Ein Lehrer vor Schülern im Klassenzimmer
Sachsen wirbt um Lehrer aus Bayern: Aber wollen die überhaupt im Freistaat leben und arbeiten? Bildrechte: Colourbox

Strategien gegen Lehrermangel Bayerische Lehrer für Sachsen

In Sachsen herrscht Lehrermangel, das ist nicht neu. Und so wird schon länger um Absolventen aus anderen Bundesländern geworben. Nun hat Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth mitgeteilt, es gebe künftig eine Kooperation mit Bayern. Dort ausgebildete Lehrer, die in Bayern erstmal keine Stelle bekommen, dürfen künftig in Lehrer-Seminaren gezielt von Sachsen umworben werden.

von Matthias Winkelmann, MDR AKTUELL

Ein Lehrer vor Schülern im Klassenzimmer
Sachsen wirbt um Lehrer aus Bayern: Aber wollen die überhaupt im Freistaat leben und arbeiten? Bildrechte: Colourbox

Die Zahlen klingen dramatisch. Sachsen hat zum neuen Schuljahr 1.400 Lehrerstellen zu besetzen. Davon sind bis jetzt, zwei Monate vorher, gerade mal 865 besetzt. Angesichts dieses Mangels ist kaum jemand abgeneigt, wenn es darum geht, frisch ausgebildete Lehrer aus Bayern nach Sachsen zu locken. "Es ist grundsätzlich erstmal positiv, dass man überhaupt was versucht", sagt die bildungspolitische Sprecherin der SPD im Landtag, Sabine Friedel.

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth habe durchaus recht, wenn sie sage, in Bayern gebe es einen Überschuss an Lehrern. Allerdings, so schränkt die SPD-Politikerin ein, gelte das vor allem für Gymnasiallehrer. Und das sei nun gerade die Lehrerart, bei der der Mangel in Sachsen am niedrigsten sei. Bei den Grund- und Mittelschullehrern sehe das eher schlechter aus.

Qualifiziert genug?

Bleibt außerdem die Frage, wie qualifiziert die angehenden Lehrer sind. Schließlich geht es um jene, die in Bayern abgelehnt wurden. Sorgen um ihre Qualifikation macht sich Friedel aber nicht.

Wenn man sich die Einstellungsnoten in Bayern anschaut, dann sind die relativ hoch. Das heißt, Bewerber, die dort nicht genommen werden, haben trotzdem gute Noten.

Sabine Friedel, bildungspolitische Sprecherin (SPD)

Friedel bezweifelt nur, dass viele Lehrer aus Bayern abgeworben werden können. Einen Versuch sei es aber wert. Das sieht auch Ursula-Marlen Kruse so. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen (GEW) sagte, jede ausgebildete Lehrkraft, die nach Sachsen komme, sei herzlich willkommen.

Umstrittene Gehaltszulage

Allerdings glaubt auch sie nicht, dass ein paar Lehrer aus Bayern das Personalproblem an Sachsens Schulen lösen können: "Ich habe Zweifel daran, dass Lehrkräfte aus Bayern in der Größenordnung gewonnen werden können, wie das in Sachsen notwendig wäre", so Kruse. "Wir bräuchten ja, um den Lehrerbedarf zu decken, mehrere hundert Lehrkräfte aus Bayern. Das kann ich mir schlichtweg nicht vorstellen."

Zudem sei es starker Tobak, dass die Lehrer aus Bayern mit einer Gehaltszulage von 595 Euro geködert würden, die sächsische Lehrer nicht bekämen*). Dennoch, so Kruse, könnten viele in Bayern abgelehnte Lehrer trotzdem lieber nach Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz ziehen. Sie würden dort noch immer viel besser bezahlt als in Sachsen. Die GEW fordert deswegen weitere Maßnahmen. Neben dem Werben von Lehrern aus anderen Bundesländern könne man auch darüber nachdenken, sie aus dem Ausland holen, so Kruse. Und natürlich müsse die Bezahlung in Sachsen thematisiert werden.

Qualitätseinbußen durch Quereinsteiger?

Sachsens Kultusministerin Kurth will auch weiter stark auf Quereinsteiger setzen, die in den Lehrerberuf wechseln. Schon jetzt kommen zwei Drittel der Bewerbungen auf Lehrerstellen in Sachsen von Quereinsteigern. Zukünftig sollen neben Diplom- und Masterabsolventen auch jene mit Bachelor verpflichtet werden. Die GEW befürchtet deswegen weitere Qualitätseinbußen. Landesvorsitzende Kruse sagt, in Sachsen nehme man inzwischen fast jeden.

*) Anmerkung der Redaktion: In dem indirekten Zitat „Zudem sei es starker Tobak, dass die Lehrer aus Bayern mit einer Gehaltszulage von 595 Euro geködert würden, die sächsische Lehrer nicht bekämen“ entsteht der Eindruck, dass ausschließlich Lehrer aus Bayern die Zulage erhalten, Lehrer aus Sachsen nicht. Das ist nicht richtig. Auf Nachfrage des MDR erklärte ein Sprecher des Kultusministeriums Sachsen, dass "seit dem 1.1.2017 in Sachsen eine sogenannte Gewinnungszulage an Lehrer gezahlt wird, die in einer 'Mangelregion' oder in einem 'Mangelfach' (z.B. Mathematik) unterrichten. Die Zulage beträgt rund 600.- Euro monatlich. Sie ist nicht an das Herkunfts-Bundesland des Lehrers gekoppelt. Ein Lehrer aus Sachsen, der z.B. in einer Mangelregion in Sachsen unterrichtet, erhält ebenfalls die Zulage".

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 19.06.2017 | 16:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2017, 17:39 Uhr

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27 Kommentare

21.06.2017 20:19 Oberschullehrer 27

@24 Dem Absolventen kann ich nur Recht geben. Eine unrühmliche Rollen spielen hier nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch die Medien. Diese übernehmen ohne weiteres die Daten der sächsischen Landesregierung ohne wirklich diese genauer zu hinterfragen oder Recherche an den Schulen zu betreiben. Hier wird einfach alles in einen Topf geschmissen und umgerührt.
In Sachsen Lehrer zu werden, kann einem Vergehen. Deshalb kann ich die zukünftige Lehrergeneration nur beste Wünsche geben auf ihrem Weg in ein anderes Bundesland.

21.06.2017 19:09 Alter Greis 26

Der Problemherd ist Herr Unland als "Obersparguru" und Herr Tillich als "Wegdrücker". Finanzminister Unland ist auf dem besten Weg dieses Bundesland Tod zu sparen. Wer will denn in einem Land noch Kinder bekommen geschweige Leben, indem Kindergärten fehlen, Schulen modern, Lehrer vergreisen und Polizisten ewig brauchen, weil sie weder ordentlich ausgestattet noch in ausreichender Zahl vorhanden sind. Für Herrn Unland stellt sich die Zukunftsfrage nicht. Er hat seine Schäfchen ins Trockene gebracht. Und Herr Tillich? Der duckt sich wie immer weg. Hat doch auch zu Hause nichts zu melden. Das konnte man sehr gut auf dem Semperopernball bestaunen!

21.06.2017 15:38 karstde 25

@ Peter 20: In diesem Fall haben Sie recht. Singular wäre besser gewesen. Wollen wir die Lehrer hier mal Fragen, welche Partei diese gewählt haben und wählen werden?

21.06.2017 07:58 Absolvent 24

Sowohl Frau Kurth als auch unser lieber Herr Finanzminister scheinen vor jeglicher Realität die Augen zu verschließen. Und die Medien stellen sowohl die Einstellungen als auch den Bedarf unkritisch und unreflektiert dar - und in ein paar Monaten werden es dann wieder die "geldgeilen" Lehrer sein, die für ihren halbtagsjob eine angemessene Bezahlung fordern. Nur nebenbei: Es wurde in ganz Dresden NICHT EIN Deutsch oder Englischlehrer eingestellt. NICHT EINER! Die Einstellungszahl am Gymnasium ist lächerlich gering, die zukünftige Zahl der Rentner allerdings real. Absolventen werden Verträge angeboten, die kein Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft unterschreiben würde und dann sind es erneut die bösen Absolventen und keineswegs die Unfähigkeit der Verantwortlichen, die in den Medien dargestellt wird! Entschuldigung, aber da kann man einfach nur noch mit dem Kopf schütteln! Seiteneinsteiger können die gewünschte Abholfe schaffen, allerdings nur, wenn man sie dementsprechend unterstützt!

20.06.2017 21:32 MatheLehrer 23

Es ist schon interessant, dass ich als langjährig angestellter Lehrer in 2 Mangelfächern (Mathe und Chemie) bisher noch nicht von meinem Arbeitgeber Sachsen die og Prämie von 600€ bekomme.

Weiterhin ist es fraglich, ob man so nicht Lehrer in zwei Klassen einteilt und den Unmut Vergrößert und die Motivation verringert.

Es sollen alle gleich bezahlt werden, unabhängig vom Fach, da alle die gleichen Ausbildungszeiten hinter sich haben (Ausnahme Quereinsteiger mit verkürzter Ausbildung)

Für mich sind diese Entscheidungen von Kultus und dem Finanzministerium schlichtweg schlecht.

20.06.2017 19:01 Oberschullehrer 22

@19 Da kann ich ihnen in allen Punkten recht geben. Besonders die Ausstattung an den sächsischen Schulen lässt zu wünschen übrig. Überall wird Digitalisierung gepredigt und ich komme mir im Info-Kabinett wie in der Steinzeit vor.

@21Sven
Sie brauchen schon keine großen Gerdanken machen, dass jetzt sofort Unmengen an bayrischen Lehrern nach Sachsen strömen werden. Diese Kollegen werden sicherlich nicht so "bekloppt" sein und den Weg in unseren Freistaat finden, wenn sie die Möglichkeit haben in anderen Bundesländer zu gehen. Und die wenigen die KOmmen, werden in den meisten Fällen auch schnell wieder gehen, wenn sie merken wie es hier läuft.

20.06.2017 18:44 Sven 21

Und wie sollen wir die hier integrieren? Überhaupt wir haben hier schon so viele Bayern dass ich mich überfremdet fühle! Eine Obergrenze muß her. Seien wir doch mal realistisch die kommen aus einem ganz anderen Kulturkreis und sind nicht integrierbar. Letztes Jahr hab ich im Oktober bei H&M im Paunsdorfcenter sogar Bayrische Stammestracht gesehen, und einen Rosenmontagsumzug gab es auch. Ich würde sagen das Maß ist voll! Da haben wir schon das nächste Thema: Wenn das so weiter geht werden wir bald nur noch ungefilterten Gärschlamm in viel zu großen Gläsern als Bier verkauft bekommen. Habt ihr das Lust drauf? Ein Leben mit trüben permanent schalem und sauer schmeckendem Bier-Imitat? Das ist doch fein, zuhause versauen sie sich ihr Mietniveau und weil sie keine bezahlbare Wohnung finden kommen sie hier her. Wie war das doch gleich mit Wirtschaftsflüchtlingen? Also man könnte ja für verfolgte Minderheiten ne Ausnahme machen. SPD- Mitglieder z.B. Aber bitte nur mit Sprachkursen...

20.06.2017 18:39 Peter 20

@17 karstde: Nicht die Truppen, nein die Truppe (CDU) liegt vorn. Da passt es ins Bild, dass der christdemokratische Finanzminister Unland weiter bei den Lehrern und Polizisten sparen will.

20.06.2017 17:54 War mal Lehrer in Sachsen 19

Ich würde jedem abraten, eine Stelle in Sachsen anzunehmen und jedem, der dort bereits Lehrer ist, sofort abzuwandern.
Ich selbst habe zunächst in Bayern keine Stelle gefunden und habe es in Sachsen versucht. Die wesentlich geringere Besoldung hat schon weh getan, war aber noch irgendwie zu verkraften. Dort angekommen haben mich dann doch schon sehr viele Dinge frustriert, die dazu geführt haben, dass ich nach einem halben Jahr gekündigt habe. An der Oberschule muss man so viele Leistungsnachweise schreiben, dass man häufig bis tief in die Nacht an den Korrekturen sitzt. Das hat was mit der dämlichen Verrechnung der Noten zu tun. Es lohnt sich einfach nicht - auch wenn es mehr Geld gäbe - wo bleibt die Freizeit?. Auch die besonders praktische Edv, wie man sie aus Bayern kennt, ist dort nicht vorhanden. Dort führt man noch Notenbücher und rechnet den Schnitt selbst aus. Viel Spaß.
Und das sind nur zwei Missstände von vielen. Sachsen hat unter diesen Umständen keine Lehrer verdient

20.06.2017 16:58 Oberschullehrer 18

@16 Liebe junge Kollegin, leider kann ich ihr empfinden sehr wohl nachvollziehen. War ich doch vor ca. 3 Jahren in der gleichen SItuation nach meinem Referendariat. Auch ich bin aus persönlichen Gründen hier in Sachsen geblieben. Auch mir wurde so einiges in die Hand versprochen. Gehalten hat der Freistaat Sachsen nicht ein einziges Versprechen. Viele meiner Mitreferendare wurden von den anderen Bundesländern abgeworben, sind geflüchtet oder mit Kusshand aufgenommen wurden. Nicht wenige wären gerne hier geblieben. Einige würden sicherlich auch wieder zurückkommen, doch wer sich einmal woanders etwas aufgebaut hat, den hat der Freistaat verloren! Leider wird es auch wieder mit dieser Lehrergeneration so werden. Und auch die zukünftigen Lehrergenerationen werden nicht in Sachsen sesshaft werden, wenn sich nicht schleunigst etwas ändert.
Wir brauchen jeden wirklich ausgebildeten Lehrer an unseren Schulen! Doch kann ich es keinem Kollegen verdenken, dass er Sachsen verlässt.