Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht am 20.12.2016 im Bundeskanzleramt zum Rednerpult, um eine Erklärung zum möglichen Anschlag in Berlin abzugeben.
Kanzlerin Merkel hat Erdogans Äußerungen als traurig bezeichnet. Bildrechte: dpa

Spannungen mit der Türkei Merkel: Erdogan verharmlost Leid der NS-Opfer

Im Streit um abgesagte Wahlkampfveranstaltungen türkischer Minister in Deutschland hat Präsident Erdogan mit einem Nazivergleich für Kritik gesorgt. Nun bezeichnet Bundeskanzlerin Merkel den Kommentar als "nicht zu rechtfertigen". Die anhaltenden Spannungen zwischen beiden Ländern drohen derweil auch der Wirtschaft zu schaden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht am 20.12.2016 im Bundeskanzleramt zum Rednerpult, um eine Erklärung zum möglichen Anschlag in Berlin abzugeben.
Kanzlerin Merkel hat Erdogans Äußerungen als traurig bezeichnet. Bildrechte: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Nazi-Vergleich des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als "deplatziert" und nicht zu rechtfertigen zurückgewiesen.

Leid der NS-Opfer verharmlost

Merkel sagte am Montag in Berlin: "Solche deplatzierten Äußerungen kann man ernsthaft eigentlich gar nicht kommentieren." Auch mit Wahlkampf für ein Referendum in der Türkei seien sie nicht zu rechtfertigen. Besonders traurig sei, dass damit das unendliche Leid der NS-Opfer verharmlost werde. Allein deshalb disqualifizierten sich solche Aussagen von selbst.

Traurig machten sie solche Äußerungen auch, da Deutschland und die Türkei auf vielfältigen Ebenen eng verbunden seien, etwa über die in Deutschland lebenden Türken und gemeinsame Interessen der Wirtschaft, in der Nato und beim Kampf gegen islamistischen Terror.

Es gebe aber auch tiefgreifende Unterschiede zwischen den beiden Ländern, etwa der Umgang mit Journalisten, wie dem "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel. Für seine Freilassung setze sich die gesamte Bundesregierung ein.

 Nazi-Methoden vorgeworfen

Erdogan hatte am Wochenende auf einer Veranstaltung in Istanbul die Debatte über abgesagte Wahlkampfauftritte türkischer Minister in Deutschland scharf kritisiert. Er verglich das deutsche Handeln mit Nazi-Methoden. Die Regierungsvertreter hatten für ein Ja beim Referendum über die umstrittene Verfassungsreform werben wollen, die Erdogans Machtbefugnisse ausweiten soll.

Regierungssprecher Steffen Seibert stellte klar, die Bundesregierung arbeite nicht an "irgendwelchen Einreiseverboten" für türkische Politiker. Die Auftritte seien "innerhalb des Rechts und der Gesetze" in Deutschland möglich, sie müssten nur "ordnungsgemäß, rechtzeitig und mit offenem Visier" angekündigt werden und dann auch genehmigt sein.

Erdogans Nazi-Vergleich hatte in Deutschland Empörung ausgelöst. Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) bezeichnete ihn im ARD-"Morgenmagazin" als "absolut inakzeptabel". Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber bezeichnete den Vergleich als "unsäglich" und wies ihn "aufs Schärfste zurück".

Nach Angaben von Außenamts-Sprecher Martin Schäfer telefonierte Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel am Sonntagabend mit dessen türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu. Dabei seien auch die jüngsten Äußerungen aus Ankara thematisiert worden. Beide Minister sprachen demnach darüber, dass der Gesprächsfaden nicht abreißen solle und wie die "insgesamt sehr aufgeheizte Debatte wieder in ruhigeres Fahrwasser" kommen könne. Die beiden Politiker wollen sich am Mittwoch in Berlin treffen.

Schaden für Tourismus befürchtet

Nach Einschätzung von Experten bedrohen die Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei auch die Tourismusbranche. Tourismusforscher Torsten Kirstges sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Wenn sich die zum Teil antieuropäische und antideutsche Haltung, die sich inzwischen immer mal wieder auch in Äußerungen von türkischen Regierungsmitgliedern zeigt, weiter manifestiert, wird das natürlich das Image der Türkei als Reiseziel für Deutsche weiter beschädigen."

Bis Ende Januar lagen die Türkei-Buchungen für die wichtige Sommersaison nach Angaben der GfK-Konsumforscher in den Reisebüros 58 Prozent unter den schwachen Vorjahreszahlen. Nach Anschlägen und der Krise nach dem gescheiterten Militärputsch hatten viele Deutsche bereits 2016 das Urlaubsland gemieden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio: MDR | 06.03.2017 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2017, 16:38 Uhr

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28 Kommentare

07.03.2017 16:51 Diddy 28

@ Wessi 26:
Nur gut das Du die Übersicht behältst. Zitat von Dir:
Und was mich noch wundert ist das Verhalten mancher user hier,die immer so tun,als wäre die Türkei nicht ein nötiger NATO-Partner. Wir sind auf sie angewiesen und zwar als Bollwerk. <-- Zitat Ende.
Du sagst es, richtig und dadurch ist Deutschland auch von den Möchtegern Sultan erpressbar.

07.03.2017 16:09 Fragender Rentner 27

He, verärgere nicht unseren NATO-Partner, sonst kann er sehr böse werden.

07.03.2017 16:00 Wessi 26

@ 24 Halb zitierte Geschehnisse grenzen an Lügen:im Karneval lag Frau Merkel vor Martin Schulz wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken.Was hat der nun mit Erdogan zu tun?Wer hier ehrlich glaubt,daß ein Eingehen auf das Wutgeschnaube aus Ankara der Demokratie hilft,dem fehlt die Übersicht.Der ist in seiner Ablehnung von allem türkischem (auch die türkischen Erdogangegner) aus rassistischen Motiven nur als "blindwütig" zu bezeichnen+ tut damit überhaupt nichts anderes als der Despot.Ein Einreiseverbot hieße innertürkisch:"seht her,ich habe Recht".Darum wütet er ja so!Polit.-Arbeit ist ab+an undiplomatisch.Das Nichtverstehen von dessen zeigte sich übrigens für mich auch hier,als man um Respekt bat.Nein,Demokratie ist respektlos.Siehe dazu auch Böhmermann.Und was mich noch wundert ist das Verhalten mancher user hier,die immer so tun,als wäre die Türkei nicht ein nötiger NATO-Partner.Wir sind auf sie angewiesen und zwar als Bollwerk.Islamistischer Krieg würde zuerst dort statt finden...!

07.03.2017 10:34 ralf meier 25

06.03.2017 21:37 Peter: Hallo Peter, wenn es in Deutschland irgend jemand gibt, der auf Asylanten angewiesen ist, dann ist das .... Na Sie wissen schon. Den entgültigen Bruch mit 'den Türken' wünsche ich mir übrigends nicht.

07.03.2017 09:57 Wieland der Schmied [688] 24

Merkel gibt sich entsetzt, weist diesen Schlag unter der Gürtellinie des Imperators mit lauen Worten zurück, und das war alles? Kann eigentlich nicht sein, auch wenn man gelegentlich hört "Frechheit siegt“ ! Mir fällt da wieder ein Motivwagen vom rheinischen Karneval ein, LKW-lang, auf der ganzen Länge ein Marienkäfer mit Merkel-Kopf, der auf dem Rücken liegt und die Beine hilflos in die Luft streckt, wobei man wissen kann, dass das für den Käfer eine hilflose und bedrohliche Lage ist. Dazu das feiste Schmunzeln des Despoten vom Bosporus, also wie auf den Leib geschneidert für die aktuelle Situation. Die Aussage ist eindeutig, Sie hat sich im Wust ihrer einsamen Projekte so verfangen, dass sie keinen geordneten Ausstieg mehr findet.Treffender konnte ein Karnevalmotiv nicht sein, ich bin jedoch selbst überrascht, dass es schon nach 14 Tagen eintritt. Demnächst dann das Treffen mitTrump, er wird sicher kein breites Grinsen zeigen, sondern dieses auf ein mildes Lächeln herabschrauben.

07.03.2017 09:13 Jetzt mal Klartext 23

Unsere Politiker sollen mal Klartext und nicht immer um den Heißen Brei rumreden,wer für gegen die Meinungsfreiheit ist, einen deutschen Jornalisten einfach wegsperrt,gehört bestraft,das kann man nur mit wirtschaftlichen Druck machen.Deshalb Keine Reisen in die Türkei mehr machen,keine türkischen Produkte kaufen,Grundig,BEKO gehören auch zur Türkei

07.03.2017 08:11 Wo geht es hin? 22

Zitat aus dem Artikel:"Erdogans Nazi-Vergleich hatte in Deutschland Empörung ausgelöst. Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) bezeichnete ihn im ARD-"Morgenmagazin" als "absolut inakzeptabel". Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber bezeichnete den Vergleich als "unsäglich" und wies ihn "aufs Schärfste zurück". Zitat Ende. Tja, wenn man diese Vergleiche auf einen Teil der deutsche Bürger seitens der "Etablierten" anwendet, ist das ja gerechtfertigt und auch notwendig. Jetzt wird man selber mit dieser Masche beschimpft und auf einmal ist das "absolut inakzeptabel" und man ist "empört". Scheinbar verträgt nicht jeder die Medizin, die er selber hier in D verabreicht...

07.03.2017 07:44 bentin 21

Wäre Mutti Merkel zufriedener gewesen, hätte Erdogan Deutschlands Verbot mit Honneckers DDR verglichen? Auch wenn sich die Familien der einstigen Kirchenmänner zu gerne als benachteiligt und schikaniert beschreiben - sie hatten mehr Privilegien als der Normalbürger. Nur gabs in der DDR keine Türken (sondern Cubaner und Vietnamesen sowie Russen - und die hinken halt beim Vergleich zum aktuellen Wahlkampf) ...

06.03.2017 22:57 Diddy 20

Kaum erinnert uns einer ans 3. Reich, verfallen unsere Politiker in Schockstarre und geben wieder klein bei. Es wird Zeit, das unsere Politiker mal aufwachen. Der Möchtegern Sultan mit seinen Äußerungen, wie, wenn ich nach Deutschland kommen will, dann werde ich kommen. Den müsste man klar und deutlich sagen, das er in Deutschland eine unerwünschte Person ist und fertig. Wenns der Russe gewesen währe würden Sanktionen folgen, warum nicht bei Erdogan. Der weiß genau wie er Deutschland zu packen bekommt und wann alles kuscht, natürlich mit den Kriegsverbrechen. Erdogan sollte nicht mit Steinen werfen, denn er sitzt im Glashaus, nicht wir.

06.03.2017 22:39 Mölle 19

Der Türkei müssen mal Grenzen aufgezeigt werden.Ich denke das man dieses Land aus dem Schutz der Nato ausschliessen sollte,alle Deutschen Soldaten dort abziehen und fertig. Dann soll Erdogan sehen wo er bleibt, wenn das nächste mal die Gefahr besteht das die Türkei von Raketen angegriffen werden könnte und dann dieses mal keine Raketenabwehrbatterien aus Deutschland dastehen.Schon damals mit dem Jungen der im Türkenknast schmoren musste wegen einer Vergewaltigung eines ich glaube 15 jährigen Mädchens aus England was gar nicht stimmte,da hätte die Türkei Größe zeigen können und den jungen freilassen können.EU Mitglied nie und nimmer.

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