Weltregierung die Anschläge vom 11. September inszeniert hat - oder eben aus Flugzeugen Chemikalien versprüht werden - für Verschwörungstheoretiker sind das Tatsachen. 

Aluhut wird zum Symbol für Verschwörungstheorien

"Manche Leute, die noch nie etwas davon gehört haben, lesen das und denken sofort: 'Was ist denn das für ein Mist?' Und wieder ein anderer liest auf der gleichen Seite und denkt: 'Oh ja natürlich, endlich spricht's mal einer aus!' Das kommt echt immer auf die Person an, die das liest." Giulia Silberberger und ihre Mitstreiter der Initiaitve Goldener Aluhut entlarven auf Facebook Verschwörungstheorien. Mit einer Portion Humor. Denn: Metallfolie auf dem Kopf soll angeblich verhindern, dass sich Gedanken lesen lassen - steht in einem Science-Fiction-Roman. Der Aluhut ist seither Synonym für Verschwörungstheorien.

Das Internet quillt über

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Im Netz finden abstruse Ideen ein großes Publikum. Wer einfache Antworten auf komplexe Fragen sucht, wird schnell fündig. Liest, abonniert, klickt sich von einer Seite zur nächsten und gerät so in eine Filterblase. Denn: Google und Facebook zeigen ihren Nutzern Inhalte, die für sie relevant sein könnten - basierend auf dem, was sie über den Nutzer gespeichert haben. Wer also viele einschlägige Seiten abonniert, sieht dann vor allem: Verschwörungstheorien, sagt Erik Siegert von der Aluhut-Initiative: "Wenn die einmal da drin sind und dann nur sehen, dass die Welt praktisch am Untergehen ist, weil ihre ganze Timeline nur noch mit Verschwörungstheorien gefüllt ist, da sehe ich eine große Gefahr."

Behauptungen x Zeit = Wahrheit

Eine Behauptung kann im Netz zur Wahrheit werden, wenn sie nur oft genug wiederholt wird - stellt auch Franziska von Kempis immer wieder fest. Im Netz nennt sie sich "besorgte Bürgerin" und gibt auf Youtube Tipps, damit Nutzer nicht auf Falschinformation hereinfallen. "Man kann sich genau anschauen, woher dieses Bild kommt, das du mir gerade schickst. Was ist das für ein Link, den du mir gerade schickst? Kann ich den einfach mal googeln? Es gibt ganz kleine faktische Sachen der Medienkompetenz, die jeder anwenden sollte - was aber immer noch sehr wenige tun."

Angehörige sind verzweifelt

Die Skeptiker vom Goldenen Aluhut erreichen viele Anfragen von verzweifelten Angehörigen - Menschen, die nicht mehr mit Freunden oder Verwandten reden könnten. Beziehungen, die wegen der Wahnideen zerbrechen. Giulia Silberberger rät in diesen Fällen: "Wenn du merkst, du kommst auch mit Fakten nicht mehr weiter und du keine sachliche Diskussion führen kannst, tu dir selber den Gefallen und brich ab. Es kostet unheimlich viel Zeit, die du mit eigentlich nichts verschwendest, außer dich aufzuregen."

Sie spricht aus Erfahrung. Durch ihre Mutter wurde sie Mitglied der Zeugen Jehovas, der Ausstieg gelang ihr erst 15 Jahre später. Die Ideologien einer Sekte und Verschwörungstheorien aus dem Netz würden ähnlich funktionieren, sagt sie - und spricht von Missbrauch. Die Aktivisten des Goldenen Aluhuts gründen gerade ein Beratungsnetzwerk. "Wir wollen eine konkrete Anlaufstelle für Leute schaffen, die einfach verzweifelt sind, weil die Verhältnisse in der Familie gestört sind. Vielleicht hat einer aber auch seinen Job aufgrund des Geschwurbels verloren. Es gibt fürchterliche Schicksale."

Aufklären und nicht belehren wollen die Aktivisten - über den unüberschaubaren Wust an abstrusen Ideen, der da durchs Internet geistert.

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2016, 18:20 Uhr