Auf einen weißen Briefumschlag ist mit blauem Stift ein Wal gezeichnet.
Am 24. September war Wal ... [Gutes Wortspiel, oder?] Bildrechte: MDR/Martin Paul

Berliner Notizen Schnell- und Fehlschüsse nach der Wahl

Die Bundestagswahl hat die politischen Verhältnisse in der Republik ordentlich durchgerüttelt. In den Tagen, die folgten, haben viele vieles und manche nichts gesagt. Und es ging auch mal etwas daneben – so die Beobachtung unseres Kolumnisten aus der Hauptstadt.

von Uwe Jahn, Hauptstadt-Kolumnist für MDR AKTUELL

Auf einen weißen Briefumschlag ist mit blauem Stift ein Wal gezeichnet.
Am 24. September war Wal ... [Gutes Wortspiel, oder?] Bildrechte: MDR/Martin Paul

Im ganzen Hin und Her nach dieser Bundestagswahl löst sich auch mal ein rhetorischer Fehlschuss. Erst recht, wenn man tüchtig etwas einstecken musste – wie zum Beispiel die CDU mit ihrer Vorsitzenden:

Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Das werden ihr die eigenen Leute schon noch erklären, möchte man denken.

Stühlerücken und schlechte Witze

Ansonsten ist nichts mehr wie es war. Und das geht am Kabinetts-Tisch los: Verkehrsminister Alexander Dobrindt wird Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Finanzminister Wolfgang Schäuble wird Bundestagspräsident, Arbeitsministerin Andrea Nahles wird SPD-Fraktionschefin. Wie sie sich in dem Abschieds-Durcheinander von den Kabinettskollegen der Großen Koalition fühlt?

Ein bisschen wehmütig. Und ab morgen kriegen sie in die Fresse.

Andrea Nahles, neue Chefin der SPD-Fraktion im Bundestag

Dieser rhetorische Schuss in den Ofen sollte wohl lustig sein. Man erkennt es am Lachen von Andrea Nahles. Wer noch nie einen schlechten Witz gerissen hat, der werfe den ersten Stein.

Was gibt es da zu lachen!?

Der Fraktionsvorsitzende der AfD im Landtag in Brandenburg, Alexander Gauland
Immer für einen guten Witz zu haben: Alexander "Hundekrawatte" Gauland. Bildrechte: dpa

Die Neuen von der AfD dagegen wirken eher, als hätten sie mit Humor grundsätzlich nichts am Hut. Spitzenkandidat Alexander Gauland meint es also ernst, wenn er sagt: "Mein Vater hat noch am sächsischen Königshof gedient. Es gab ja keine kaiserliche Armee, sondern es gab nur eine kaiserliche Flotte und eine kaiserliche Luftwaffe und nur königlich preußische, sächsische Soldaten." Die politischen Rezepte der AfD, so viel sei hier gesagt, sind eindeutig jüngeren Datums.

Doch zurück zur allerältesten deutschen Volkspartei, die jetzt bei 20 Prozent liegt, zurück zur SPD. Deren Flucht aus der Großen Koalition verdonnert die Grünen und die FDP mehr oder weniger zum Bündnis mit der Merkel-CDU. Das daraufhin einsetzende Murren bei Gelben und Grünen pariert der Hamburger Sozialdemokrat Olaf Scholz mit der wohl schlagfertigsten Antwort der Woche:

Ja, da kann ich jetzt auch nicht helfen.

Olaf Scholz, SPD und Bürgermeister von Hamburg

Und das, wo Hilfe allerorten vonnöten ist! Nehmen wir die CSU. Sie hat am meisten verloren und mit ihr der Vorsitzende Horst Seehofer. Jetzt will er wenigstens rhetorisch die rechte Flanke schließen. "Wenn ich sage rechte Flanke, dann heißt das nicht Rechtsruck." Kein Rechtsruck heißt ja vielleicht auch: weniger Querschläger von den Weiß-Blauen. Nicht einen angeblichen Kontrollverlust beschreien, sondern einfach mal klar machen, dass Deutschland beispielsweise die Asylpolitik seit zwei Jahren bei jeder Gelegenheit verschärft.

Was kann ich denn dafür!?

Genau in diesem Bereich könnte es für die Grünen allerdings besonders schwierig werden mit der CSU. Das hat der Bayer Anton Hofreiter schon lange vor der Wahl geahnt. Sein rhetorischer Schnellschuss aus dem Sommer: "Es ist alles nicht einfach, [lacht] das kann man überhaupt nicht abstreiten. [lacht noch immer]"

Aber das Lachen könnte den Grünen vergehen. Erst recht, wenn sie es mit Angela Merkel zu tun bekommen. Die hat bereits alle Koalitionspartner davor kurz und klein regiert. Davon abgesehen wird ihr auch vorgeworfen, dass die Volksparteien von einst kaum noch zu unterscheiden wären.

Wenn ich nun auch dafür verantwortlich bin, dann in Gottes Namen.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Das hätte sie nach reichlicher Überlegung vermutlich nicht so gesagt. Im Durcheinander nach dieser Bundestagswahl lösen sich eben auch mal ein paar rhetorische Fehlschüsse.

Diese Kolumne sendet MDR AKTUELL auch im: Radio | 01.10.2017 | 07:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2017, 17:52 Uhr

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7 Kommentare

01.10.2017 16:21 Pfingstrose 7

Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten. Angela Merkel, Bundeskanzlerin
Mehr über den Tellerrand schauen und die Fehler von 2015 berichtigen indem keine Flüchtlinge mehr in Massen nach Deutschland herein gelassen werden. Mehr auf der Bürger Stimme und Meinung eingehen und hören anstatt alles im stllen Kämmerchen zuentscheiden und auszubrüten.

01.10.2017 15:48 Normalo 6

@ 2 Das ist ein wahres Wort und ein richtig guter Vorschlag. 24 Quasselverbot für alle an der Wahl Beteiligten. Wie nerven die eintönigen Dankesworte an die Wähler, die manchmal absurde Bemerkung die Wahl nicht verloren zu haben (gruseliges Beispiel Frau Lieberknecht zur letzten Landtagswahl, mit verschleiertem Blick immer die gleiche Floskel, in jede Kamera. Oder noch schlimmer Gaulands Gequassel von "seinem Volk", da sei Gott vor dass ich jemals zu denen gehöre, die dem nachlaufen).

01.10.2017 15:11 Wieland der Schmied 5

@ 4 Altmeister Zitat „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten(Merkel)" > Genauso ist es. Es kann passieren was will, die Gute wird davon nicht berührt. Die 2-monatige Wahlkampf-Tortour von Singen bis München gab ihr deutliche Zeichen ihrer Unbeliebheit, sie setzt sich darauf. Sie „erntete“ ein Wahlergebnis wie seit 1949 nicht mehr für die CDU, sie setzte sich darauf. Ihr Getreuer Seehofer wird schon von den Bayern „angezählt“ und erhält noch ein letztes Wort zum Parteitag der CSU im November, kann hier aber bereit die Schlußglocke bekommen. Merkel schüttelt das nicht, sie hat ja ihre Raute, vermutlich ein Geheimzeichen. Wenn sich jetzt Tillich und Haseloff gegenseitig ihr Leid klagen, das Bild des Seehofer vor Augen, dann werden sie wohl auf Abhilfen sinnen. Das legitime Druckmittel wäre, wenn Seehofer oder sein Nachfolger die einzige Trumpfkarte zögen, den Austritt aus der Viererbande. Merkel gibt sogar den Schäuble und den Altmeier her als letztes Aufgebot!

01.10.2017 12:27 Altmeister 50 4

"Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten."
Ein so freimütiges Eingeständnis der Unfähigkeit, die Ursachen für die krachende Niederlage zu erkennen, gibt es in der Politik selten. Gleichwohl wirkt die daran enthaltene Aussage, daß es aus Sicht von Merkel so weiter gehen könne wie bisher, sehr bedrohlich, verbirgt sich doch dahinter ein Wahrnehmungsverlust der Entfremdung zwischen der politischen Eliten und dem Wahlvolk. Sollte diese Kluft nicht geschlossen werden, ist eine weitere Distanzierung und Hinwendung zu Randparteien absehbar.

01.10.2017 12:27 pudd'nhead 3

am ausgang der wahl sind einzig und allein die wähler mit ihrer kurzsichtigkeit schuld, die nicht in der lage sind langfristig zu denken. jetzt haben wir die parteien-zersplitterung, die zu befürchten war. wenn keine neuwahlen kommen haben wir nur interessengeleitete flügelkämpfe zu erwarten, die wie immer für den bürger nichts bringen werden. mit populistischen versprechen ist es eben nicht getan. poltik braucht langen atem, geduld, sachlichkeit ... eine absolute mehrheit für die cdu/csu hätte eine starke durchsetzungsfähige regierung bedeutet, kritik mit einbegriffen.

01.10.2017 10:44 so macht man das! 2

In dieser schnellen Zeit lässt man sich nach der Wahl nicht einmal Zeit zum "Luftholen" und "Nachdenken". Das wäre aber angebracht, bevor wiederum hastige und unüberlegte Sätze gesprochen und Dinge getan werden.
Ein jeder Politiker sollte nach der Wahl nach Hause fahren und 24 Stunden nicht wieder auftauchen. Hernach kann man immer noch über Glück und Unglück, Zusammensetzungen und Trennungen etc. pp. sprechen.
Alles, was dann besprochen und entschieden wird, hat dann sicher Hand und Fuß.
Alles andere wird früher oder später bereut.

01.10.2017 10:11 OHNEWORTE 1

„Wenn ich nun auch dafür verantwortlich bin, dann in Gottes Namen.“

Scheinheilige ....

Sowas kann nur ein Mensch aeussern , der Atheist ist , und weiss , es gibt keinen Gott ,der sie in die Verantwortung nimmt.