Schüler lernen an einer Hauptschule.
Der "Chancenspiegel" beleuchtet vor allem die Bildungsgerechtigkeit im deutschen Schulsystem. Bildrechte: dpa

"Chancenspiegel 2017" Viele ausländische Schüler bleiben ohne Abschluss

Ein zentraler Befund der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 war: In keinem anderen Industrieland hängt Bildungserfolg so sehr vom sozialen Hintergrund der Schüler ab wie in Deutschland. Inzwischen gibt es Fortschritte, auch in anderen Bereichen. Der "Chancenspiegel 2017" hat jedoch eine neue Herausforderung ausgemacht - die Integration von Flüchtlingskindern.

Schüler lernen an einer Hauptschule.
Der "Chancenspiegel" beleuchtet vor allem die Bildungsgerechtigkeit im deutschen Schulsystem. Bildrechte: dpa

Mangelnde Chancengerechtigkeit für junge Ausländer ist ein großes Problem im deutschen Schulsystem. Das ist das Fazit der Analyse "Chancenspiegel 2017" der Bertelsmann-Stiftung . Bei Jugendlichen mit ausländischem Pass ist demnach das Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen, mehr als doppelt so hoch wie für ihre deutschen Mitschüler.

Der Untersuchung zufolge stieg seit 2011 der Anteil der ausländischen Schüler ohne Abschluss von 12,1 auf 12,9 Prozent, während die Quote bezogen auf alle Schüler von 6,2 auf 5,8 Prozent sank. An der Studie sind auch die TU Dortmund und die Uni Jena beteiligt, verwendet wurden Daten von 2002 bis 2014.

Dennoch Fortschritte

Die Analyse bescheinigt dem deutschen Schulsystem im Vergleich zur Lage vor 15 Jahren insgesamt Fortschritte. Der Anteil aller Schulabgänger ohne Abschluss habe 2002 bei 9,2 Prozent gelegen, bei jungen Ausländern waren es sogar 16,7 Prozent.

Auch die jüngste PISA-Studie sah weiter einen Zusammenhang von Herkunft und Bildungschancen - die Kluft habe sich jedoch verkleinert. Nach wie vor gebe es zu viele Schüler mit sehr schwachen Leistungen, also potenzielle Schulabbrecher mit entsprechend geringen Job-Chancen.

Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, verlangte einen gemeinsamen Kraftakt von Bund, Ländern und Gemeinden zur besonderen Förderung solcher Problemschüler. Auf allen Ebenen müsse die Bildungspolitik dafür sorgen, dass die jährliche Zahl von knapp 50.000 Abgängern ohne Abschluss deutlich sinke.

Mehr als die Hälfte macht Abi

Das deutsche Bildungswesen ist der Studie zufolge seit dem "PISA-Schock" 2001 im internationalen Vergleich moderner, leistungsfähiger und auch gerechter geworden. Viele Bundesländer hätten ihre Schulsysteme durchlässiger gemacht und führten mehr junge Menschen zum Abitur. Diese Quote stieg seit 2002 von gut 38 auf über 52 Prozent.

Zudem seien Sonderschüler mittlerweile besser integriert als im vergangenen Jahrzehnt, immer mehr besuchten fürs gemeinsame Lernen (Inklusion) eine reguläre Schule. Auch der von Bildungsforschern empfohlene Ausbau von Ganztagsschulen kommt voran: Während vor 15 Jahren nur eines von zehn Kindern ganztags zur Schule ging, sind es laut Studie derzeit etwa vier von zehn. 

Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung lobt die zunehmende Vielfalt in den Klassenzimmern und Verbesserungen in den Bildungssystemen aller Bundesländer. Dennoch blieben große Unterschiede, die teils noch größer geworden seien. So schwankt der Anteil der Ganztagsschüler zwischen nur 15 Prozent in Bayern und fast 80 Prozent in Sachsen beziehungsweise über 88 Prozent in Hamburg.

Drei Jahre Lernunterschied zwischen Sachsen und Bremen

Einen weiteres Problem benannte Nils Berkemeyer aus Jena. Demnach gibt es beim Kompetenzerwerb in der neunten Klasse einen Unterschied von mehr als drei Lernjahren zwischen Sachsen und Bremen. Das öffentliche Schulsystem müsse trotz des Bildungsföderalismus vergleichbare Chancen bieten und allen ein Mindestmaß an Fähigkeiten vermitteln. Auch das sei eine Frage der Gerechtigkeit.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Fernsehen | 01.03.2017 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2017, 14:09 Uhr

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22 Kommentare

02.03.2017 18:15 karstde 22

@D.o.M. 7: Bitte nicht drehen wie man es braucht. Bei den Befreiermächten untersagte man Deutschland auch die Produktion von Waffen. Da hält man sicht nicht daran. Was ist nun Revanchismus für Sie?

02.03.2017 13:42 Thomas 21

Der Bericht beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Fragestellung "Förderung schwächerer Schüler", "Inklusion", etc. und versteht darunter "Chancengleichheit".
Im gesamten Bericht kommt nicht einmal das Wort "begabt" vor. Haben denn begabte Kinder keinen Anspruch auf Chancengleichheit und Förderung nach ihren (eigenen) Fähigkeiten? Wie fair sieht da unser Schulsystem aus?
Von daher: Einseitige Betrachtung.

02.03.2017 12:01 Ekkehard Kohfeld 20

@ Pirnaerin 14 Also lernen muss jeder für sich selbst. Wenn man den Willen zum Lernen hat, dann stellt sich später auch der Erfolg ein. Da ist es egal ,ob man Deutscher oder Flüchtling ist.##Also sie wissen schon das man einige in einem gewissen Alter schon zum lernen anhalten muss sonst wird das nichts.Was glauben sie was ohne Schulpflicht passieren würde,die gibt es nicht weil einem nichts besseres einfiel.

01.03.2017 21:26 Ludwig 19

@18 gneisenau
Und nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums stehen in Deutschland jährlich 3000 dieser jungen Mädchen vor der Zwangsverheiratung :( Wozu sollten diese Armen auf einen ordentlichen Schulabschluss hinarbeiten!?

01.03.2017 20:48 gneisenau 18

@ 01.03.2017, 14:20 | Peter Pohl 6,

es handelt sich nicht pauschal um ausländische Schüler, meist sind es die, mit einer bestimmten religiösen Hintergrund, Staatsideologie/Kultur, mit noch rückständigeren Elternhaus. Ein Geschlecht darf dann meist auch nicht zum Schwimmunterricht teilnehmen. Verstehen Sie was ich meine ? einer näheren Beschreibung bedarf es da bestimmt nicht oder ?

01.03.2017 20:35 nasowasaberauch 17

Es ist schon ein Dilemma mit der Bildung. Föderalismus ist als Instrument der demokratischen Kontrolle gut aber nicht für jedes Ressort. Bildung und Sicherheit müssen in eine Hand sonst entstehen Stilblüten wie die gegenseitige Nichtanerkennung von Bildungsabschlüssen aus verschiedenen Bundesländern. Das Schulsystem von Finnland ist heute Spitze, weil es zentral geleitet wird und einen besseren gesellschaftlichen Stellenwert hat.

01.03.2017 19:10 Bürgerin 16

Anforderungen nach unten zu korrigieren ist definitiv der falsche Weg. Er unterstützt mangelnde Anstrengungsbereitschaft und setzt das Bildungsniveau herab.Vielmehr sollte man sich ehrlich fragen, warum heutige Schüler und Abiturienten nicht mehr schaffen wollen, was andere vor ihnen durchaus schaffen konnten. Liegt es wirklich an den Anforderungen oder vielleicht an der Lerneinstellung?
Ich glaube, das ist der Weg des geringsten Widerstands und definitiv falsch.

01.03.2017 18:54 Ekkehard Kohfeld 15

@ Karl L. 12 Da kann ich mich ihnen nur anschließen,vor einiger Zeit ein Interview auf WDR 2 mit eine Schulleiterin gehört,auf der Schule sind 32 Nationen vertreten,wie macht man da noch Unterricht wo bekommt man die ganzen Dolmetscher her?Aber solche Interview werden ja nicht an die große Glocke gehängt sondern verschwinden ganz schnell in den Archiven.Mal Indianer-Jones gesehen da verschwinden die Sachen auch in Riesen Archiven aus den Augen aus dem Sinn was in manchen Filmen doch für Wahrheiten stecken und woher man das wohl weiß?? :-)

01.03.2017 18:48 Pirnaerin 14

Also lernen muss jeder für sich selbst. Wenn man den Willen zum Lernen hat, dann stellt sich später auch der Erfolg ein. Da ist es egal ,ob man Deutscher oder Flüchtling ist.

01.03.2017 18:30 Pfingstrose 13

Man sollte überlegen woher diese menschen kommen.