Hände werden durch ein vergittertes Fenster gestreckt.
Gibt es in Gefängnissen ein Gewaltproblem? Bildrechte: dpa

Nach Missbrauchsfall in Leipzig Gewalt im Gefängnis: Einzelfälle oder Alltag?

Demütigung, Schläge und sexueller Missbrauch: Die Vorwürfe gegen zwei Häftlinge, die sich derzeit in Leipzig vor Gericht verantworten müssen, sind heftig. Sie sollen einen Mitgefangenen über Stunden misshandelt haben. Doch das ist nicht der einzige Prozess wegen schwerer Gewalt hinter Gefängnismauern in Mitteldeutschland – so wie etwa auch im Fall der JVA Gräfentonna in Thüringen. Wie viel Gewalt ist in Gefängnissen tatsächlich an der Tagesordnung?

von Kristin Kielon, MDR AKTUELL

Hände werden durch ein vergittertes Fenster gestreckt.
Gibt es in Gefängnissen ein Gewaltproblem? Bildrechte: dpa

Eine klare Hackordnung und Prügel: Dass es so etwas in Gefängnissen gibt, ist für Marco Bras dos Santos von der Gefangenengewerkschaft Bundesweite Organisation nicht neu. Dass die Gewalt so extrem eskaliert wie in der JVA Leipzig, sei aber eher ungewöhnlich.

In Sachsen gebe es das Problem durch die Arbeit der Justizvollzugsbeamten weniger. Hin und wieder würden Fälle vorkommen. Im bundesweiten Vergleich sei das eher weniger ein Problem. "Thüringen ist definitiv ein bisschen krasser – ja, da gibt es Problemfälle", meint Marco Bras dos Santos. Das könne man ganz klar sagen.

Volle Gefängnisse – wenig Personal

In Thüringen gibt es neu gebaute Riesen-Knäste, in denen es noch anonymer zugeht als in Sachsen. Allerdings sind die Einrichtungen hier völlig überfüllt: Bei 90 Prozent Auslastung gilt eine Haftanstalt als voll. In Sachsen liegen einige Gefängnisse laut Justizministerium bei 110 Prozent. Die Gefangenengewerkschaft fordert deshalb weniger kürzere Haftstrafen für kleinere Vergehen. Die würden ein Drittel aller Gefangenen ausmachen.

Dass es in den Haftanstalten Gewalt gibt, bestätigt auch der Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, René Selle: Einen Teil würden die Beamten mitbekommen, aber wie ja allgemein bekannt sei, sei bis vor kurzem einen strikten Personalabbau im Justizvollzug umgesetzt worden, so dass es in den Anstalten auch viel zu wenig Personal gebe. Das erschwere es natürlich, Gewalt unter den Gefangenen mitzubekommen.

Gemkow: Manche Gefangene verletzen sich selbst

Denn wenn die Justizvollzugsbeamten wegen des Personalmangels ständig ihre Stationen wechseln müssen, kennen sie ihre Gefangenen nicht mehr so gut, ergänzt Selle. Auch Zeit für Gespräche bleibe kaum. Er wünscht sich deshalb auch technische Unterstützung: Mehr Videoüberwachung könne die Sicherheit erhöhen – für Insassen und Mitarbeiter. Dem sächsischen Justizminister Sebastian Gemkow ist die angespannte Lage bewusst. Derzeit gebe es sogar noch ein weiteres Problem.

Die Gefangenenklientel sei sehr kompliziert geworden. Momentan gebe es einen Ausländeranteil von etwa 27 Prozent im Vollzug. Zum großen Teil seinen das Gefangene muslimischen Glaubens, die aus kulturellen Kreisen kämen. Gegenüber weiblichen Bediensteten würden sich diese Gefangenen zum Teil sehr aggressiv verhalten. Sie seien sehr rücksichtslos sich selbst gegenüber, das heiße, sie würden sich verletzen: "Wir hatten ganz drastische Fälle von Gefangenen, die sich die Brust aufgeschnitten haben, die sich die Lippen zugenäht haben", berichtet Gemkow.

Kriminologie: Gewalt ist Gefängnis-typisch

Der Kölner Kriminologie-Professor Frank Neubacher spricht von einer ganz eigenen Kultur in Gefängnissen, die nur schwer zu durchbrechen sei. Und zu der gehöre auch jegliche Form von Gewalt. So würden fast alle Häftlinge in einen regelrechten Sog der Gewalt gezogen – egal ob sie das wollen oder nicht.

Gewalt im Vollzug sei auch was gefängnistypisches und auch vom Wechsel einzelner Personen ziemlich unabhängig. Dieses Problem der Subkultur, die ja auch Gewalt befürwortee zur Lösung von Konflikten. Unter Subkultur verstehe man in der Strafvollzugswissenschaft so ein Set an Einstellungen, Normen, Werten, Verhaltensweisen, die Gefangene untereinander teilen würden, wo man auch sage, 'hier wird keiner verpfiffen oder wenn doch 'verzinkt' wird – wie das in der Gefängnissprache heiße – dann setzt es was.'

Eine klare Einteilung in Täter und Opfer fällt schwer, ergänzt der Kriminologie-Professor. Seine Forschung habe nämlich gezeigt, dass sich diese beiden Gruppen teils erheblich überschneiden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 13.10.2017 | ab 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 05:00 Uhr

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5 Kommentare

14.10.2017 08:59 007 5

Nochmal. Überfüllte Gefängnisse und mehr Kriminalität durch hohen Ausländeranteil. So einfach ist das Leben in Deutschland. Es ist drinnen wie hausen. Mehr gibts dazu nicht zu sagen. Frau Merkel sie können aufhören, sie haben es geschafft ...

13.10.2017 09:21 Wachtmeister Dimpfelmoser 4

"...Ausländeranteil von etwa 27 Prozent..." und "...zum großen Teil ... muslimischen Glaubens". Sind das nicht exakt die Tatsachen, deren bloße Erwähnung noch vor einem Jahr als "rechtspoulistisch" und "Pegida-Jargon" diffamiert wurden? Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis (Lenin). Ach ja, eine Frage noch in dem Zusammenhang: Macht man sich von Seiten der Politik und Medien genau solche Sorgen um die Opfer derjenigen, die dort einsitzen?

13.10.2017 08:32 OHNEWORTE 3

Weggesperrt sind Verurteilte schnell,aber die Verantwortung fuer Haeftlinge endet hinter den Mauern. Dem Gesetz wurde genuege getan,aber der Schutz in solchen Einrichtungen gegenueber den Schwachen , genannt auch Mensch liegt in der Verantwortung der Justiz. Man macht gerne grosse Propaganda mit humanen Strafvollzug ,aber wie die Menschen dort miteinander leben,ist egal.... Der Strafvollzug sollte nicht bedeuten Eingesperrt-ohne Rechte. Strafvollzug bedeutet befristet verwahrte Unterbringung,aber nicht Freiwild,und nicht Entzug der Menschenrechte.Die Strafvollzuege sind abgesackt in die kriminelle Paralellgesellschaft Kategorie ...siehe Amerikas Gefaengnisse.

13.10.2017 06:53 Gerd 2

"Die Gefangenengewerkschaft fordert deshalb weniger kürzere Haftstrafen für kleinere Vergehen."

denen scheint da die juristische Ausbildung zu fehlen, wenn sie so was fordern.

13.10.2017 06:50 Gerd 1

"Die Gefangenenklientel sei sehr kompliziert geworden. Momentan gebe es einen Ausländeranteil von etwa 27 Prozent im Vollzug."

ach nee, uns wurde doch immer vermittelt das die Kriminalität bei schon länger hier lebenden und kriminellen mit Migrationshintergrund gleich hoch sei.

Hat sich jetzt was geändert?