Jacken der Bundeswehr mit angenähter Deutschlandflagge
Schweres Erbe Geschichte: Die Bundeswehr kämpft mit dem Erbe der Wehrmacht. Bildrechte: dpa

Hintergrund Wehrmachtstradition bei Bundeswehr und NVA

Am Dienstag soll es in einer Sondersitzung des Verteidigungsausschusses auch um den umstrittenen Traditionserlass bei der Bundeswehr gehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in beiden deutschen Staaten neue Armeen aus dem Boden gestampft worden. Anfangs war die Wehrmachtsvergangenheit sehr präsent, im Osten ebenso wie im Westen. Doch später entwickelten sich beide Armee gegensätzlich, ein Blick in die Historie.

von Carsten Heller, MDR AKTUELL

Jacken der Bundeswehr mit angenähter Deutschlandflagge
Schweres Erbe Geschichte: Die Bundeswehr kämpft mit dem Erbe der Wehrmacht. Bildrechte: dpa

Als die Bundeswehr 1955 gegründet wurde, hatte sie vor allem ein Personalproblem. Für die neue Armee wurden zehntausende Offiziere benötigt, die am besten politisch unbelastet und demokratisch gesinnt sein sollten. Doch woher nehmen? Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es noch keine neue militärische Elite, man musste also zwangsweise auf frühere Wehrmachts-Angehörige zurückgreifen. Um keine Kriegsverbrecher in die Truppe zu holen, wurden alle höheren Dienstgrade überprüft. Die meisten bekamen einen Persilschein.

Somit hatten unter dem Strich de facto alle Offiziere und Unteroffiziere der jungen Bundeswehr eine Wehrmachtsvergangenheit. Kanzler Adenauer kommentierte diesen Umstand einmal süffisant mit dem Hinweis, er könne gern 18-Jährige zu Generälen befördern, aber die nehme man ihm bei der Nato leider nicht ab.

Sammeln von Wehrmacht-Andenken nicht verboten

1965 wurde vom damaligen Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) der erste Traditionserlass herausgegeben. 1982 folge der zweite, noch heute gültige. Darin heißt es: "In der pluralistischen Gesellschaft haben historische Ereignisse und Gestalten nicht für alle Staatsbürger gleiche Bedeutung […] Tradition ist auch eine persönliche Erfahrung. Ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen." Das Sammeln von Wehrmachtsandenken ist in dem Erlass nicht ausdrücklich verboten. Unter Punkt 25 findet sich dazu diese Aussage:

Das Sammeln von Waffen, Modellen, Urkunden, Fahnen, Bildern, Orden und Ausrüstungsgegenständen ist erlaubt. Es dient der Kenntnis und dem Interesse an der Geschichte und belegt, was gewesen ist.

Traditionserlass Bundeswehr, 1982 | Punkt 25

Allerdings wird anschließend eingeschränkt: "Die Art und Weise, in der wehrkundliche Exponate gezeigt werden, muss die Einordnung in einen geschichtlichen Zusammenhang erkennen lassen. Die äußere Aufmachung muss diesen Richtlinien entsprechen." Angesichts der jüngsten Vorkommnisse hat Verteidigungsministerin von der Leyen angekündigt, auch zu überprüfen, ob der Traditionserlass noch zeitgemäß ist.

Kritik an Kasernen-Namen

Kritiker werfen der Bundeswehr seit langem vor, sich nicht genügend von der Wehrmachts-Vergangenheit zu distanzieren. Als Beleg werden gern Namen von Kasernen angeführt, die an Generäle aus der Zeit vor 1945 erinnern, wie die "Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne" in Nordrhein-Westfalen. Rommel leitete für Hitler den Afrika-Feldzug und diente treu dem NS-Regime.

Der Jenaer Militärhistoriker Jan Böhler sieht dieses Festhalten an alten Namen und Bezeichnungen mit Blick auf die jüngsten Ereignisse kritisch. Man müsse sich fragen, inwieweit dem Devotionalienkult damit Vorschub geleistet werde. Allerdings, so Böhler, dürfe es auch keine Pauschalurteile geben. Rommel sei zwar von Hitler glorifiziert worden, aber weit weg vom Vernichtungskrieg im Osten gewesen. "Es gibt auch Fälle von Wehrmacht-Generälen und Offizieren, die sich vor 1945 für Ideale wie Recht und Freiheit eingesetzt haben", so der Wissenschaftler.

Jeder vierte NVA-Soldat mit Wehrmacht-Vergangenheit

NVA-Soldaten leisten 1981 in Magdeburg den Fahneneid
NVA-Soldaten leisten 1981 in Magdeburg den Fahneneid Bildrechte: dpa

Auch bei der Gründung der Nationalen Volksarmee der DDR 1956 wurde auf ehemaliges Wehrmachts-Personal zurückgegriffen. Viele Soldaten und Offiziere kamen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, wo sie ideologisch auf die neuen Zeiten vorbereitet wurden. Von 82 höheren Kommandoposten waren 61 mit ehemaligen Wehrmachts-Soldaten besetzt. Zu den bekanntesten gehörte General Vincenz Müller, der früher an der Ostfront aktiv war und in der DDR bis zum stellvertretenden Verteidigungsminister aufstieg. Müller nahm sich 1961 das Leben, nachdem er aus der NVA entlassen worden war. Ein Politbürobeschluss von 1957 sah vor, alle ehemaligen Wehrmachts-Soldaten aus der Armee zu entfernen.

DDR-Armee setzte auf antifaschistische Tradition

In der NVA berief man sich auf die Tradition der "fortschrittlichen Kräfte in Deutschland", angefangen vom Bauernführer Thomas Müntzer bis hin zu den kommunistischen Widerstandskämpfern in der NS-Zeit. Gewürdigt wurden auch Heerführer aus den napoleonischen Befreiungskriegen wie Clausewitz und Lützow sowie Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg.

Der Historiker Rüdiger Wenzke schrieb in einem Buch, dass sich in der NVA seit den 1960er Jahren eine organisierte militärische Traditionspflege entwickelt habe. "Als Ausdruck dessen kam es zu Namensverleihungen, zur Einrichtung von Traditionszimmern und zu forcierten Publikationen militärgeschichtlicher Literatur." Bis zum Ende der NVA seien die Namen von 225 Persönlichkeiten an Kasernen und andere Einrichtung verliehen worden. Die Militärakademie wurde nach Friedrich Engels benannt und Küstenschutzschiffe nach Ernst Thälmann und Karl Liebknecht.  

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 10.05.2017 | 06:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2017, 07:00 Uhr