Neonazi
Ein gewaltbereiter Kern betreibt Demo-Hopping quer durch die Republik. Bildrechte: IMAGO

Rechtsextremismus Brauner Wanderzirkus wird zunehmend zum Problem

Halle an der Saale, am 1. Mai dieses Jahres: Rechtsextremisten aus dem Rhein-Main-Gebiet randalieren im Anschluss an eine Neonazi-Demonstration. Der Rädelsführer ist polizeibekannt: Immer wieder war er irgendwo im Bundesgebiet auffällig geworden. Das ist nur ein Beispiel für ein verbreitetes Phänomen: Gewaltbereite Dauerdemonstranten, die quer durch die Republik von Demo zu Demo reisen. Unser Autor berichtet über diesen rechten Wanderzirkus:

von Sebastian Hesse, MDR AKTUELL

Neonazi
Ein gewaltbereiter Kern betreibt Demo-Hopping quer durch die Republik. Bildrechte: IMAGO

Zahlen gibt es nicht, denn bislang hat niemand diesen Typus des gewaltbereiten Demo-Touristen systematisch erfasst. Aber wer auch immer rechte Gewalt beobachtet, kennt das Muster. So auch David Begrich vom Verein 'Miteinander' in Magdeburg: "Der Begriff des 'Braunen Wanderzirkus' trifft insofern zu, als dass wir bundesweit einen harten Kern in der Neo-Nazi-Szene haben, der gleichwohl gewaltbereit von Demonstration zu Demonstration durch die gesamte Bundesrepublik reist. Und dort seit einigen Jahren als Gewalttäter auch auffällt."

"Sie kommen, um Krawall zu machen"

David Begrich
David Begrich vom Verein Miteinander Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angehörige dieser Gruppe sind selten Anmelder der Demos. Sie werden in der Regel auch erst nach den Aufmärschen aktiv, wie zum Beispiel in Halle. Das macht es so schwierig, sie rechtzeitig zu erfassen: "Wir haben eine Situation, dass wir bei bestimmten Veranstaltern, wie Personen der Neonazi-Szene, bestimmten Parteien, Gruppierungen oder Kameradschaften wie 'Die Rechte', 'Der dritte Weg' einen Kern von Teilnehmenden an der Demonstration haben. Da wissen wir von vornherein: Die kommen nicht aus der Region. Die sind auch nicht da, um ihr Recht auf Versammlungsfreiheit wahrzunehmen. Egal, wie man im Einzelfall dazu steht. Sie kommen, um Krawall zu machen."

Rechtsextremistische Taten "explodieren"

Auch Enrico Stange, der innenpolitische Sprecher der Linke-Fraktion im sächsischen Landtag, kennt das Phänomen: "Im rechtsextremistischen Schlägerbereich gibt es diesen Tourismus. Die sind gut vernetzt und unterwegs, man denke an den Überfall in Connewitz. Also, Linksextremismus geht runter, Rechtsextremismus explodiert regelrecht. Das ist deutlich erkennbar."

 Der Landtagsabgeordnete der Partei Die Linke, Enrico Stange
Enrico Stange (Die Linke) im Landtag Bildrechte: dpa

Mit Connewitz meint Stange den Überfall rechter Schläger auf Kneipen und Läden in dem Leipziger Szeneviertel, am 11. Januar vergangenen Jahres. Die vermummten Täter waren aus ganz Mitteldeutschland und Berlin angereist, organisiert über soziale Netzwerke. Kein Einzelfall, attestiert der Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes, Gordian Meyer-Plath: "Für alle Extremismus-Bereiche ist das Internet, besonders die sozialen Netzwerke, ein ganz wichtiges Handwerkszeug. Sowohl um ihre Ideologie zu verbreiten, aber auch um kurzfristig zu mobilisieren."

Polizei als Hauptfeindbild

Diesem Typus von Schlägertouristen geht es, in seiner perfiden Logik, um Ansehen und Ehre im Kampf gegen vermeintliche Feinde. Und das richtet sich insbesondere gegen die Polizei, mittlerweile das Hauptfeindbild dieses Milieus. Der Landtagsabgeordnete Enrico Stange beobachtet das mit Sorge: "Als Gegner sieht man die an, weil die gut ausgebildet sind. Die sind in Selbstverteidigung unterrichtet, üben das ständig. Und die sind fit. Ich glaube schon, dass das als 'würdiger Gegner' angesehen wird. Und solche Hooligan-Strukturen rechtsextremistischer Gewalttäter sind in ihrem Habitus darauf aus, nicht den kleinen Zwerg zu überfallen, sondern tatsächlich einen 'würdigen Gegner' niederzustrecken. Das ist das Höchste der Ehre und danach suchen die bewusst."

So auch am 1. Mai dieses Jahres: Auf der Rückreise von Halle haben die rechten Schläger einen Zwischenstopp in Apolda eingelegt, um dort gezielt Polizisten zu attackieren.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 05.07.2017 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2017, 10:49 Uhr

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51 Kommentare

07.07.2017 11:14 der_Silvio 51

Deutschland hat ein generelles Problem mit Extremismus und extremistischer Gewalt, sei dies von rechts oder links. Beinahe mantrisch wird uns durch die Medien vermittelt, wie schlimm Rechtsextremismus ist.
Ist denn Linksextremismus und die damit verbundene Gewalt besser!
Ist ein Faustschlag weniger schmerzhaft und schlimm, wenn er von einem Linksextremen kommt?
Erst gestern wurde im Radio berichtet, daß die Polizei in HH bis zu 8.000 gewaltbereite Linke und Linksautonome erwartet und nicht weiß, was auf die Behörden an Gewaltpotenzial zukommt.
Ja, Deutschland hat ein Problem mit Rechts- UND Linksextremismus, ja sogar mit islamistischen Extremismus - Wachstum der Muslimbruderschaft (kam heute früh ebenfalls im Radio).

06.07.2017 16:42 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 50

@ 46:
Es dürfte wohl ein Unterschied machen, ob man in Apolda anhält, um eine Demo zu veranstalten oder ob man in Apolda anhält, um Polizisten anzugreifen.

Offensichtlich machst Du da keinen Unterschied. Ich schon.

06.07.2017 16:35 ralf meier 49

@Joachim Dierks Nr 47 : Hallo Herr Dierks. Wenn jemand in einem Kommentar über rechtsextreme Gewalt auf linksextreme Gewalt zu sprechen kommt, kann man ihm schon den Vorwurf des Relativierens stellen . Ich würde bei meinen zwei veröffentlichten Kommentaren den Vorwurf OffTopic vorziehen, da ich mich weniger auf den Artikel und mehr auf andere Kommentatoren bezog. Anders sieht dies bei drei weiteren nicht freigeschalteten Kommentaren von mir aus. Da bezog ich mich sehr wohl auf den Artikel und kritisierte, daß er ohne aktuellen Anlass ausgerechnet zu einem Zeitpunkt erschien, an dem ganz aktuell ein ganz anderer roter Wanderzirkus stattfindet. Da ich möchte, daß Sie dieser Kommentar erreicht, formuliere ich jetzt mal ganz vorsichtig. Meine nicht freigeschaltete Kritik am Artikel lief darauf hinaus, daß ich dem Autor genau das vorwarf, was Sie mir hier vorwerfen dürfen, nur umgekehrt.

06.07.2017 16:27 Pfingstrose 48

Man sollte den braunen Wanderzirkus in seiner Gesamtheit verbieten. Vorallem diese Aufmärsche und Konzerte. Da aber Justizia blind ist auf einen Auge entscheiden die Gerichtsbarkeiten immer gegen ein Verbot. Und so kann dieser braune Wanderzirkus immer sein Tun fortführen.

06.07.2017 12:48 Joachim Dierks 47

Kommentare 41-44 machen mich optimistisch, dass es noch Leute gibt, die sich dem Rechtsruck und der rechten Augenwischerei entgegen treten. Weiter so!

Nur Herr Meier relativiert mal wieder rechte Gewalt mit linker...Ein Kardinafehler!

Ich kann Herrn Gabriel überhaupt nicht leiden, aber diese Typen in Heidenau als Pack zu bezeichnen, da hatte er vollkommen Recht!

06.07.2017 12:04 Werner 46

@08:56 Krause - 43: "Wenn solch ein 'Gewalttourismus' ungestraft auftreten darf, wo und wie er will, dann wird er für weitere Gewaltaffine interessant und das Problem eben noch wachsen."
Selten, in diesem Fall 100% Zustimmung. Mir ist aber bekannt, dass du in guten und bösen Gewalt-Tourismus unterteilst. Ich nicht.

06.07.2017 11:41 Karl L. 45

Rechts und Links von Ernst Jandl

Lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum!

Eines ist dabei sonnenklar: Wenn wir nicht alle und der Staat voran, dabei seine Bürger schützend, energisch gegen Extremismus jeglicher Art vorgehen, dann geht das hier nicht mehr lange gut.

06.07.2017 10:24 Demokratiefreund 44

@Peter (17): "Immer im gleichen Duktus:
Es gibt ja auch Linksextremismus. Über die wird aber nie berichtet."

Das ist eben auch eine Form eines rechten Wanderzirkus. Das hat System, das ist eine bekannte Kommunikationsstrategie, nennt sich derailing. Es geht beim Derailing in erster Linie darum, eine Debatte an sich zu reißen, ihr Thema zu ändern und dabei die inhaltliche Oberhand zu gewinnen. Geht es in einem Artikel explizit um Rechtsextremisten, wird einfach versucht, das Thema zu ändern. Funktioniert recht gut.

06.07.2017 08:56 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 43

Die Geschichte, wen Gabriel als 'Pack' angesprochen hat, ist klar dargelegt, kann selbst recherchiert/nachgeprüft werden.
Um so interessanter immer wieder, wer sich unter diesen Umständen immer noch selbst als 'Pack' ansieht und damit öffentlich hausieren geht.

Wenn solch ein 'Gewalttourismus' ungestraft auftreten darf, wo und wie er will, dann wird er für weitere Gewaltaffine interessant und das Problem eben noch wachsen.

06.07.2017 08:36 ralf meier 42

@05.07.2017 09:24 Demokratiefreund Nr 19: Sie zitieren die Ärzte mit ihrem Spruch: "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe".

Diese Einstellung haben die Linken eigentlich für ihre eigene gewaltaffine Clientel reserviert. Wie sagte doch Claudia Roth im Maischberger Talk 2004: Gewalt ist immer auch ein Hilferuf.Es ehrt Sie, daß sie diese tolerante Haltung auch gegenüber Rechtsextremen zeigen.