Bruno Jost und Andreas Geisel stellen Abschlussbericht vor
Sonderermittler Bruno Jost und Berlins Innensenator Andreas Geisel bei der Vorstellung des Abschlussberichts zum Fall Anis Amri. Darin werden zahlreiche Fehler der deutschen Sicherheitsbehörden aufgelistet. Bildrechte: dpa

Fall Anis Amri Sonderermittler attestiert Polizei grobe Fehler

Manipulierte Akten, verpasste Chancen zur frühzeitigen Festnahme oder keine Zusammenarbeit - viele Fehler der Sicherheitsbehörden im Fall des Terroristen Amri sind bereits bekannt. Jetzt listet ein Sonderermittler sie detailliert auf.

Bruno Jost und Andreas Geisel stellen Abschlussbericht vor
Sonderermittler Bruno Jost und Berlins Innensenator Andreas Geisel bei der Vorstellung des Abschlussberichts zum Fall Anis Amri. Darin werden zahlreiche Fehler der deutschen Sicherheitsbehörden aufgelistet. Bildrechte: dpa

Die deutschen Sicherheitsbehörden haben im Fall des Attentäters vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, zahlreiche Fehler gemacht. Dieses Fazit zieht der Sonderermittler des Berliner Senats, Bruno Jost, in seinem Abschlussbericht, den er zehn Monate nach dem islamistischen Terroranschlag vorlegte.

Aktenmanipulation bereits zwei Tage nach Anschlag

Die meisten Kritikpunkte in seinem 72-seitigen Abschlussbericht hatte Jost bereits in seinem Zwischenbericht aufgelistet. Jost analysierte sie aber noch einmal in vielen Details.

Etwa, dass im Berliner Landeskriminalamt nachträglich Akten manipuliert wurden, um eine verpasste Gelegenheit zu vertuschen, Amri lange vor dem Anschlag im Dezember vergangenen Jahres festzunehmen. Neu ist, dass die Aktenmanipulation bereits zwei Tage nach dem Anschlag begann, als ein Bericht an den Berliner Senat verfasst wurde.

Es gab grobe Fehler, die nicht hätten vorkommen dürfen.

Bruno Jost

Oberflächliche Vernehmung

Jost stellte zudem noch einmal fest, dass Amri bereits Ende Juni hätte festgenommen werden können. Monate vor dem Anschlag war er in Friedrichshafen festgenommen und zwei Tage lang festgehalten worden. Doch die Vernehmung Amris sei oberflächlich und nicht an seinem Status als islamistischer Gefährder orientiert gewesen. Die Polizei habe sein Handy nicht beschlagnahmt.

Chance auf Festnahme verpasst

Außerdem seien Landeskriminalbeamte aus Berlin und Nordrhein-Westfalen nicht nach Baden-Württemberg gereist, um Amri mit den zahlreichen Verdächtigungen gegen ihn zu konfrontieren. Den Behörden in Nordrhein-Westfalen und Berlin war Amri wegen seines Drogenhandels und gefälschter Ausweise bekannt.

Jost sprach von einer zumindest sehr realistischen Chance, ihn in Friedrichshafen über drei oder vier Monate aus dem Verkehr zu ziehen. In dieser Zeit hätte eine Abschiebung Amris erreicht werden können.

Da wurde alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Bruno Jost

Überwachung zu früh eingestellt

Besondere Vorwürfe erhob Jost gegen die Kripo in Berlin. Sie habe Überwachung Amris schon Ende Juli abgebrochene, obwohl eine Genehmigung bis Ende Oktober vorlag.

Das LKA Berlin habe zudem Amri im Februar 2016 kurz festgehalten und sein Handy beschlagnahmt. Bis dahin sei das Vorgehen korrekt gewesen - aber anschließend seien die Daten aus dem Handy nicht ausgewertet worden, obwohl möglicherweise wichtige Kontakte zu islamistischen Unterstützern daraus hervorgegangen wären.

Jost stellt deshalb fest: "Man kann einen Fall wie Amri nicht 08/15 2behandeln. Das geht nicht. Amri war einer der Gefährder, die im GTAZ (Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum) so oft und intensiv besprochen wurden wie kaum ein anderer. Und dann kann man nicht so tun, als ob man da einen Eierdieb festgenommen hätte."

Attentäter immer schwerer rechtzeitig erkennbar

Amri war am 19. Dezember 2016 einen polnischen Lkw-Fahrer erschossen und war mit dessen Laster auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gefahren und hatte elf Menschen getötet. Etwa 40 Menschen wurden verletzt. Vier Tage später wurde er in Mailand von italienischen Polizisten erschossen.

Jost räumt ein, dass es für die Polizei viel schwerer geworden sei, Täter wie Amri rechtzeitig zu erkennen. Die islamistischen Terroranschläge würden inzwischen mit einem geringen Aufwand verübt, es gebe kaum Vorbereitungen und daher auch viel schlechtere Chancen für die Polizei, früh genug etwas zu merken.

Amris Fluchtweg durch Europa

Fluchtweg von Anis Amri durch Europa
Bildrechte: MDR.DE

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 12.10.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 20:49 Uhr

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31 Kommentare

14.10.2017 16:02 Klaus 31

{ Soviel Naivität ist nicht mehr zu fassen 27 }
Was für ein Unsinn. Ich kann bei meiner Arbeit auch niemand verantwortlich machen, wenn ich etwas verbockt habe. Die Polizei sollte für ihre Fehler einstehen und zusehen, dass sich das nicht wiederholt. Anderswo hat man ja auch wenig Skrupel durchzugreifen, da sollte man sich bei ausländischen Straftätern nicht so memmenhaft verhalten und dann auch noch die Schuld woanders suchen. Es ist mir natürlich klar, dass der typische AfD-Wähler die Schuld natürlich immer woanders sieht. Aber der typische AfD-Wähler ist in der Regel nicht besonders schlau.

13.10.2017 17:12 Fragender Rentner 30

Was ist denn an den Aussagen neu?

Haben die nichts wichtigeres zu tuen?

13.10.2017 13:57 Exakt das ist der Fall 29

@13.10.2017 12:11 Soviel Naivität ist nicht mehr zu fassen

(Amri ist durch die Netze gegangen, weil der Dienstherr scharfe Ermittlungen im islamischen Kontext als inopportun betrachtet)

Und das hat auch Merkels "Sonderermittler" vollumfänglich verstanden. Er wird seine "Ermittlungen" ausschliesslich auf den Polizeiapparat konzentrieren und ansonsten möglichst weit zur Seite sehen. Und den Namen Jäger nicht einmal buchstabieren können.

13.10.2017 12:12 Brennabor 28

Wird irgend jemand fristlos entlassen ?
12 Tote gab es auch in Bad Aibling, allerdings
"nur" wegen eines Spielsuchtsüchtigen.

13.10.2017 12:11 Soviel Naivität ist nicht mehr zu fassen 27

@12.10.2017 23:15 Klaus (Die Fehler wurden von der Polizei gemacht und dazu sollte die Polizei auch stehen.)

Der erste, der darauf hereinfällt - leserkommentarhistorisch erwartungsgemäss.
Sie haben keine, aber wirklich gar keine Ahnung von den Abläufen in einer Polizeibehörde unter Rot-Grün. Was nach Köln an Wirkungs- und Kausalzusammenhängen in Sachen Ermittlungsarbeit publik geworden ist, ist die Spitze der Spitze des Gipfels des Eisbergs. Ich darf zudem an die unsägliche "Nafri"-Debatte", angestossen von der Grünen-Funktionärin Peters, erinnern. Madame musste nachher mit Volldampf zurücklaufen, weil die öffentliche Empörung über das damit kommunizierte absurde PC-Weltbild nicht mehr zu kontrollieren war. Was glauben denn wohl Sie, warum so viele Polizisten vorauseilende Stammwähler der AfD sind? Amri ist durch die Netze gegangen, weil der Dienstherr scharfe Ermittlungen im islamischen Kontext als inopportun betrachtet und kommuniziert hat.

13.10.2017 11:58 Werner 26

@05:24 ein schon länger in Deutschland lebender 18: "Warum holen sie diese Drogendealer nicht von der Straße?" Das geht nicht. Die kennen das Zauberwort aus 4 Buchstaben. Einmal Aufgesagt, am Besten in die Kameras, und man ist Immun.

13.10.2017 11:18 DasletzteAbendmahl 25

Man kann doch wohl von einem Staat erwarten , daß er vorher schlauer ist und nicht erst nachher. Die Anzeichen waren doch schon da. Es gab genug strafrechtliche Gründe diesen "Menschen" schon viel früher aus dem Verkehr zu ziehen.

13.10.2017 10:47 Uwe 24

So lange es weiterhin so ist das Polizeibeamte welche ihren Job Ernst nehmen und sobald die Tatverdächtigen Ausländer oder rotrotgrüne sind , immer damit rechnen müssen von denen mit Anzeigen überzogen zu werden, auch wenn die definitiv nichts falsch gemacht haben, die Anzeigeerstatter noch nicht mal ein finanzielles Risiko tragen, wogegen die Polizeibeamten die benötigten Anwälte selbst bezahlen müssen wird es weiterhin zu extrem Fehlern kommen da eine ordentliche Arbeit nicht mehr möglich ist. Dazu kommt noch die Verfolgung durch Medien und der Schutz o.g. durch Justiz und Politik.

13.10.2017 10:35 Altmeister 50 23

@ 21 andre
Die von Ihnen richtig analysierten Unzulänglichkeitenwaren mit Sicherheit vor 2015 vorhanden. Nur, sollte man es dann begrüßen, daß in diese Situation hinein on top über 1 Mio Neubürger hinzukommen, die hinsichtlich innerer Sicherheit und Terrorgefahr eine überdurchschnittliche Schippe in neuer Qualität drauflegen ? Ich meine nein.

13.10.2017 09:44 Ureinwohner 22

" Da wurde alles falsch gemacht, was man falsch machen kann." Diese Feststellung betrifft in erster Linie die Bundesregirung und im Besonderen die Bundeskanzlerin ("Die Fehler von 2015 dürfen sich nicht wiederholen.") Dann erst folgen andere staatliche Insitutionen wie BAMF ( 14 Identitäten) und LKA´s und Ermittler aller Couleur.


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