Ein rotes Parteibuch lehn an einem Plakat des Traditionsbanners der SPD, von 1863.
In eine Partei eintreten, sich ein Parteibuch geben lassen, Mitgliedsbeitrag zahlen, sich engagieren und mitgestalten? Offenbar ist das gerade um die Bundestagswahl herum für viele Menschen besonders attraktiv. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Parteieintritte Wie sich die Bundestagswahl auf die Mitgliederzahlen der Parteien auswirkt

Über 1.000 neue Mitglieder habe die Linke nach der Bundestagswahl verzeichnet, das verkündet die Partei stolz auf ihrer Website. Auch Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz brüstet sich mit fast 1.000 SPD-Neueintritten allein am Wahlabend. Wie sind diese Zahlen zu bewerten – und wie hat sich die Bundestagswahl auf die Mitgliederzahlen der anderen Parteien ausgewirkt? Ein Überblick.

von Christine Reißing, MDR AKTUELL

Ein rotes Parteibuch lehn an einem Plakat des Traditionsbanners der SPD, von 1863.
In eine Partei eintreten, sich ein Parteibuch geben lassen, Mitgliedsbeitrag zahlen, sich engagieren und mitgestalten? Offenbar ist das gerade um die Bundestagswahl herum für viele Menschen besonders attraktiv. Bildrechte: MDR/Mario Köhne

Maximilian Acker-Ehrhardt ist groß und trägt eine markante runde Brille. Er ist 23 Jahre alt, gelernter Kaufmann, lebt in Halle. Erst vor Kurzem ist er in den FDP-Kreisverband eingetreten: "Circa zwei, drei Wochen vor der Wahl habe ich mich dann doch entschieden, es zu machen."

Bevor er sich für die Partei – und deren Jugendorganisation Junge Liberale – entschieden hat, habe er ein halbes Jahr lang FDP-Stammtische besucht, berichtet Acker-Ehrhardt: "Ich muss wirklich sagen: Die Leute, die man da kennenlernt – das ist wirklich sehr inspirierend und motivierend. Und das ist definitiv eine Sache, die ich fortführen möchte."

Alle Parteien verzeichnen Zuwächse

Der 23-Jährige ist kein Einzelfall, zeigt eine Recherche von MDR AKTUELL: Auf Bundesebene verzeichnen sowohl CDU als auch AfD, SPD, Grüne, Linke und FDP seit der Wahl Zuwächse. Sie liegen zwischen 300 und 3.800 Neuanträgen.

Ungewöhnlich sei diese Entwicklung nicht, sagt Hendrik Träger, Politikwissenschaftler an der Uni Leipzig: "Wenn man sich das über einen längeren Zeitraum hinweg anguckt, fällt auf, dass Parteien, die entweder in die Regierung gekommen sind oder die zumindest ein sehr gutes Wahlergebnis einfahren konnten, einen gewissen mobilisierenden Effekt haben. So war das auch während der letzten Jahrzehnte."

Nachgefragt: Parteieintritte seit der Bundestagswahl
CDU SPD AfD FDP Linke Grüne
Derzeit noch keine konkreten Angaben möglich - "Konnten aber feststellen, dass es nach der Wahl bei der Bundesgeschäftsstelle einen Anstieg bei den Online-Anträgen für die Parteimitgliedschaft gab." (CDU-Zentrale) "Seit dem Wahlabend über 3.800 Eintritte" (SPD-Sprecher Geiger) "In der Zeitspanne vom Wahlabend bis zur ersten Fraktionssitzung (24.-27.09.) hatten wir eine Eintrittswelle von rund 300 Mitgliedern." "Alleine in der Woche vor und nach der Bundestagswahl sind insgesamt fast 2.000 Online-Aufnahmeanträge eingegangen." melden 1.500 Online-Eintritte seit der Wahl, genauere Zahlen aus den Landesverbänden müssen abgewartet werden "Allein über die Parteizentrale in Berlin sind zwischen Sonntagabend und dem 04.10. 1.172 Eintritte erfolgt."

Mitgliedschaft ist nicht gleich Engagement

Über die Austritte will die SPD-Parteizentrale nicht reden. Seit dem Wahlabend seien aber bundesweit rund 3.800 neue Mitglieder eingetreten, in Sachsen waren es 120. Politikwissenschaftler Träger erklärt das mit dem Wunsch, dazuzugehören. Das kennt auch FDP-Neumitglied Maximilian Acker-Ehrhardt: "Ich habe nicht die größten finanziellen Mittel, ich bin ja auch noch sehr jung. Weder komme ich aus einer Arzt-, noch aus einer Rechtsanwalt-Familie, sondern aus einer wirklich ganz bodenständigen. Aber ich möchte im Leben noch etwas erreichen – und ich finde, die FDP unterstützt die Bürger da genau richtig." Wie die Parteizentrale der AfD MDR AKTUELL sagte, seien bundesweit binnen drei Tagen nach der Wahl 300 neue Mitglieder eingetreten.

Politikwissenschaftler Träger warnt allerdings, eine Mitgliedschaft überzubewerten: "Man kann ja immer noch für sich selbst entscheiden, was man dann in der Partei macht. Ist man einfach bloß zahlendes Mitglied und ansonsten nur eine Art Karteileiche?" Denn am Ende engagiere sich nur höchstens ein Drittel der Mitglieder auch wirklich aktiv, so der Experte.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 06.10.2017 | 05:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2017, 06:40 Uhr

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9 Kommentare

07.10.2017 13:25 Ekkehard Kohfeld 9

@ Ulf 8 Für jemanden der sozial engagiert ist und gerne politisch etwas bewegen möchte ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um in die SPD einzutreten. Da wird in den nächsten Jahren viel in Bewegung sein und die Partei wird sich verändern.##Sie haben vergessen das als Satire zu kennzeichnen oder ist das ernst gemeint o.K. die Bewegung wird es geben immer weiter nach unten und die verändern ja sie wird wenn sie so weiter macht von der Bildfläche verschwinden.

07.10.2017 11:11 Ulf 8

Für jemanden der sozial engagiert ist und gerne politisch etwas bewegen möchte ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um in die SPD einzutreten. Da wird in den nächsten Jahren viel in Bewegung sein und die Partei wird sich verändern.

06.10.2017 17:02 pudd'nhead 7

wer heute noch der spd beitritt scheint die partei-geschichte der genossen in den letzten zwanzig jahren nicht zu kennen. ein debakel wie anno dazumal zwischen dem ende der sozialistengesetze und dem ende der november-revolution. aus dieser zeit stammt der begriff: parteibonzen.
und wie ist das mit der rentenkürzungs-partei fdp, waren die nicht u.a. deswegen mal verschwunden?

06.10.2017 15:43 Fragender Rentner 6

Na hoffentlich gibt es da noch ein paar Bürger die nicht in irgend eine Partei eingetreten sind, sonst können sie in Zukunft keine Erfolgsmeldungen mehr verkünden.

06.10.2017 11:51 Fakten-Jack 5

"Wenn man sich das über einen längeren Zeitraum hinweg anguckt, fällt auf, dass Parteien, die entweder in die Regierung gekommen sind oder die zumindest ein sehr gutes Wahlergebnis einfahren konnten, einen gewissen mobilisierenden Effekt haben."

Ich bin kein Politikwissenschaftler, aber nach der Theorie dürfte es derzeit nur Eintritte in FDP und AfD geben, denn nur diese hatten ein Plus von mehr als 5%. Alle anderen sind mehr oder weniger abgestraft worden. Und die Option auf Regierungsbeteiligung bringt nach obiger Theorie noch die Grünen mit ins Rennen, aber da fehlt mir selbst der Glaube...
Aber sollen die Parteien sich ruhig freuen, wenn schon die Wähler weglaufen...
Ich halte das Parteiensystem ohnehin für fragwürdig und überholt...
Mehr Basisdemokratrie bitte, Demokratie nach Schweizer Vorbild, Medienlandschaft dito

06.10.2017 10:31 Markus 4

Leider nicht nur in Hitlerzeit und in DDR, aber auch in heutigem Deutschland, kann Parteimitgliedschaft gleich Berufsverbot bedeuten. Heute betrifft das vor allem AfD-Mitglieder. Kaum zu glauben, aber war: es gibt Arbeitgeber, die offen sagen, dass AfD-Mitgliedschaft und eine bestimmte Arbeitsstelle nicht zusammen gehören!

06.10.2017 09:37 Maik 3

Lieber MDR stellt doch mal eine Grafik zusammen Eintritte-Austritte seit der Wahl. Das wäre doch mal Interressant. Es werden immer nur Eintritte dargestellt aber es treten doch auch Leute aus.

06.10.2017 08:29 D.o.M. 2

Eintritte in die SPD ??!!?? Seit wann springt man AN Bord eines sinkende Schiffes? Vorzeichen verwechselt ?

06.10.2017 05:26 Caroline 1

""Seit dem Wahlabend über 3.800 Eintritte" (SPD-Sprecher Geiger)"

Da steht ja nun nichts mehr im Weg das Herr Schulz Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wird.