In einem gut gefüllten Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verfolgen Medizin- und Zahnmedizinstudenten des ersten Studienjahres die Vorlesung zu Gelenken und Muskeln.
Im Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – die Studienplätze sind auch hier begehrt. Bildrechte: dpa

Bundesverfassungsgericht zum Numerus Clausus Diskussion um Auswahlverfahren beim Medizinstudium

1,0 – diesen Durchschnitt brauchen junge Menschen, wenn sie in Sachsen direkt nach dem Abitur Medizin studieren wollen. Tausende Bewerber kämpfen um rund 860 Studienplätze an den Unis in Dresden und Leipzig. Gesetzlich geregelt ist, dass 20 Prozent der Plätze zentral nur anhand der Abiturnote vergeben werden. Weitere 20 Prozent der Bewerber rücken über eine Warteliste nach. 60 Prozent werden Uni-intern ausgewählt. Ist das so in Ordnung? Darüber verhandelt nun das Bundesverfassungsgericht.

von Thomas Matsche, MDR AKTUELL

In einem gut gefüllten Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verfolgen Medizin- und Zahnmedizinstudenten des ersten Studienjahres die Vorlesung zu Gelenken und Muskeln.
Im Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – die Studienplätze sind auch hier begehrt. Bildrechte: dpa

Die Auffassung der Kläger: Die Überpräsenz der Abiturnote verhindert, dass auch Menschen mit anderen Qualitäten, beispielsweise vorherigen medizinischen Kenntnissen, den Arztberuf ergreifen können.

Wer Arzt werden will, sollte nicht mehr so stark von einer überragenden Abiturnote abhängig sein, findet auch die sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange. Das sei nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollten medizinische Vorkenntnisse künftig wichtiger werden. Es sei etwas anderes, wenn jemand mit einem klaren beruflichgen Ziel Mediziner werde und später tatsächlich eine Arztpraxis aufmache, anstatt mit einem abgeschlossenen Studium in die Pharmaindustrie zu gehen, so die Ministerin.

Abiturnote wichtiger als berufliche Vorkenntnisse

Wer also mehr Landärzte wolle, müsse mehr Bewerbern eine Chance geben, die gut mit Menschen umgehen können. Das lasse sich nicht immer an einer Abiturnote ablesen. Die spielt aber auch an der TU Dresden noch eine gewichtigere Rolle als etwa berufliche Vorkenntnisse. Das zeigt sich in dem zweistufigen Auswahlverfahren, das die Uni seit 2009 durchführt. Hier werden in einem ersten Schritt Bonuspunkte vergeben. Bis zu 900 Punkte gibt es für die Abiturnote. Für nachgewiesene Berufspraxis können maximal 100 Punkte gesammelt werden.

Konrad Kästner, Sprecher der Dresdner Medizinischen Fakultät, bestätigt jedoch, dass das Abitur wichtig sei – denn so könne man die Bewerber vergleichen. Hierbei hätten Abiturienten zum Beispiel aus Sachsen gute Chancen: "Durch den Bonus, den wir den naturwissenschaftlichen Leistungen beimessen, können sich Bewerber, die sich aus Sachsen mit einem anspruchsvollen Abitur und allen belegten naturwissenschaftlichen Fächern bewerben, natürlich besser platzieren."

Note plus Gespräch

Abiturienten beispielsweise aus Bremen, Berlin oder Hamburg dürften es schwerer haben. In diesen Ländern können Schüler für ihren Abiturschnitt ein Viertel der schlechten Noten ausklammern. Das Ansehen des Abiturs spielt also eine große Rolle.

Doch das sei nur der erste Schritt im Auswahlverfahren. Die Bewerber müssten sich dann auch noch in einem einstündigen Gespräch beweisen. "Dort finden verschiedene Mini-Interviews zur Motivation, zur Situation des Bewerbers, zur Flexibilität und zu seinen kognitiven Fähigkeiten statt", so Kästner.

Abi-Schnitt das Maß aller Dinge?

Von rund 3.000 Bewerbern pro Semester können am Ende 225 ein Medizinstudium an der TU Dresden aufnehmen. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt am Mittwoch nun, ob an diesem strikten deutschen Auswahlverfahren gerüttelt werden muss. Ob die Abiturnoten auch in Zukunft das Maß aller Dinge sein sollten. Wissenschaftsministerin Stange meint, es sei Zeit, dass die Bundesrichter diese Standards neu bewerten.

Wir haben heute schon deutlich mehr Studierende, die Wartezeiten sind sehr lang geworden. Und ich kann verstehen, dass hier eine rechtliche Überprüfung notwendig ist.

Eva-Maria Stange, Wissenschaftsministerin Sachsen

Schließlich sollte das Grundrecht auf freie Berufswahl auch in Zukunft gewährleistet sein.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 04.10.2017 | 07:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2017, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

6 Kommentare

04.10.2017 16:16 Historiker 6

Das Auswahlverfahren ist nicht gerecht, da ein Abiturdurchschnitt von 1,0 in Sachsen, Thüringen oder Bayern andere Leistungen widerspiegelt als in Berlin, Bremen oder NRW. Das ist aber an den Universitäten durchaus bekannt. Immerhin gibt es den Bildungsmonitor, der auch über die Unterschiede in den Bundesländern Auskunft gibt. Eine bisher ausgeübte berufsqualifizierende Tätigkeit sollte die Bewerbungschancen unbedingt erhöhen. Hinterfragt werden muss aber auch der übermäßig hohe Anteil von Gymnasialschülern in ihrer Altersgruppe. 50% zukünftige Abiturienten dürfte nicht gerechtfertigt sein. Auch eine anspruchsvolle Berufsausbildung muss als erstrebenswert von Lehrern und Eltern vermittelt werden.

04.10.2017 15:02 Anmerkung 5

Sehr gut ausgebildete Krankenschwester , mit super guten Reverenzen , Zensuren, Berufserfahrungen auch im Ausland bekommt keinen Studienplatz , da das Abi nicht 1,0 war sondern ca. 1,8 ist und bewirbt sich schon 6 Jahre umsonst !! Wie sehen dann die Zeugnisse der ausländischen Bewerber aus und die Leistungen der neuen Fachkräfte ???

04.10.2017 13:11 Rico 4

Es gibt doch auch ausländische Medizinstudenten. Die bekommen dann wohl hier eine "Wildcard"?

04.10.2017 10:17 Atheist aus Mangel an Beweisen 3

Ich wünschte mir das die Mediziner besser Deutsch sprechen - als meine Mutter gestorben ist wurde mir dies per Telefon mitgeteilt in dem ich weder sprachlich noch fachlich irgendwas verstanden habe - unglaubliche Zustände das man solche Leute ans Telefon für solche Nachrichten schickt.

04.10.2017 09:14 Udo Degen 2

Deshalb gibt es in Sachsen auch Ärtzte im Überfluß.
Wartezeite bei Terminen von 6 Wochen und mehr sind keine Seltenheit laut Info von Beobachtern aus dem Umfeld der Medizinbranche.
Auch verschreiben diese Ärtzte am meisten Medizin im Bundesdurchschnitt. Deshalb, wenn’s im Ohr pfeift, den guten Teekessel von der Herdplatte nehmen...

04.10.2017 08:53 Untermensch aus Dunkeldeutschland 1

Irgendwie müssen sich die Universitäten die Studenten vom Hals halten. Lieber die Mediziner importieren, als durch die Anerkennung von Pflegeberufen das Studium zu erleichtern und den Pflegeberuf attraktiver zu machen.