Ein Handwerksmeister erklärt einen Kunden das Projekt am Rechner
Wenn es nach dem Willen des CDU-Wirtschaftsflügels geht, soll der Meisterzwang für Handwerksberufe wieder eingeführt werden. Bildrechte: IMAGO

Handwerk CDU will Meisterpflicht wieder einführen

Die CDU und Sachsens Handwerkskammer schlagen Alarm: In vielen Berufen seien in den letzten Jahren die Ausbildungszahlen regelrecht eingebrochen, bei Fliesenlegern oder Fotografen etwa. Und der Hauptgrund dafür sei, dass bei mehreren Dutzend Berufen vor einigen Jahren die Meisterpflicht abgeschafft wurde. Deshalb bilden viele Betriebe jetzt deutlich weniger aus. CDU und Handwerk fordern daher lautstark eine Kehrtwende und wollen die Meisterpflicht zurück.

von Pierre Gehmlich, MDR AKTUELL

Ein Handwerksmeister erklärt einen Kunden das Projekt am Rechner
Wenn es nach dem Willen des CDU-Wirtschaftsflügels geht, soll der Meisterzwang für Handwerksberufe wieder eingeführt werden. Bildrechte: IMAGO

Wenn das so weitergeht, wird es in einigen Berufen bald keinen Nachwuchs mehr geben. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man Volker Lux zuhört. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Leipzig zeichnet etwa für den Fliesenlegerberuf ein dramatisches Bild:

Wir hatten vor Abschaffung der Meisterpflicht im Kammerbezirk 170 Betriebe und rund 50 Auszubildende. Jetzt haben wir in diesem Gewerk rund 700 Betriebe und FÜNF (!) Auszubildende.

Volker Lux | Handwerkskammer Leipzig

Meisterbetriebe waren Stabilitätsfaktor

Insgesamt sei in den letzten Jahren die Zahl der Lehrlinge im Bezirk der Handwerkskammer Leipzig um die Hälfte gesunken. Schuld ist aus Sicht des Handwerks eine Entscheidung der Bundesregierung unter Gerhard Schröder.

Dr. Carsten Linnemann (Mitglied des Deutschen Bundestages, CDU
Carsten Linnemann (CDU) Bildrechte: IMAGO

Ab Anfang 2004 konnte man sich in vielen Berufen selbstständig machen und zwar ohne Meisterbrief. Dazu gehören die angesprochenen Fliesenleger, aber auch Uhrmacher, Feinoptiker oder Estrich-Leger. Das Ganze sollte vor allem mehr Arbeitsplätze bringen, so die Idee damals. Dieses Ziel wurde verfehlt, das ist bekannt. Und jetzt leide auch die Ausbildung, sagt Carsten Linnemann, Vorsitzender der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung.

Gerade in den B1-Gewerken, wo der Meisterbrief für die Selbstständigkeit keine Pflicht mehr ist, findet Ausbildung nur noch statt, wenn es Altmeister gibt, die vor der Reform 2004 schon da waren. In neueren Unternehmen dagegen kaum noch.

Carsten Linnemann | Mittelstandsvereinigung von CDU/CSU

Meister zum Masterstudiengang zulassen?

Neue Unternehmen sind zudem oft zu klein, um ausbilden zu können. Mit dem Zurückholen der Meisterpflicht für viele Berufe will der Bundestagsabgeordnete Linnemann noch ein zweites Problem lösen: Bei vielen Jugendlichen hat das Handwerk ein schlechtes Image. "Es ist wichtig, dass junge Menschen nicht nur auf die Unis gehen, sondern auch Karrieremöglichkeiten sehen. In der dualen Ausbildung im Handwerk setzen wir uns dafür ein, dass der Meister direkt zum Masterstudiengang zugelassen wird. Auch das würde diesen Aspekt nochmal untermauern."

Experte sieht zu wenig Technikplätze

Bildungsforscher Martin Baethge von der Uni Göttingen glaubt dagegen nicht, dass der Meistertitel die Ausbildungsprobleme beim Handwerk löst. Er sieht andere Gründe: Vor allem im Osten gebe es zu wenige Schulabgänger und die wollten noch die "falschen Berufe" erlernen. "Das Handwerk bietet sehr viele Ausbildungsplätze im Ernährungshandwerk an wie Bäcker, Fleischer, Köche und so weiter." Aber die Jugendlichen suchten eher Ausbildungsplätze im Elektronikbereich. Das schaffe regional immer wieder Probleme, so dass das Angebot nicht recht zur Nachfrage passen wolle."

Jugendliche mit Hauptschulabschluss fördern

Er schlägt vor: Das Handwerk müsse mehr in die Schulabgänger investieren, die man bisher nicht genommen habe. "Das Handwerk muss sich viel stärker um die gering qualifizierten Schulabsolventen kümmern. Um diejenigen mit maximal Hauptschulabschluss und auch mit Förderabschluss." Bei den Handwerksmeistern in Leipzig kann man mit dem Vorstoß der Mittelstandsvereinigung CDU offenbar nicht so recht was anfangen. Mehrere Anfragen des MDR bei Meisterbetrieben laufen ins Leere. Ein Uhrmachermeister sagt das vereinbarte Interview kurz vorher ab: Er habe einfach noch viel zu tun.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 15.11.2016 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2016, 05:00 Uhr

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15 Kommentare

16.11.2016 18:43 yo jena 15

@10horst..Na gott sei Dank haben wir die alles wissende afd. Bei so viel Tunnelblick kann ich nur den Kopf schütteln! Die sollen sich erst mal beweisen und nicht nur Sprüche klopfen!

16.11.2016 08:04 Handwerker 14

Das war doch vorrausschaubar das das so kommt.
Mir sind echte Handwerker (Meisterbetriebe)
wichtiger als das nur wer möchte (ohne Qualifizierung)Betriebe betreibt.
Zum Handwerk gehört eben eine Portion gutes Wissen und können.

15.11.2016 21:40 Bernd 13

Die Sache ist doch eigentlich ganz einfach.
Bin ich gut und qualifiziert und habe die Auswahl zwischen Konzern mit 700€+/Monat, top ausbildungskonditionen und Übernahmegarantie, oder dem kleinen krauter, 400€-/Monat, scheiß Arbeitszeiten und nach der ausbildung 8,50€ hungerlohn (oder Arbeitslosigkeit)...was wähle ich wohl ;)
Bin ich schlecht qualifiziert, will mich gar keiner haben.

Die Sache ist schlicht ganz einfach, der Mittelstand kann oder will nicht um die azubis konkurrieren. Und wer seine azubis wie letzten Dreck behandelt, braucht sich auch nicht wundern, wenn diese ausbleiben.

Bestes Beispiel der Lebenslauf einer bekannten. 1. Lehre bei nem kleinen Finanzunternehmen. Nur drecksarbeit bekommen, die Lehrinhalte (gesetzlich festgelegt) wurden nur unzureichend vermittelt. Lehre also abgebrochen. 2. Lehre im Supermarkt angefangen (tariflohn), danach kein job bekommen. 3. Umschulung bei nen Konzern, Übernahme + Tariflohn.

15.11.2016 20:29 snaz83 12

Warum bildet keiner aus? Weil man fast keine halbwegs brauchbaren Lehrlinge aus den Schulen bekommt, und der der halbwegs gerade aus laufen kann, der geht woanders hin, wo anständig bezahlt wird. Wenn man meint, der Osten kann auf ewig Billiglohnland bleiben, der sieht nun die Folgen. Und man braucht nicht in jeder Branche Meisterbriefe. Oder aber man bietet diese Kurse zu akzeptablen Preisen an, den es geht doch eigentlich um die Fähigkeiten des Absolventen und nicht um die schnelle Mark für die Staatskasse!

15.11.2016 17:56 Handwerker a.D. 11

Und überhaupt: Benötigen wir im Handwerk überhaupt noch Lehrlinge? Ich denke da an die vielen Fachkräfte, die ins Land geströmt sind und noch weitere nachholen werden. ;-)

15.11.2016 17:24 Horst Bauer 10

Die AfD fordert das seit Jahren, nun schleimt die CDU hinterher...Wahlkampfgetöse ...tolle Partei!

15.11.2016 16:55 GD 9

Meiner Meinung nach sollte jeder der einen Betrieb leitet und damit Mitarbeiter führt eine Art Meisterbrief besitzen um gewisse Kompetenzen zu erhalten. Zu viele Vorgesetzte in unserer Republik sind in die Position einer Mitarbeiterführung gekommen weil sie zb Sohn oder ähnliches sind. Das ist für für mich ein ganz grober Fehler welcher uns zurück wirft. Egal welche Branche, Meisterbrief wäre fur mich Pflicht ab einer Betriebsgröße welche Angestellte benötigt.

15.11.2016 15:37 Selig sind die... 8

@15.11.2016 14:47 Elfriede (7 Das wäre nur klug mit dem Meisterbrief. Das Niveau wurde durch Politik verordnet schon genug gesenkt. Made in Germany hat auch schon genug gelitten.)

Wenn ich Ihnen meine Erlebnisse mit den "Meistern aus Deutschland" hier auflisten würde, fielen Sie in Ohnmacht. Und ich habe damit beruflich zu tun und zwar mit zahlreichen Gewerken und nicht nur in Deutschland. Ein kanadischer Handwerker, der das Wort "Handwerkskammer" gar nicht kennt, würde sich die Nase abwundern über das höchst seltsame gebührenpflichtige Zunft- und Gildenwesen im heiligen deutschen Reich von der Lobbyisten Gnaden.

15.11.2016 14:47 Elfriede 7

Das wäre nur klug mit dem Meisterbrief.
Das Niveau wurde durch Politik verordnet schon genug gesenkt
Made in Germany hat auch schon genug gelitten.
Offenbar waren auch am Jahrhundertbauwerk ,
BER entsprechende " Fachkräfte" am Werk, einschließlich den letzten Bürgermeister Berlins.

15.11.2016 14:06 Es gibt auch gar keinen Zusammenhang 6

15.11.2016 12:45 Handwerker a.D. (5 Mir ist ehrlich gesagt der Zusammenhang zwischen Meisterzwang und Nachfrage nach Lehrstellen nicht ganz klar.)

Da sind Sie nicht der Einzige - es gibt auch schlicht gar keinen. Das ist nur der Versuch einer Lobby, weiterhin Geld mit dem "Meistertitel" zu verdienen und der Handwerkskammern, ihre Position zu behaupten. Daß nicht ausgebildet wird, liegt an ganz anderen Gründen, die aber für die Politische Kaste offiziell nicht existieren und die deshalb mit dem Euphemismus "Deutschlandgehtesgut" medial überschrieben werden (sollen). Zudem wird hier schon mal eine Wählerzielgruppe für 2017 vorgewärmt nach dem Motto: Keine Experimente.

Der Meisterzwang ist im Ürbigen und im Gegenteil nach Auffassung so gut wie aller unabhängigen Experten eine Feststellbremse für den Dienstleistungsbereich. Er ist ja auch eine deutsche Spezialität. Kein Wunder.