Der Ehrenfriedhof an der Gedenkstätte Isenschnibbe
Der Ehrenfriedhof an der Gedenkstätte Isenschnibbe bei Gardelegen. Bildrechte: MDR/Vera Wolfskämpf

Gedenkstätte Isenschnibbe Millionenförderung zum Gedenken an NS-Opfer

In Sachsen-Anhalt ist mittlerweile der Haushalt für 2017/18 festgezurrt. Die Abgeordneten haben in den letzten Wochen heiß diskutiert, wofür das Land wie viel Geld ausgibt. Ein Streitpunkt war die Gedenkstätte in Isenschnibbe, im nördlichen Sachsen-Anhalt. Hier wurden 1945 kurz vor Kriegsende 1.016 KZ-Häftlinge ermordet. Für das geplante Besucherzentrum war zunächst kein Geld vorgesehen. Aber nun sollen doch knapp drei Millionen Euro fließen.

von Vera Wolfskämpf, MDR AKTUELL

Der Ehrenfriedhof an der Gedenkstätte Isenschnibbe
Der Ehrenfriedhof an der Gedenkstätte Isenschnibbe bei Gardelegen. Bildrechte: MDR/Vera Wolfskämpf

Eintausend weiße Kreuze, genau 1.016: Sie erinnern an die KZ-Häftlinge, die im April 1945 bei Gardelegen ermordet wurden. Die SS hatte mehrere Konzentrationslager geräumt, als die amerikanischen Truppen näherkamen.

Für die KZ-Häftlinge waren es Todesmärsche, erklärt der Historiker Andreas Froese-Karow, er leitet die Gedenkstätte in Isenschnibbe: "Sie kamen hier diesen Weg, über die alte Straße, wurden hier in die Scheune gezwungen. Die Scheune wurde abgeschlossen, verriegelt, umstellt und von außen in Brand gesteckt. Das war ein Massenverbrechen, das gezielt geplant war. Das Stroh wurde vorab mit Benzin übergossen. Und es ist ein Massaker, das ging die ganze Nacht." Davon zeugt heute nur noch eine Wand der Feldscheune, die aus den übriggebliebenen Steinen wieder aufgebaut wurde.

Räume für Dauer- und Wechselausstellungen geplant

Nur einen Tag nach dem Massaker erreichten die amerikanischen Alliierten Gardelegen. Sie fanden die Ermordeten und bestimmten, dass die Einwohner Gardelegens die Leichen bargen und auf dem Ehrenfriedhof beerdigten. Aus diesen Tagen gibt es Fotos und sogar Filme. Aber zurzeit stehen nur einzelne Infotafeln auf dem Gelände.

Der Leiter der Gedenkstätte, Andreas Froese-Karow, würde den Besuchern gerne mehr zeigen. Seit dem letzten Jahr gibt es die fertigen Pläne: "Längs dieses Wäldchens wird das Besucher- und Dokumentationszentrum entstehen, ein längliches Gebäude mit Räumen für eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes. Es wird Räume geben für Wechselausstellungen und Veranstaltungen."

Parlament erkämpft Geld für Gedenkstätte

Es sah schlecht aus für das Projekt, denn die Regierung hatte im Haushaltsentwurf kein Geld eingeplant. Doch das letzte Wort hat das Parlament und die Landtagsabgeordneten einigten sich auf insgesamt rund 2,85 Millionen Euro für dieses und nächstes Jahr. Die ersten Vorbereitungen könnten schon in den nächsten Wochen beginnen, sobald die Genehmigungen da sind.

Das Besucher- und Dokumentationszentrum an der "Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen"
Die rekonstruierte Wand (hinten links) und Texttafeln erinnern an KZ-Häftlinge, die hier in einer Scheune verbrannt wurden. Bildrechte: MDR/Vera Wolfskämpf

Die Gedenkstätte erwartet dann mehrere tausend Gäste pro Jahr. Für die Stadt Gardelegen sei es ein äußerst wichtiges Projekt, sagt die Bürgermeisterin Mandy Zepig: "Die Bürger fühlen sich ihrer Gedenkstätte sehr verbunden. So gibt es noch immer Bürger, die Grabstätten pflegen. Zum anderen ist der Name Gardelegen in historisch interessierten Kreisen mit diesem Massaker verbunden. Das hat diese Stelle verdient, vernünftig zu dokumentieren, was dort vorgefallen ist. Und es wird wahrscheinlich auch dazu führen, dass unser Bekanntheitsgrad noch steigt."

Überschüsse aus Vorjahr helfen

Gardelegens Bürgermeisterin ist dankbar, dass sich so viele für Isenschnibbe eingesetzt haben. Sie betont aber auch: Das Land sei in der Pflicht, seit es die Gedenkstätte vor zwei Jahren in die landeseigene Stiftung übernommen hat. So sehen es auch Rüdiger Erben von der SPD und Sebastian Striegel von den Grünen. Beide haben in den Haushaltsverhandlungen auf Geld für das Besucherzentrum gepocht.

Geholfen hätten die Überschüsse aus dem Jahr 2016, erklärt Grünen-Politiker Sebastian Striegel: "Wir hatten ja durch die Finanzmittel, die aus dem Jahr 2016 in Millionenhöhe übrig geblieben sind, die Möglichkeit, ein Investitionsprogramm aufzulegen. Und in diesem Programm ist Isenschnibbe mit enthalten." Verzögerungen hätte er nicht akzeptabel gefunden. Denn angesichts des schrecklichen Massakers brauche es einen Ort für Bildungsarbeit und angemessenes Erinnern.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 21.02.2017 | ab 5:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2017, 08:05 Uhr

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15 Kommentare

22.02.2017 09:15 Frauke Garstig 15

@14 Den Bombardierungen zu Kriegsende gingen die großen deutschen Flächenbombardements der deutschen Luftwaffe vorran! Wer Wind sät, wird Sturm ernten - steht schon so in der Bibel der Christen! Übrigens wurden ein Großteil der Vorbereitungen zum "Blitz" in der Kriegsluftschule in Dresden Klotzsche entworfen! Kannst du nicht wissen, bei deiner einseitigen Beurteilung von Geschichte!

22.02.2017 08:44 Agnostiker 14

@ 13: Dafuer haben sie die Barbarei von Dresden, Nemmersdorf, Wuerzburg, Lamsdorf, Hamburg, Schwintochlowitz, Berlin, Bad Nenndorf, Bruchsal, Nuernberg usw... zu verantworten.
Spaetestens seit 1934 unterstanden uebrigens alle Konzentrationslager der SS, und die hatten schwarze bzw. feldgraue Hemden. Macht nix. Ich kenne auch Frau_Innen die "stolz" darauf sind, den Unterschied zwischen einem Revolver und einer Automatikpistole "nicht zu kennen". ;)
WOFUER diese Gedenkstaette bzw. das gesamte selektive BRD-Gedenken steht, habe ich bereits zweimal erfolglos versucht als Antwort auf Kommentar # 5 zu erlaeutern. Spar ich mir diesmal, wegen der "keine Zensur die nicht stattfindet". ;)

22.02.2017 07:59 Frauke Garstig 13

@10 Die Sieger haben die Barbarei von Issenschnippe nicht zu verantworten! Das waren die feigen Braunhemden, die ihre Hosen randvoll hatten und im Angesicht einer heranrollenden Bestrafung, die Schandtaten ihren willenlosen Unterwürfigkeit verschwinden lassen wollten! Diese Gedenkstätte appeliert an die Menschlichkeit und an die Personen, die damals wie heute aus Gleichgültigkeit gegenüber dem demokratischem deutschen Volke, ihre Würde als Deutsche und Menschen vor den Nazis abgelegt haben!

21.02.2017 21:26 Klaas aus Holland 12

@8, Verzeihung Andreas, (prima geschrieben) war fuer @9 Agnostiker gemeint.

21.02.2017 20:21 Klaas aus Holland 11

@8, Sie koennen vielleicht gar nix anfangen mit dieser Erinneringskultur...Vielleicht sagen sie das mal im Ausland. In Paris, Warschau oder Amsterdam.
Wie Frauke Garstig es hervorragend geschrieben hat, es waren junge Menschen, sie duerften nicht alt werden. Nein, sie sollten umgebracht werden. Die nazis sind nach dem Krieg nicht vernichtet. Sie sind nur untergetaucht, feierten Feste, stifteten Familien. Keine Erinnerung. Kein Schuld.

21.02.2017 17:53 Agnostiker 10

@ 6: Ihr vermeindlicher "Spiegel", mein Bester, ist in Wirklichkeit ein Bild.
Gemalt von den Siegern, und das in den grellsten Farben. ;)

21.02.2017 17:48 Agnostiker 9

@ 7: Das koennen Sie sich wohl immer noch nicht verzeihen!?
Ich kann uebrigens mit diesem als "Erinnerungskultur" vermarkteten Schuldkult von Ihresgleichen gar nix anfangen - so sehr ich es auch versuche, aber ich kann mich einfach nicht daran erinnern. ;)

21.02.2017 17:22 Andreas 8

@1 und 2, da besonders in diesen Tagen bei der Verbreitung von historischen Halbwahrheiten durch rechtspopulistische Gruppierungen, man anscheinend ein starkes Zeichen des Vergessens setzen muss. Leider gibt es viele Bürger/-innen die Desinformationen aus der rechten Szene verbreiten und anscheinend im Geschichtsunterricht geschlafen haben oder Verschwörungstheorien eines Verlags der mit K beginnt und P endet mehr Glauben schenkt. Geschichtsverdrängung sollte nicht zum Religionsersatz werden und billig sollte im Discounter bleiben. Bildung kostet nun mal Geld, was anscheinend bitter nötig ist. Für alle zukünftigen Generationen und als Mahnmal für andere Kulturen/ Länder, dass wir Deutschen verantwortungsvoll und selbstbewusst mit unserer Geschichte vorbildlich umgehen. Und damit meine ich nicht sofort in die Jammer oder Opferhaltung zu schlüpfen, was dies gegenwärtig mit dieser Generation zu tun hat oder was dies an Geld kostet.

21.02.2017 15:45 Frauke Garstig 7

Die meisten Opfer in der Scheune waren jugendliche Zwangsarbeiter! Der Haupttäter des Massakers sowie die Zivilbevölkerung, die bei den Todesmärschen zwischen Mieste und Gardelegen half, konnten hingegen der grausam ermordeten jungen Männer in Deutschland alt werden!

21.02.2017 15:07 Günter 6

Also ich finde den Ausbau dieser Gedenkstätte mit Räume für Dauer- und Wechselausstellungen gut und richtig. Vielleich hätte man sich eine etwas andere Finanzierung ausdenken solle. So zum Beispiel die Hälfte aus Spenden und die Hälfte aus Steuergelder. Diesen Ausbau der Gedenkstätte halte ich deswegen für wichtig um den braunen Gedankengut ein Spiegel vor zu halten. Seht mal her das hatten wir doch schon mal.