Eine als 'Judensau' bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg
Das Relief "Judensau" an der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg. Bildrechte: dpa

Wittenberg Protestaktion gegen die "Judensau"

Kurz vor dem Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum in Wittenberg haben Persönlichkeiten aus Kirche und jüdischer Gemeinschaft gegen das umstrittene Relief "Judensau" an der Stadtkirche protestiert. An der Kundgebung am Samstagnachmittag in der Lutherstadt beteiligten sich nach Angaben der Initiatoren etwa 40 Bürger. Auch Martin Luther gilt als Antisemit. Worum geht es in der Auseinandersetzung?

Eine als 'Judensau' bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg
Das Relief "Judensau" an der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg. Bildrechte: dpa

Das um 1300 angebrachte Relief zeigt eine Sau, die Menschen säugt - gemeint sind Juden. Ein Mann, der der Sau ins After schaut, soll ebenfalls einen Juden darstellen. Mit der Schmähung sollten Juden abgeschreckt werden, sich in der Stadt niederzulassen. Im Mittelalter wurden durch solche Abbildungen an vielen Kirchen Menschen des jüdischen Glaubens geschmäht.

Anlässlich des 500. Reformationsjubiläums ist nun wieder die Debatte über den Umgang mit der "Judensau" neu entbrannt, die wegen einer nachträglich ergänzten Inschrift auch "Luthersau" genannt wird. Auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) gilt als Antisemit. Besonders in seinen späten Schriften hetzte er gegen Juden.

Wie argumentieren die Befürworter des Reliefs?

Die Gemeinde der Stadtkirche und der Wittenberger Stadtrat haben sich für den Erhalt des Reliefs außen an der Stadtkirche ausgesprochen. Sie argumentieren, als eine der ersten Kirchengemeinden in Deutschland habe die Stadtkirchengemeinde 1988 ein Mahnmal eingeweiht, das sich auf die Schmähplastik beziehe. Die Bodenplatte lege sich dem Besucher förmlich in den Weg. Auf diese Weise werde ein Erinnerungsstück der Geschichte bewahrt und zugleich schuldbewusst und kritisch kommentiert. In einem Positionspapier heißt es: "Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort."

Die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann in einem Hörfunkstudio des MDR-Landesfunkhauses Thüringen.
Landesbischöfin Ilse Junkermann: "Geschichte lässt sich nicht einfach entsorgen" Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Auch Landesbischöfin Ilse Junkermann hat sich für einen Verbleib ausgesprochen. Die Kirche stehe zu ihrer Geschichte, auch wenn sie schmerzhaft sei, sagte sie dem MDR. Ebenso sieht es der Wittenberger Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Ex-DDR-Bürgerrechtler. Geschichte lasse sich nicht einfach entsorgen.

Am 31. Oktober finden in Wittenberg ein Festgottesdienst und ein Festakt zur Erinnerung an die 1517 von Luther veröffentlichten 95 Thesen statt. Die Thesen wurden zum Ausgangspunkt der Reformation, die zu der Spaltung in eine katholische und evangelische Kirche führte.

Was wollen die Gegner des Reliefs an der Kirche?

Die Initiative um den ehemaligen Studienleiter der Evangelischen Akademie in Hamburg, Ulrich Hentschel, den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und den Theologen Uwe-Karsten Plisch will die Skulptur entfernen lassen. In dem Relief sehen die Kritiker eine anhaltende Schmähung jüdischer Menschen und des Judentums. Sie fordern, das Relief - im Original oder als Duplikat -  in einem neu gestalteten Kontext zu präsentieren. So soll zum Nachdenken angeregt und Antisemitismus verurteilt werden.  

Der Münchner Künstler Wolfram P. Kastner fordert seit vielen Jahren, antijudaistische Schmähplastiken zu entfernen. Aus seiner Sicht behält das Bild seine verhöhnende Funktion, auch wenn daneben eine Gedenk- oder Informationstafel angebracht ist. Er plädiert dafür, solche Reliefs zwar nicht zu zerstören, aber sie ins Innere der Kirche zu verlegen. Die historische Bedeutung müsse schonungslos offengelegt werden: "Wir brauchen ein Schuldeingeständnis und müssen alles dafür tun, das Antisemitismus und Rasismus nicht mehr möglich ist.", argumentiert Kastner.

Eine weitere Initiative um den Juden und Theologen Richard Harvey will ebenfalls die Abnahme der Skulptur erreichen - jedoch soll das Relief in ein Museum überführt werden. Der Londoner startete eine Petition, die bisher gut 8.000 Unterschriften zählt. Das Gotteshaus »sollte ein Ort sein, der mit Würde und Schönheit und nicht mit Obszönität und schockierenden antisemitischen Bildnissen geschmückt ist". Die Skulptur sei bis heute ein Angriff auf Juden und verspotte sie und ihren Glauben.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 22.10.2017 | 07:56 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2017, 22:41 Uhr

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11 Kommentare

30.10.2017 19:19 HERBERT WALLASCH, Pirna 11

Immer diese Gutmenschen mit ihrem überhöhten Moralverständnis, mit aus dem zeitlichen gesellschaftlichen Zusammenhang gerissenen Argumentationen. Natürlich ging es damals um klare Abgrenzung, Christenmenschen und die Anderen, akzeptierte Moralvorstellungen des Mittelalters, Geschichte. Auch die jüdischen Stämme sind nicht durch menschenleeren Raum gezogen und die Ansässigen konnten auch nicht das Wenige mit den Neuankömmlingen teilen, also gab es notgedrungen mehr als nur Probleme. Man könnte aufrechnen, würde dann sicherlich als ein Antisemit dargestellt. Doch auch der Zionismus setzt auf klare Abgrenzung, ein bewährtes religiöses Dogma zu allen Zeiten.

30.10.2017 10:25 Simon60 10

Nun Luther war ein Antisemit oder besser ein Judenhasser. Nicht aus den fälschlicherweise oft zitieren rassischen Gründen, sondern ausschließlich aus religiösen Gründen.

Dessen ungeachtet ist dieser Sachverhalt den heutigen protestantischen Kirchenfürsten aber auch vielen politisch Korrekten Gläubigen peinlich. Die einfachste Lösung: WEG DAMIT!

Anmerkung: Das Judentum ist wie der Islam eine Religion. Genetische Mutationen durch Religionszugehörigkeit konnten bis dato nicht nachgewiesen werden. Insoweit ist klar, dass nur Debile (IQ <50) Rasse und Religion verwechseln.

30.10.2017 09:38 Blumenfreund 9

Tja, die Menschen von damals werden sich schon was dabei gedacht haben. Die werden diese Skulptur ja nicht aus langer Weile gemacht haben. Einen Sinn wird diese schon haben.

29.10.2017 19:52 Ludwig 8

Ja, das Christentum hat sich halt stark entwickelt in den zwei Jahrtausenden. Zur Zeit der Skulptur war die Erde für die Christen noch eine Scheibe und Gott lenkte aus dem übergestülpten Himmel die Geschicke der Menschen und seiner ganzen Schöpfung. Heute muss man sich schon sehr anstrengen, um den Winkel im All zu finden, in den sich Gott zurückgezogen hat ;) Das macht ja die Krise des Christentums aus, dass es für die Gläubigen immer komplizierter wird, an das überirdisch Göttliche zu glauben. Da haben es die Muslime einfacher. Der Koran gibt Gottes Botschaft wörtlich wieder. Deshalb kann es auch keine Reformation dieser Religion geben - einzig Blasphemie. Und die wird da auch heute noch hart und härter bestraft.

29.10.2017 18:39 Dorfbewohner 7

Teilzitat der Nachrichtenüberschrift: “...Kurz vor dem Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum in Wittenberg haben Persönlichkeiten aus Kirche und jüdischer Gemeinschaft gegen das umstrittene Relief "Judensau" an der Stadtkirche protestiert…”.

Dazu “Wessi 6
...Es zeigt halt die negative Seite des Protestantismus..”

Diese Verallgemeinerung von Ihnen ist im höchsten Maß diskriminierend für evangelischen Christen weltweit!
Diese heute lebenden Christen haben wohl nichts aber auch gar nichts mit einer im Mittelalter angebrachten Skulptur an irgend einer Kirche zu tun. Ich spare mir die Zeit momentan zum Suchen ähnliche alter Skulpturen auch an anderen Kirchen der weltweit verbreiteten Christen auch anderer Konfessionen.

Gerade für Sie, der permanent für die Rechte Gläubiger eintritt und einfordert, sollte sich eine derartige und höchst unzulässige Verallgemeinerung verbieten!

29.10.2017 16:17 Wessi 6

@ 3 selten,daß ich Ihnen zustimme.Ich habe zwar keine Angst vor dem Zeitgeist, also der Moderne (s. hierzu Seligmann/Erfolg d.Rechten 33-45), aber mit einem Hinweis auf die Widerlichkeit sollte es da bleiben wo es ist.Es zeigt halt die negative Seite des Protestantismus, wie die warmherzige Aufnahme von Schutsucheden 2015 die positive Seite zeigte.

29.10.2017 13:32 D.o.M. 5

Für mich als überzeugten Atheisten ist diese Darstellung inhaltsleer. Sie kann und sollte also als einfaches historisches Kunstwerk erhalten bleiben.
Im übrigen ist jeder christliche Gottedienst eine Verhöhnung all jener Opfer, die die gewaltsame Christianisierung der Sachsen und Slawen in unserem Raum gefordert hat.

29.10.2017 12:29 pitti 4

Wir feiern also den "bereinigten"Luther. Warum suchen wir nicht zunächst nach den Gründen von Luthers Äußerungen.? Soviel gedankenfreiheit ist dann doch schädlich , nicht wahr?

29.10.2017 12:08 ralf meier 3

@Ludwig Nr 2: Hallo Ludwig , generell kann ich Ihre Argumentation gut nachvollziehen . Dieses Machwerk aber ist einfach nur widerlich hasserfüllt und menschenverachtend.
Das kann man auch erkennen, ohne sich irgend welche unsinnigen Schuldgefühle einreden lassen zu müssen.
Wenn es irgendeinen Grund gibt, es trotzdem an seinem Platz zu lassen, dann die Befürchtung, die schon der fragende Rentner andeutete. Es könnte sein, daß sich nach der Entfernung dieses Machwerkes irgend ein moderner Zeitgeistkünstler veranlasst sehen könnte, dort seiner Inspiration freien Lauf zu lassen.

Also lassen wir doch besser dort stehen, aber verweisen wir vor Ort und unübersehbar darauf, daß dieses widerliche Machwerk antisemitischer Hetze kein Kunstwerk ist

29.10.2017 11:01 Ludwig 2

Natürlich wäre es das Einfachste, alle historischen Werke (Bauten, Literatur, Malerei etc.) von allem zu säubern, was nicht mehr in die heutige Zeit passt. Dann bitte auch alle Straßen, die Namen von Berühmtheiten tragen, welche nicht vollständig und in allen Lebensbereichen vorbildlich nach heutiger Ansicht wirkten - also alle - umbenennen in Blumen- oder Tiernamen oder nur beziffern. Lasst uns doch einfach unsere Geschichte und die Auseinandersetzung mit dieser!