Jugendarrestanstalt Halle
Blick in eine Zelle der Jugendarrestanstalt in Halle. Bildrechte: dpa

Schulschwänzer in den Knast Die Beugehaft für Lernunwillige ist umstritten

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Sogenannte Schulverweigerer, also notorische Schulschwänzer, können in letzter Konsequenz sogar in Beugearrest genommen werden. Sprich: In den Knast kommen. Das passiert gar nicht so selten. Allein in Sachsen-Anhalt gab es vergangenes Jahr 192 Fälle. Unter Fachleuten ist das Verfahren jedoch umstritten. Ein Besuch bei Schulschwänzern hinter Gittern.

von Sebastian Hesse, MDR AKTUELL

Jugendarrestanstalt Halle
Blick in eine Zelle der Jugendarrestanstalt in Halle. Bildrechte: dpa

Im Aufenthaltsraum der Jugendarrestanstalt Halle (JAA): Kerstin, Jens und Enrico debattieren ihre Haft-Tagebücher. Alle drei sitzen wegen dauerhaften Schulschwänzens ein.

Ich bin in die falsche Bahn gerutscht. Wir haben angefangen Drogen zu nehmen und hatte dann halt keine Lust auf Schule. Ich bin zwar zur Schule gegangen, dann aber nach zehn Minuten wieder abgepfiffen, weil der Unterricht mir zu lange gedauert hat. Ich bin halt lieber draußen, um zu konsumieren.

Der große Feind

Jens ist 18 und stammt aus Weißenfels. Halle hat die einzige JAA in Sachsen-Anhalt, angegliedert an den berüchtigten Roten Ochsen. Notorische Schwänzer aus dem ganzen Land sitzen hier ein, auch der 18-jährige Enrico aus Magdeburg. Und, wie fühlt es sich an, hinter schwedischen Gardinen?

Scheiße, man fühlt sich wie ein Tier! Es ist halt nicht schlimm hier, aber in der Zelle wird die Zeit auf jeden Fall der größte Feind.

Das empfinden alle drei so, und auch ihre Vorgeschichten ähneln sich. Juristisch ist die Verletzung der Schulpflicht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld von bis zu 1.000 Euro geahndet wird. Wer das nicht zahlen kann, und das können die wenigstens, der kommt in Beugehaft.

"Positive Wohlverhaltensphase"

Die Jugendrichterin Martina Leske aus Halle, die in der JAA als Vollzugsleiterin fungiert, findet es unglücklich, dass Schuleschwänzen, ähnlich wie über eine rote Ampel fahren, über das Ordnungswidrigkeiten-Gesetz geahndet wird. Sie plädiert stattdessen dafür, bei den betroffenen Jugendlichen eine "positive Wohlverhaltensphase" einzuleiten für die Zukunft. Doch dafür sei das Gesetz nicht gemacht.

Das Gesetz ist für Erwachsene gemacht, nicht für Jugendliche. In dem Gesetz ist kein erzieherischer Gedanke verankert.

Leske würde sich schnellere Handlungsoptionen für Schulleiter, Jugendämter und Jugendrichter wünschen. Bei der momentanen Praxis zieht sich das Hin und Her mit unbezahlten Bußgeldbescheiden oft weit über ein Jahr hin, bis es zum Beugearrest kommt. Ihr dauert es zu lange, bis der Jugendliche spürt, dass er für sein Fehlverhalten bestraft wird. Das sei erzieherisch nicht sinnvoll.

Eine Maßnahme muss schnell folgen. Sonst wird sie nicht verstanden.

Enrico aus Magdeburg ist ein gutes Beispiel dafür:

Ja, das finde ich auf jeden Fall doof, dass man jetzt dafür bestraft wird, was man früher gemacht hat. Jetzt bin ich ja schon ein bisschen älter. Die Sache habe ich mit 14 gemacht. Und jetzt kommt das nach und nach an, obwohl man langsam erwachsen werden will. Kann man ja nicht! Wenn man immer wieder was aufgebrummt kriegt, dann geht das nicht.

Immerhin: Alle drei sagen jetzt, wo sie noch einsitzen, dass sie sich bessern wollen:

Ich werde jetzt mehr für die Freundin da sein. Die hat mich ja viel in den Arsch getreten dafür. Und das möchte ich halt irgendwo nicht mehr. // Ja, ich will auf jeden Fall nicht noch mal hierher. Ich will jetzt auch danach noch mal Schule machen und meinen Realschulabschluss. // Also, dass man auf jeden Fall nicht noch mal her will: Das hat einem auf jeden Fall geholfen, ja.

Je nachdem wie viele Bußgeldbescheide die Schulschwänzer nicht bezahlt haben, können sie bis zu fünf Wochen einsitzen. Schulstunden hinter Gittern inklusive. Was Jugendrichterin Leske für einen der wichtigsten Bausteine hält:

Unterricht im Jugendarrest in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt)
Bildrechte: dpa

Wir haben festgestellt, dass es den jungen Leuten gut tut. Sie selber merken, dass es ihnen Freude bringt, unter anderem, mit anderen zu lernen. Am Ende einer Lehreinheit was für sich mitgenommen zu haben, ein Lob bekommen zu haben, was Schlaues gesagt zu haben, dafür Anerkennung von anderen Schülern erhalten zu haben.

Eine Motivation, die bei vielen Betroffenen lange verloren gegangen ist.

Über dieses Thema berichtet MDR aktuell auch im: Radio | 03.02.2017 | ab 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2017, 05:00 Uhr

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7 Kommentare

05.02.2017 10:02 totenkopf75 7

Man stelle sich vor, in meiner Jugendzeit hätte ein Schüler keinen Bock auf Schule gehabt und wäre gar geschwänzt! Unvorstellbar eigentlich für uns. Und wer es doch wagte, bekam was richtig auf den Deckel. Besonders der Fahnenappell war dann sehr "lustig" für den Drückeberger! Oder ein Paar Genossen vom Ministerium für Staatssicherheit besuchten mal die Eltern, was meinen Sie, wie der betreffende Schüler plötzich wieder Lust auf Schule hatte!

04.02.2017 01:01 Freilerner 6

Zur Überschrift: Wieso soll jemand, der Zwangsbeschulung ablehnt, lernunwillig sein? Die wichtigsten Sachen für's Leben lernt man außerhalb der Schule.
Wenn Schulwissen so wichtig für's Leben sein soll und eine Ablehnung der Aufnahme von Schulwissen so schwer bestraft werden muss, dann lade ich die beteiligten Jugendamtsmitarbeiter und Richter zu einer Wiederholung ihrer Abiturprüfungen vor. Wer da den Stoff nicht mehr drauf hat, wandert gleich in den Knast zu den anderen Schulverweigerern.

03.02.2017 20:37 Heutiger zufriedener Großvater 5

Das Probem mit Schulschwänzern auf den Staat abzuschieben ist völlig, fast jedenfalls, falsch. Meine Kinder sagen noch heute, Papa das war die richtige Erziehung. Auch wenn wir damals abgekotzt haben. Übrigens sind das heute Menschen mit beruflichen Erfolgen.
Ich erinnere mich. Habe ich früher Mist gebaut, dann gab es was hinter die Löffel. Bei meinen Kindern hab ich das auch so gemacht. Heute ist das Kindesmißhandlung. Alles ein Ergebnis der heutigen lala Erziehung. Strenge und Liebe zu seinen Kindern sind kein Widerspruch. Heutigen Helikoptereltern sage ich weiterhin Probleme mit ihren Kindern voraus. Ein gewisser Zwang, besser Konsequenz, hat in der Erziehung noch nie geschadet.

03.02.2017 12:45 Richard Rumbold 4

Toll, was in diesem Rechtsstaat möglich ist! Wenn man das hinter sich gebracht hat, findet man den öden Unterricht gleich viel interessanter.

03.02.2017 12:28 Krause - "ich bin ja ein Nazi, aber" 3

Wenn solchen Jugendlichen die Motivation für's Lernen erst innerhalb einer JAA per 'Zwang' beigebracht werden kann, dann haben einige andere Regularien vorher nicht gewirkt oder sie wurden gar nicht erst genutzt.

Wenn dieser Effekt dann mit 1-2 Jahren Verspätung einsetzt, ist noch nicht zu viel Zeit vergeudet worden. Wenn dabei mehr Zeit verloren geht, kann das Aufholen sehr schwer. Leider greift diese Erkenntnis meist erst spät.

03.02.2017 12:13 Peter 2

@1: Liebe Laura, das Thema ist wichtig genug. Hier wächst nämlich die nächste Hartz IV Generation heran.
Keine Schule, keine Ausbildung, kein Job!

03.02.2017 05:34 Laura 1

da denkt man es gibt nichts wichtigeres.

zum Beispiel Kinderehen, aber da kommt der Staat nicht ran, da ist er machtlos.
Aber Staat weiß schon wo er sich seine Busgelder holt.